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Alltagsdeutsch – Podcast

Frankfurter Äppelwoi

In vino veritas - im Wein liegt die Wahrheit. Aber trifft das auch auf den Apfelwein, den Frankfurter Äppelwoi, zu? Dieser Wein wird nur in dieser Region hergestellt und ist nicht nur bei den Einheimischen beliebt.

Sprecherin:

Schon der alte Kaiser Karl der Große war ein Apfelweinfreund, und sogar bis in die Antike geht die Geschichte des Obstweins zurück. Dass der Apfelwein sich gerade im Frankfurter Raum durchsetzte, lag kurioserweise zunächst an der hohen Bedeutung der Stadt für den Traubenweinanbau. Als seit dem 16. Jahrhundert die Ernte der üppigen Weinberge immer mehr durch Schädlinge und Klimaverschlechterung zerstört wurde, sattelten die pfiffigen Kelter um. Sie verarbeiteten in den vorhandenen Kellern, in den Pressen und Fässern nicht länger Trauben, sondern die überreifen Äpfel aus ihren Obstgärten. Der preiswerte Äppelwoi, das "gute Stöffsche", wie er von den Frankfurtern liebevoll genannt wird, lief dem Traubenwein bald sogar den Rang ab. Aus der Not wurde eine Tugend. Und heute ist Frankfurt nicht nur eines von unzähligen Weinanbaugebieten, sondern genießt seinen einzigartigen Ruf als Apfelwein-Hochburg mit 30 Millionen Literproduktion pro Jahr. Ein Ruf, der die Einheimischen mit Stolz erfüllt.

O-Töne:

"Wir trinken den, ich würde sagen, viermal die Woche bestimmt. Und wenn wir auch im Ausland sind und man kommt nach dem Urlaub wieder zurück, ist das erste, was wir machen, erst Äppelwoi trinken." / "Bier und Wein, das können Sie überall auf der Welt trinken und Alkoholika, aber Apfelwein kriegen Sie speziell nur in Hessen." / "Ich bin Frankfurter, also das ist so das Nationalgetränk für uns. Und ich mag ihn, weil er sehr herb ist, und man hat eigentlich am nächsten Tag keinen dicken Kopf." / "So als alte rischtige Bierkuh, Leipzscher Bierkuh, muss ich sachen, öh, das Zeuch, erst hat mirs nich geschmeckt, aber dann hab ich mich so stufenweise dran gewöhnt. Und dann... es ist bekömmlicher wie Bier, nö, und dann muss isch soche, ja wenn man dann so einen geschnackelt hat, frühmorgens ist man fit, man hat keene Fahne, und die Atmosphäre is ganz anders wie bei Biertrinkern."

Sprecher:

Sicher haben Sie schon bemerkt, dass unser letzter Sprecher kein Einheimischer ist. Er sagt es ja selbst: er war eine Leipzscher Bierkuh, also ein begeisterter Biertrinker aus Sachsen, eine Region, die für ihren besonders breiten Dialekt bekannt ist. Aber einig ist er sich mit dem Frankfurter, was den Äppelwoi betrifft: bekömmlich ist er, er macht keinen dicken Kopf und keine Fahne, wenn man eine geschnackelt, also einen über den Durst getrunken hat - ein Zustand, für den es eine Vielzahl beschönigender Begriffe gibt. Aber auch wer vom Äppelwoi zu viel trinkt, trägt seinen Alkoholgeruch nicht wie eine Fahne vor sich her, im Gegensatz zu Bier oder Schnaps, bei denen die Fahne unübersehbar bzw. unüberriechbar ist. Und wer schon mal einen geschnackelt hat, dem braucht man kaum zu erklären, was ein dicker Kopf ist. Auch wenn äußerlich kein Unterschied zu sehen ist, am nächsten Morgen brummt der Schädel und fühlt sich so groß und schwer an, als könnte man ihn mit beiden Armen nicht umfassen. Ein scheußlicher Nebeneffekt, der beim leichten Äppelwoi mit nur fünf bis sechs Prozent Alkoholanteil entfällt.

