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Asien

Frank: "Reibungsloser Übergang von Kim zu Kim"

Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters hat Nordkoreas junger Führer Kim Jong Un dem Land schon seinen Stempel aufgedrückt. Und dabei macht er einiges anders als sein Vorgänger, erklärt Ostasienexperte Rüdiger Frank.

Nordkorea-Experten Prof. Rüdiger Frank. Prof. Frank ist Deutscher und lehrt an der Universität Wien.

Rüdiger Frank

Deutsche Welle: Herr Frank, knapp ein Jahr liegt der Tod Kim Jong Ils zurück. Danach gab es ja viele Fragen - allen voran die, wie es politisch weitergehen würde mit dem Land. Mögliche Szenarien reichten bis hin zu einem Zusammenbruch des Staates. Der ist ja nun ausgeblieben - wie steht Nordkorea insgesamt heute da?

Rüdiger Frank: Es ist schon überraschend, wie reibungslos der Übergang von Kim Jong Il auf seinen Sohn Kim Jong Un verlaufen ist. Überraschend deshalb, weil dieser Übergang sehr schlecht vorbereitet war. Kim Jong Un wurde ja nicht vorher schon von seinem Vater zum Nachfolger erklärt, es gab keine lange Phase des Aufbaus, sondern das Ganze ist mehr oder weniger plötzlich passiert. Deshalb kamen Befürchtungen auf, dass es möglicherweise zu Schwierigkeiten kommen könnte. Aber zumindest nach dem, was wir von außen beurteilen können, ist das nicht passiert. Nordkorea ist innenpolitisch stabil. Der neue Führer hat durch politische Maßnahmen auch schon einiges an Profil gewonnen.

Ist Kim Jong Un in seiner neuen Rolle angekommen?

Es sieht so aus. Man muss allerdings vorsichtig sein. Nach wie vor wissen wir nicht genau, was im Hintergrund vor sich geht, ob Kim Jong Un tatsächlich sämtliche Zügel selbst in der Hand hat oder ob er nur der sichtbarste Teil eines recht erfolgreichen Führungsteams ist.

Es gab Berichte über Säuberungsaktionen innerhalb der nordkoreanischen Führung. So soll unter anderem im Oktober der Vizeminister der Volksarmee hingerichtet worden sein. Auch wenn es keine offizielle Bestätigung gibt: Was steckt hinter solchen Machtdemonstrationen des jungen Kim?

Angenommen, das Gerücht stimmt: Es könnte sein, dass die Personen, die da aus dem Weg geräumt wurden, dem Führer selbst zu nahe getreten sind. Es kann aber auch gut sein, dass es einfach um einen Fraktionskampf in der nächstgelagerten Führungsebene geht. Es sieht nämlich durchaus so aus, als ob neben Kim Jong Un auch noch einige andere Politiker an Einfluss gewonnen haben - beispielsweise der Premierminister. Die gesamte Propaganda ist nicht mehr ausschließlich auf den einen Top-Führer konzentriert, sondern es gibt eine Handvoll Leute, die relativ häufig auftauchen. Es wäre durchaus denkbar, dass Säuberungsaktionen - wenn sie denn stattgefunden haben - nicht nur von oben nach unten verlaufen, sondern dass auf diese Weise eben auch Konkurrenten aus dem Weg geräumt werden.

Wie unterscheidet sich der Führungsstil des Sohnes von dem des Vaters? Und welche Parallelen gibt es vielleicht?

Der Unterschied ist gravierender als ich es für möglich gehalten hätte. Ich bin davon ausgegangen, dass ein ganz wesentlicher Teil der Legitimationsgeschichte, die jeder Führer braucht, darin besteht, Kontinuität zu demonstrieren. Das hat Kim Jong Un auch zunächst gemacht. Dann hat er aber doch relativ schnell begonnen, eigene Akzente zu setzen. Am sichtbarsten ist das in seiner medialen Präsenz und seinem Auftreten. Er ist offensichtlich ein ganz anderer Typ Mensch als sein Vater. Er lacht viel, er scheut den körperlichen Kontakt mit seinen Bürgern nicht, er spricht auch relativ häufig und gern öffentlich - was Kim Jong Il überhaupt nicht getan hat.

Am Spektakulärsten aber ist die Tatsache, dass er Teile seines Privatlebens öffentlich gemacht und eine First Lady präsentiert hat. Das ist - zumindest zu deren Lebzeiten - in Nordkorea bislang kaum passiert. Die Damen sind immer posthum glorifiziert worden, aber so etwas wie eine junge, gutaussehende, modern gekleidete Frau an der Seite des Führers hatte man in den nordkoreanischen Medien noch nicht gesehen. Es ist einerseits ein Bruch mit der Vergangenheit und gibt andererseits vielleicht auch Auskunft über eine gewisse Selbstsicherheit auf Seiten Kim Jong Uns. Er wagt es, Dinge so zu machen, wie sie seine Vorgänger nicht gemacht haben. Das ist einer der Gründe, warum ich nach wie vor zu den Optimisten gehöre, was Reformen in Nordkorea anbetrifft.

Stichwort Wirtschaftsreformen: Auch da gab es in diesem Herbst Spekulationen über mögliche Reformen. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich mittelfristig ein echter Wandel abzeichnet?

Die Chancen sind aus meiner Sicht so gut wie lange nicht mehr. Ein wichtiger Grund dafür ist der, dass Kim Jong Un den wirtschaftlichen Erfolg noch mehr braucht als seine Vorgänger. Er braucht ihn direkt für seine politische Legitimation. Eben weil er nicht über Jahre hinweg zum Führer aufgebaut worden ist, muss er auf anderem Wege argumentieren, dass er der richtige Mann an der Spitze ist. Für alle Schichten der Bevölkerung steht wirtschaftlicher Erfolg ganz klar im Mittelpunkt. Und Kim Jong Un hat durchaus signalisiert, dass das auch für ihn Priorität hat.

Kommen wir auf den missglückten nordkoreanischen Raketenstart im April 2012 zu sprechen. Wie sehr hat das den neuen Führer so kurz nach Amtsantritt zurückgeworfen?

Ich glaube, das hat ihn gar nicht so sehr zurückgeworfen. Ganz im Gegenteil. Der Raketenstart war ja schon vor Kim Jong Uns Amtsantritt geplant, in gewissem Sinne war es auch eine Frage der Pietät des Sohnes gegenüber dem Vater, diesen Test auch tatsächlich durchzuziehen. Was sehr bemerkenswert war, ist die Tatsache, dass das Ganze mehr oder weniger öffentlich stattgefunden hat - auf das Risiko hin, dass es schiefgeht. Was dann ja auch passiert ist. Der Raketenstart war ein Fehlschlag, aber anstatt das zu vertuschen oder geheim zu halten, hat Kim Jong Un sofort reagiert - und die Medien haben es bekanntgegeben. Er kündigte an: Wir versuchen es demnächst noch mal.

Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien.

Das Interview führte Esther Felden.