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Filme

Frank Stern: "Auch nach 1945 wurde mit antijüdischen Klischees und Stereoptypen gearbeitet"

Antisemitische Tendenzen finden sich in Filmen vor und nach Adolf Hitler. Aber es entstanden auch Filme, die kritisch mit dem Judenhass umgingen. Im DW-Interview nennt der Historiker Frank Stern Beispiele.

Deutsche Welle: Herr Stern, wenn man an das Thema Antisemitismus im Kino denkt, dann gelangt man unweigerlich zu den Jahren 1933 bis 1945 und zum Propagandakino des NS-Regimes. Aber: Gab es nicht auch schon vor dem Nationalsozialismus Filme, die antisemitisch waren?

Frank Stern: Das ist richtig. Zuerst ist immer die Assoziation der Filme des Nationalsozialismus da, "Jud Süß" oder "Heimkehr" usw. Dabei wird vergessen, dass die nationalsozialistische Filmpolitik - die Filmemacher, Schauspielerinnen und Schauspieler, die Drehbuchautoren - auf einen Riesenfundus jüdischer Figuren und Geschichten aus der Zwischenkriegszeit zurückgreifen konnten.

Es gab im Mainstream-Film ganz etabliert die Darstellung jüdischer Charaktere. Und das, was positiv, leicht kritisch oder selbstkritisch, stereotyp oder klischeehaft, im deutschsprachigen Film, in Berlin oder Wien in der Zwischenkriegszeit vorhanden war, das war dann mehr oder weniger ein Selbstbedienungsladen für die NS-Filmpolitik. Man musste es nur umpolen, es musste nur umgedreht werden. Jedes Klischee wurde überhöht. Jedes Stereotyp wurde rassistisch umgedreht.

Ernst Lubitsch (AP)

Filmemacher Ernst Lubisch

Haben Sie da ein Beispiel?

Die wunderbaren, komischen Filme von Ernst Lubitsch. Seit 1914 zeigte Lubitsch phantastische, neurotische, liebevolle, auch kritisch zu sehende jüdische Charaktere, die irgendwo in Berlin lebten, zumeist junge Männer. Er selbst spielte sie auch, mit überbetonter Nase, mit überbordender Gestik, mit ausgeprägter Erotik, mit sexuellen Konnotationen.

Er entwickelte damals den "Lubitsch-Touch". All das, was fröhlich über die Leinwand kam und unwahrscheinlich beliebt war beim Publikum, ist nach 1933 umgedreht worden in antisemitische, rassistische, sexistische, ökonomische Stereotype, in denen vor allem die Physiognomie, das Gesicht, die Körpersprache eine große Rolle spielten, aber eben negativ konnotiert. Ich glaube, dass dieser Zusammenhang sehr wichtig ist, weil man sonst immer denkt, die Nazis haben das erfunden.

…dann kamen die Jahre 1933 bis 1945. Wie ging es dann aber nach 1945 weiter? Wurde das in irgendeiner Art und Weise fortgesetzt?

Das ist eine der spannendsten Fragen der Filmgeschichte nach 1945. Die einfache Antwort ist: Es lebt weiter! Es wird weiter mit Klischees und Stereotypen gearbeitet, aber sie werden nun wiederum zum Teil philosemitisch herumgedreht. Das kann man an folgenden Dingen sehen: Es gab kaum jüdische Männer auf den deutschsprachigen Leinwänden, sondern eher jüdische Frauen. Die werden als Opfer dargestellt. Das heißt, die ersten Filme, die nach 1945 gedreht wurden, haben sehr oft den Charakter, generelle Verantwortung und Schuld wegzuschieben und auf eine jeweils individuelle Schuld am Tod von Juden hinzuweisen.

Artur Brauner und Steven Spielberg (CCC Filmkunst GmbH)

Artur Brauner thematisierte nach 1945 den Antisemitismus, hier mit Steven Spielberg (re.)

Aber es gab natürlich doch auch ehrenhafte Versuche?

Es gibt einige Filme von Arthur Brauner, die vehement gegen den Antisemitismus vorgehen. Es gibt in Wien den Film "Der Prozess" von Regisseur G.W. Pabst (1948), der sich vehement gegen Antisemitismus, wie er auch nach 1945 noch existierte, wendete. Das heißt, es gab den Versuch bei einigen Filmemachern und Produzenten, dem Antisemitismus der Nationalsozialisten etwas entgegenzustellen. Geht man aber durch die deutschsprachige Filmgeschichte, wird man sehr schnell feststellen, dass bestimmte Stereotype und Klischees wiederauftauchen, und das wird im Laufe der Jahrzehnte eigentlich immer stärker.