Sprecherin:

Wegen seiner bekömmlichen Wirkung ist seit Jahrzehnten die Beliebtheit des Frankfurter "Stöffschens" ungebrochen, das spürt Günther Possmann nicht zuletzt an den Verkaufszahlen. Der Kaufmann führt in der vierten Generation den Familienbetrieb Possmann, eine der größten Keltereien Frankfurts, die bis zu 300.000 Liter pro Tag verkauft - ein Schwimmbad voller Apfelwein. Die Possmänner exportieren das Nationalgetränk auch ins Ausland, vornehmlich dorthin, wo die Deutschen Urlaub machen und sich nach ihrem geliebten Heimat-Stöffsche sehnen. Im vergangenen Sommer zum Beispiel verschickte die Familienkelterei über 11.000 Liter ins Lieblingsurlaubsland der Deutschen, nach Spanien. Aber auch die zahlreichen ausländischen Gäste in Frankfurt lassen sich einen Besuch in einer zünftigen Äppelwoi-Wirtschaft nicht entgehen.

Günther Possmann:

"Dass die Ausländer gerne zu uns kommen und Äppelwein trinken, selbst die Japaner, das ist eigentlich ganz selbstverständlich. Denn wenn ich ins Ausland gehe, dann versuche ich auch möglichst, das Typische, das Originellste dort zu erleben. Und so was Wunderschönes wie eine Kommunikationsküche hier wie in Äppelwein-Wirtschaften, auf diesen Bänken zusammenrücken und ganz gleich, ob das der Schmied von der Nachbarschaft oder ein Mädchen, eine Sekretärin von gegenüber, das trifft sich alles dort mit den Rentnern zusammen und mit dene aale Schobbepetzer, die ja ungeheuer viel Erfahrung in punkto Äppelwoi haben, und das ist eben auch die so gepflegte oder auch berühmte deutsche Gemütlichkeit, die da zum Ausdruck kommt, gerade in so einer Banken- und Versicherungs- und Kapitalstadt mit einem Riesenflughafen wie Frankfurt."

Sprecher:

Eine Weltstadt, in der trotzdem die gute deutsche Gemütlichkeit nicht zu kurz kommt. Eine typisch deutsche Eigenart, kann man hier wohl mit Recht sagen, denn allein der Begriff Gemütlichkeit ist in keiner anderen Sprache der Welt zu finden. Er beschreibt einen Zustand zwischen höchster Zufriedenheit und stillem Glück und ist auf verschiedene Weise zu erlangen: die einen machen es sich mit einem guten Buch und einem Glas Wein auf dem heimischen Sofa gemütlich - die anderen in feucht-fröhlicher Feierabendrunde mit Äppelwoi, deftigem Essen und netten Gesprächspartnern. Kommunikationsküche nennt das Günther Possmann. Die alten Schobbepetzer würden dieses Doppel-Substantiv nie in den Mund nehmen. Was das ist, solch ein Schobbepetzer? Das erklärt uns noch einmal der Fachmann:

Günther Possmann:

"Schobbepetzer? Na ja, das is einer, der gerne einen Schobbe, Glas Äppelwoi petzt. Schobbe ist ein Glas, ein geripptes Glas, und Petzer, das sind die Bawer, oder Petzer oder Schleucher sagt man zu denen, das sind die Äppelwein-Geschworenen. Die trinken eben schon von quasi Geburt auf, quasi mit der Muttermilch eingesogen, trinken die immer ihren Äppelwoi und treffen sich jeden Abend oder Nachmittag in ganz speziellen Gaststätten. Und teilweise gibt's da Wirtschaften, da sitzen die schon vorm Wirt an ihrem Stammplatz, und dann kommt der später und schenkt denen den ersten Schobbe aus, und das macht denen gar nix."

