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Reise

Frankfurt: Ein Tag an der Hauptwache

Frankfurt ist vor allem bekannt für sein Bankenviertel und die Börse. Doch das eigentliche Herz der Stadt ist der Platz rund um die Hauptwache. Ein Treffpunkt für Einkaufslustige, Banker und Touristen.

Die Glocke der Katharinenkirche an der Hauptwache schlägt acht Uhr morgens. Ein paar Männer mit Rollkoffern eilen schnellen Schrittes über den Platz, Radfahrer kreuzen rasant ihre Wege, ein Kehrwagen der Stadtreinigung fährt seine Kreise. Zu dieser frühen Stunde ist die Frankfurter Hauptwache kein Ort zum Verweilen. Einzig drei Obdachlose sitzen auf den Bänken unter den Platanen am Rand und betrachten das Geschehen. Erst als halb zehn Uhr die umliegenden Geschäfte öffnen, drängen immer mehr Touristen und Einkaufslustige aus S- und U-Bahn-Ausgängen auf den Platz.

Zwischen Bankenviertel und der Einkaufsmeile Zeil gelegen ist der Platz an der Hauptwache seit Jahren das Zentrum der Frankfurter Innenstadt. Doch was heute der wahrscheinlich belebteste Platz Frankfurts ist, diente einst ganz anderen Zwecken. 1730 wurde das barocke Gebäude der Hauptwache als zentrale Wache der Stadtwehr der freien Reichsstadt Frankfurt fertiggestellt. Hier waren neben Wachstuben auch Verhörräume und ein Gefängnis untergebracht. Auf dem angrenzenden Platz fanden im 18. Jahrhundert militärische Paraden und Hinrichtungen statt. Traurige Berühmtheit erlangte die Hauptwache im April 1833, als radikale Demokraten das Gebäude stürmten. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen und ging als "Frankfurter Wachensturm" in die Geschichtsbücher ein.

Gegen Mittag erwacht der Platz

Inzwischen ist der Vormittag vorrüber gegangen. Es herrscht hektisches Treiben an der Hauptwache. Banker und Geschäftsleute machen Mittagspause oder erledigen Besorgungen, der Platz und die umliegenden Cafés füllen sich. Am Imbiss an der Hauptwache bildet sich eine lange Schlange. Anzugträger und Teenager im Minirock warten auf ihre Bratwurst. Hartmut, der Besitzer, ein freundlicher Herr mit weißen Haaren und knallroter Schürze, steht selbst am Grill. Seit nunmehr 30 Jahren betreibt er die Imbissbude. Und das mit Erfolg. "Wir haben Stammkunden, die kommen seit 1984 in ihrer Mittagspause zu uns", sagt Hartmut stolz. Früher hatte er auch einen mobilen Imbiss auf Volksfesten wie der Frankfurter Dippemess, einem großen Jahrmarkt, oder dem Weihnachtsmarkt. Seit 2005 kümmert sich Hartmut mit seinen vier Mitarbeitern nur noch um das Geschäft an der Hauptwache.

Die Frankfurter Hauptwache

Im Café Hauptwache hat Kaffeehauskultur Tradition

Weniger familiär, aber dafür nobler geht es ein paar Meter entfernt im Café Hauptwache zu, das in dem Gebäude der ehemaligen Wache untergebracht ist. Hier dinieren Geschäftsleute, elegant gekleidete Damen machen Kaffeepause von ihren Einkäufen in der nahegelegenen Goethestraße, der Edeleinkaufsstraße Frankfurts. Die Kaffeehauskultur hat inzwischen eine lange Tradition. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Nutzung der Hauptwache als Revier aufgegeben, seit 1905 befindet sich hier ein Café. Im Zweiten Weltkrieg bei Luftangriffen zerstört, wurde das historische Gebäude mit dem Café bereits in den 1950ern wieder aufgebaut. 1966 verschwand die Hauptwache noch einmal für zwei Jahre aus dem Frankfurter Stadtbild: Für die Bauarbeiten an dem neuen S- und U-Bahnhof Hauptwache wurde sie Stück für Stück abgetragen und um einige Meter versetzt neu errichtet.

Infrastruktur im Wandel

Der Platz an der Hauptwache ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Verkehrsknotenpunkt. Hier kreuzten sich einige der verkehrsreichsten Straßen und die wichtigsten Straßenbahnlinien der Stadt. Heute treffen sechs U-Bahn-Linien und acht S-Bahn-Linien unterirdisch aufeinander. Oben an der Hauptwache ist jetzt eine Fußgängerzone, statt Autos und Straßenbahnen gibt es nun Rikschas.

Die Frankfurter Hauptwache

Fabian fährt mit seinem Velotaxi Touristen durch die Frankfurter Innenstadt

Fabian fährt eine von ihnen. Der junge Mann sitzt an der Hauptwache in seinem Velotaxi, wie er die Rikscha nennt, und wartet auf den nächsten Kunden. Er mag seine Arbeit, man sei schließlich an der frischen Luft und komme mit interessanten Leuten in Kontakt. Nur eines gefällt ihm am Fahren in der Frankfurter Innenstadt nicht. "Die Straßenmusik auf der Zeil ist ganz schön nervig", sagt er und zeigt mit dem Kopf hinter sich auf die angrenzende Fußgängerzone, wo ein Klarinettist schon seit Stunden die immer gleichen Stücke spielt. Dann muss Fabian auch schon wieder los, Kundschaft wartet.

Sehen und Gesehen werden

Am Nachmittag wird die Atmosphäre an der Hauptwache etwas ruhiger. Die Menschen hetzen nicht mehr von einem Ort zum anderen, sondern schlendern über den Platz. Dort, wo einst eine wichtige Verkehrsader Frankfurts war, ist eine Flaniermeile der besonderen Art entstanden. Mädchen mit Primark-Tüten und Frauen mit Louis-Vuitton-Taschen schreiten vorbei. Stolz präsentieren sie ihre Neuerwerbungen oder einfach sich selbst. Der Platz ist auch ein Laufsteg.

Die Sonne steht tief und taucht den Platz und die umliegenden Gebäude in ein warmes Licht. Es ist Abend geworden. Auf den Stufen vor der Hauptwache sitzen die Menschen und trinken ein Feierabendbier, lesen, hören Musik oder warten auf eine Verabredung. Kinder rennen über den Platz und jagen Tauben. Fabian und die anderen Rikscha-Fahrer haben inzwischen Feierabend gemacht. Auch der Klarinettist ist verstummt. Nur die drei Obdachlosen vom Morgen sitzen noch immer da und schauen auf den Platz. Die anderen mögen kommen und gehen. Sie bleiben, auch über Nacht.

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