Gerade in den letzten Jahrzehnten sind ja hierzulande immens viele Filme über den Holocaust und die Zeit zwischen '33 und '45 in Deutschland gedreht worden…

Ja, ich nenne mal ein Beispiel. Volker Schlöndorff hat Filme gedreht, in denen massiv antijüdische Klischees und antijüdische Stereotype vorhanden sind. Da war der Film "Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach", wo das traditionelle Bild des verschwörerischen, reichen, einsamen, heimatlosen, bodenlosen 'Geldjuden' vorkommt - so massiv, dass man erschrocken ist. In der "Blechtrommel" gibt es starke antisemitische Sequenzen in Danzig, was eigentlich keiner wahrgenommen hat, der Film hat ja viele Preise bekommen. Und von seinem sehr schnell vergessenen Film "Der Unhold", in dem dann sogar eine christliche Erlösungsgeschichte die Juden retten soll, will ich gar nicht reden…

Filmszene aus Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff mit dem trommelnden Oskar Matzerath (Imago/AGD)

Auch in Schlöndorffs "Die Blechtrommel" erkennt Frank Stern antijüdische Klischees

Können Sie weitere Beispiele nennen? Auch für das deutsche Fernsehen sind ja viele Filme über die Zeit gedreht worden…

Es sind gerade erstmalig die wundervollen Briefe von Viktor Klemperer (bekannter deutscher Romanist, Anmerk. der Red.) erschienen. Ab 1995 hat es ja bereits die Tagebücher von Klemperer gegeben. Damals gab es eine Fernsehverfilmung in mehreren Folgen. ("Klemperer - ein Leben in Deutschland" von Regisseur Kai Wessel, 1999, Anmerk. der Red.) Ich erinnere mich noch an einen Streit bei der Premiere in der "Akademie der Künste" in Berlin, wo ich mich wahnsinnig aufgeregt habe, weil in dem Film einfach Details so grundfalsch und stereotyp waren, dass das schon wieder den antisemitischen Vorurteilen und dem antijüdischem Denken entsprach, was nach wie vor verbreitet ist….

…was war denn in der TV-Verfilmung so grundfalsch?

Ein ganz einfaches, schlichtes Beispiel: Ein jüdischer Intellektueller muss nach der Vorstellung von "Lieschen Müller" eine Brille tragen. Viktor Klemperer hat nie eine Brille getragen. In der Fernsehserie setzt man Viktor Klemperer eine Brille auf. Oder nehmen sie "Schimanski". Die "Schimanski"-Folge über den Golem ("Schimanski: Das Geheimnis des Golem" von 2004, Anmerk. der Red.), da sind die ersten 15 Minuten voll mit Klischees von düsteren verschwiemelten Synagogen, von geheimnisvollen Begegnungen auf einem jüdischen Friedhof, von einem "Jiddeln" (dem peinlichen Versuch Jüdisch zu reden, ohne es zu können, Anm. der Red.), was sehr lächerlich wirkt. So könnte man viele Beispiele nennen, wo natürlich nicht die Nationalsozialisten mit ihrem Antisemitismus dahinterstehen. Aber es ist ein Beiwerk, mit dem antisemitische Vorurteile transportiert werden.

TV Serie Klemperer - ein Leben in Deutschland von Kai Wessel: fünf Hauptdarsteller präsentieren sich beim PR-Termin (Imago)

Die Schauspieler der TV-Serie "Klemperer - ein Leben in Deutschland" (1999)

Wie erklären sie sich das? Schlöndorff und Co. hatten ja sicherlich keine bösen Hintergedanken ...

Nein. Genauso wenig wie Rainer Werner Fassbinder. Aber auch Fassbinder hat antisemitische Dinge in seinen Filmen. Ich versuche das immer so zu erklären: Fassbinder war kein Antisemit, Schlöndorff ist kein Antisemit, aber irgendwie arbeitet dort unbewusst, mentalitätsmäßig nicht verarbeitetes Nachdenken über die deutsche Geschichte, über die deutsch-jüdische Geschichte mit. Alles das, was antijüdisches Denken eigentlich ist, arbeitet bei manchen Regisseuren und dann bricht es einfach durch und taucht dann in Filmen auf…

Blicken wir zum Schluss auch auf das internationale Kino, wie sieht es dort aus nach 1945?

Im internationalen Film, insbesondere im französischen, im amerikanischen, auch im englischen, sieht es etwas anders aus. In Frankreich werden französisch-jüdische Charaktere sehr sorgfältig gecastet. In den USA ist das manchmal nicht so sehr der Fall. Aber es wird auf jeden Fall darauf geachtet, antijüdische Stereotype und Klischees nicht zur Darstellung kommen zu lassen. Das wäre auch sehr schwierig, weil in den amerikanischen und französischen Film-Communitys sehr viele junge begabte Jüdinnen und Juden tätig sind.

 Frank Stern (Privat)

Historiker Frank Stern

Das ist so, wie es in Deutschland vor 1933 Mainstream war: Da gehörten jüdische Künstler genauso dazu wie nichtjüdische Künstler. Man machte sich darüber keine Gedanken, man bearbeitete Themen und versuchte es so gut und erfolgreich wie möglich zu machen. Das ist heute charakteristisch für Frankreich, für die USA. Es ist noch nicht charakteristisch für Deutschland und Österreich.

Wobei ich sagen muss, ich hab das gerade in den letzten Wochen festgestellt in Diskussionen mit jungen Filmemacherinnen und Filmemachern: Es wächst jetzt wirklich eine junge Generation nach, die sehr begabt ist und wo man davon ausgehen kann, dass in den kommenden Jahren eine neue, eine nicht-stereotype Film- und Körpersprache zum Tagen kommen wird.

Frank Stern ist seit 2004 Professor für visuelle Zeit- und Kulturgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Zuvor unterrichtete er an verschiedenen Universitäten in Israel, Österreich und den USA. Stern beschäftigt sich seit vielen Jahren insbesondere mit verschiedenen Aspekten der Filmgeschichte.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

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