Sprecher:

Nun noch einmal langsam: Das Glas Apfelwein mit 0,25 bis 0,3 Litern Inhalt heißt Schoppen. Und petze, petzen, das ist der Frankfurter Ausdruck für "wegtrinken" - also ist ein Schobbepetzer ein Apfelwein-Genießer. Und auch wenn der von Günther Possmann als Geschworener bezeichnet wird, wird in der Äppelwoi-Wirtschaft über niemanden zu Gericht gesessen, außer vielleicht über die Qualität des Weines. Gemeint ist hier der Eingeschworene, derjenige, der auf den Äppelwoi schwört und von ihm überzeugt ist - ein Kenner. Dass er den Apfelwein nun gleich mit der Muttermilch aufgesogen haben soll, wäre natürlich ein physiologisches Wunder und ist wieder einmal im übertragenen Sinne gemeint: Das Sprachbild besagt, dass man etwas schon so lange tut, als hätte man sich schon als Baby daran gewöhnt.

Sprecherin:

Was der Schoppen ist, das haben wir nun schon herausgefunden, aber das ist natürlich nicht alles. Zum zünftigen Äppelwoi-Genuss gehören traditionell noch weitere Hilfsmittel:

Günther Possmann:

"Es gibt das magische Dreieck, das ist eben der Bembel, in dem der Äppelwoi aufs Feld mitgenommen wird oder vom Keller unten hochgeholt wird. Der wurde ja früher eben vom Fass gezapft unten im Keller, und man hat dann über die Treppenstufen ihn hochgebembelt, hochgetragen. Und dann kommt der Bembel oben auf die Theke. Und aus diesem Bembel, der dann in einen Faulenzer reingesetzt wird - ein Bembel, das ist ein schwerer Krug, meistens 10 oder 5 Liter, wird er in ein Hebegerät hineingesetzt, womit man wunderbar dann die Gläser füllen kann, indem man eben den Bembel immer nur leicht anhebt."

Sprecher:

Der Bembel, das ist also ein bauchiger blau-weiß bemalter Tonkrug, in dem der Apfelwein serviert wird. Warum der Bembel nun Bembel heißt, dazu gibt es viele Geschichten. Eine besagt, dass die Krüge griffbereit über der Theke hingen und dort bambelten, also baumelten. Eine andere Deutung zitiert die Studentensprache des 17. Jahrhunderts, in der das Trinkgefäß als "Bampel" bezeichnet wurde. Der Faulenzer allerdings, da ist sich der Volksmund einig, soll seinen Namen nicht nur damit verdient haben, dass er dem Wirt die Hebe-Arbeit abnimmt. Die heute gusseisernen Gestelle waren früher aus Holz und machten beim Kippen des Bembels ein solch stöhnendes und ächzendes Geräusch, wie es manchmal arbeitsfaule Lehrlinge von sich geben. Aber wer den Äppelwoi trinkt und nicht selbst aus dem Keller holen muss, hat natürlich gut reden.

Sprecherin:

All dies sieht und erfährt der Außenstehende im Frankfurter Äppelwoi-Museum - ja, so weit geht die Verehrung des Nationalgetränks. In der Gaststätte Historix, direkt neben dem Historischen Museum am Römerberg, wird die geschichtliche Entwicklung und das gesellschaftliche Umfeld des Äppelwoi in Dokumenten und Bildern aufgezeigt, und es wird das Rüstzeug rund um das Stöffsche ausgestellt, von der Apfelmühle über die Presse bis hin zum signifikanten, magischen Dreieck in allen Größen und Ausführungen: Das magische Dreieck rund um den Äppelwoi, das sind der besagte Bembel, der Schoppendeckel und das gerippte Glas. Und warum das typische Äppelwoi-Glas unbedingt gerippt, also mit Rauten und Riffeln versehen sein muss, das erklären uns der Wirt und Betreiber des Museums Willy Berger und sein Kollege Günther Possmann:

Willy Berger:

"Erstens mal hat man früher ja von Faust, wie die Frankfurter sagen, von Faust gegessen, also aus der Hand, die wurden dann auch entsprechend fettig, wenn man dann dieses Glas genommen hat, wäre einem ein normales Glas locker aus der Hand gerutscht. Deswegen wurde dieses Glas gerippt ... und man hat die deswegen in diese Glaswand gemacht, weil eben der Schobbe früher nie ganz blank war. Da hat man dann natürlich sich bemüht, dem Gast einen besseren, blankeren Äppelwein zu zeigen, als man in Wirklichkeit hat produzieren können, indem man eben das Licht sich in den starken Rauten des Glases hat brechen lassen und damit einen helleren Schoppen präsentieren konnte. Dann gibt's eben noch dazu, für die richtigen Geschworenen, die immer gerne zum Äppelwoi gehen, einen Schobbedeckel. Den habe die in de Tasch, das ist ihr persönliches Eigentum, und den setzen die oben auf das gerippte Glas drauf. Vor allem im Sommer, wenn sie draußen unter der Kastanie sitzen, damit dem Nachbar sei feucht Aussprach da nit den Äppelwoi verwässert, wär' ja schad drum."

Sprecher:

Blank sollte der Schoppen früher sein, also durchsichtig, denn früher galt als gut, was rein und klar aussah. Deshalb setzte man dem Apfelwein den Saft der seltenen Frucht Speyerling zu, der den Wein aufklärte, ihm aber auch einen herberen Geschmack verlieh. Heute, wo das Aufhellen durch moderne Filteranlagen ganz einfach wäre, ist dies gar nicht mehr so gefragt. Denn die Werte haben sich gewandelt. "Zurück zur Natur" geht die Entwicklung, und als besonders gesund gelten heute jene Säfte, die naturtrüb belassen werden. Die gerippten Gläser bleiben trotzdem aktuell. Der Schobbedeckel, der aufs Glas gelegte Deckel, allerdings ist ein Accessoire der älteren Generation, wenn auch der Nutzen unumstritten ist. Denn, wie sagte Günther Possmann: Er schützt vor der feuchten Aussprache des Nachbarn. Die Aussprache der alteingesessenen Frankfurter mag aber im bildhaften Sinne nicht nur feucht sein, sie ist auch vom Klang besonders weich. Die Endungen werden gerne einmal verschluckt, viele harte Laute werden gegen das weichere Gegenstück ausgetauscht. Aus "p" wird "b" wie der Schobbe statt dem Schoppen. Aus "k" wird "g", aus "ch" wird "sch", und der umständliche Genitiv wird einfach ignoriert. Aus "des Nachbarn feuchter Aussprache" wird "dem Nachbar sei feucht Aussprach". Und der Schoppendeckel steckt in der Tasch. Und ein "gell" schließt nicht selten den Satz ab, wie das bergische "woll" oder das berlinerische "wa". Die Frankfurter sind eben gemütlische Leut.

Fragen zum Text

Wie viel Liter Apfelwein werden jedes Jahr in Frankfurt hergestellt?

1. 5000

2. 30 Millionen

3. 70 Millionen

Wenn jemand einen dicken Kopf hat, dann…

1. hat er/ sie einen großen Kopf.

2. hat er/ sie sich am Kopf verletzt.

3. hat er/ sie am Abend zuvor zu viel getrunken.

Was ist ein Schobbe?

1. eine Flasche Bier

2. eine Kanne Milch

3. ein Glas Apfelwein

Arbeitsauftrag

Der Äppelwoi ist ein typisches alkoholisches Getränk der Region um Frankfurt. Gibt es auch in Ihrem Land oder Ihrer Region ein Getränk, das nur in diesem Gebiet produziert wird? Schreiben Sie einen kurzen Aufsatz über Ihr landestypisches Getränk und ob sie es mögen oder ein anderes Getränk bevorzugen.

Audio und Video zum Thema

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