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Europa

Franco auf Eis - Vergangenheitsbewältigung in Spanien

Eine Skulptur Francos sorgt in Spanien für Aufregung: Der Diktator lebensgroß in Silikon, in einen Kühlschrank gezwängt. Der Fall zeigt, wie tief das Land im Umgang mit seiner autoritären Vergangenheit gespalten ist.

Für Eugenio Merino lief die Sache anfangs recht gut. Drei limitierte Kopien seines Werks konnte der Künstler für je 30.000 Euro verkaufen. Die Arbeit mit dem Titel "Always Franco" prägt sich ein. Der General, fast lebensgroß aus Silikon geformt, steht gedrängt hinter der Glastür eines Getränkekühlschranks, wie man ihn von einem amerikanischen Brausehersteller kennt. "Ich habe ihn in einen Kühlschrank gesteckt, weil ich denke, dass er eben noch immer recht frisch ist - er ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr präsent," so der 37-jährige Künstler.

Die Franco-Skuptur Frozen Franco (Foto: epa/Emilio Naranjo)

Frozen Franco - "Er ist immer noch frisch"

Seit dem Tod Francos sind mittlerweile bald vier Jahrzehnte vergangen und doch ist eine Arbeit wie die Merinos nach wie vor in der Lage zu spalten. Einerseits hat Merino viel Anerkennung für seinen Mut bekommen, von konservativen rechten Gruppen hingegen wurde er beschimpft und beleidigt. Der Streit zeigt die tiefen Zerwürfnisse innerhalb der spanischen Gesellschaft um die Frage, wie man mit dem Erbe des Diktators umgehen sollte. Franco hat das Land seit dem Sieg der Faschisten im spanischen Bürgerkrieg von 1939 bis zu seinem Tod 1975 regiert.

Künstlerische Freiheit vs. Beleidigung

Das Werk wurde der Öffentlichkeit erstmals im Jahr 2012 auf der ARCO Kunstmesse in Madrid präsentiert. Die "Nationalstiftung Francisco Franco" hat den Künstler daraufhin verklagt: Er habe das ehemalige Staatsoberhaupt beleidigt und sollte eine Entschädigung von 18.000 Euro zahlen. Im Juli wurde die Klage schließlich mit dem Verweis auf die künstlerische Freiheit abgewiesen - doch die Franco-Stiftung hat gegen die Entscheidung Einspruch eingelegt.

Francisco Franco 1966. (Foto: ddp images/AP Photo)

El Caudillo Franco - Von seinen Anhängern noch heute verehrt

"Diese Linken, die sich Künstler oder Schriftsteller nennen, haben ein ernsthaftes Problem," sagt Jaime Alonso, Vizepräsident der Stiftung. "Sie wollen uns vormachen, dass die Geschichte anders war, als sie sich wirklich abgespielt hat. Die glauben, dass sie uns weismachen müssen, dass die fast 40 Jahre unter Franco nichts als eine schlechte Zeit von Ausgrenzung und Verfolgung waren."

Die von Francos Tochter geführte Stiftung hat sich zum Ziel gemacht, die "Arbeit und Ideologie" des Diktators zu würdigen, so Alonso. Ihm zufolge war das Regime weder faschistisch noch unterdrückerisch. Historiker wie Franco-Biograf Paul Preston hingegen schätzen, dass die Truppen des "Generalissimo" mindestens 150.000 Zivilisten während des Bürgerkriegs getötet haben - republikanische Truppen auf der anderen Seite werden für den Tod von etwa 50.000 Bürgern verantwortlich gemacht.

Eine tiefe Kluft

Beide Seiten im Streit um das Kunstwerk sind auf ihre Weise tief verbittert darüber, wie das Land mit der Erinnerung an Franco umgeht. Für Alonso und die Franco-Stiftung wird der Diktator zu unrecht als Monster dargestellt; Merino hingegen findet, dass das Land das schlimme Erbe des Diktators noch immer nicht verarbeitet hat.

"Es gibt hier in Spanien ein riesiges Problem. In anderen Ländern haben Diktatoren entweder Selbstmord begangen oder wurden ermordet - aber eben nicht hier," erklärt Merino. "Franco ist friedlich in seinem Bett gestorben, es gab keinerlei abschließende Gerechtigkeit. Man kann aber nicht einfach sagen 'Es ist ja gar nichts passiert.' Denn es ist ziemlich viel passiert."

Baltasar Garzon (Foto: EFE/Paco Campos)

Das Verfahren gegen Richter Garzon hat gezeigt, wie schwer sich Spanien mit der Franco-Vergangenheit tut

Im Jahr 2010 begann ein bekannter Richter, die Verbrechen der Franco-Zeit zu untersuchen. Doch Baltasar Garzon wurde verklagt und wegen Amtsmissbrauchs von seinem Posten suspendiert, da er mit den Ermittlungen seine Kompetenzen überschritten habe.

"Es muss mehr geschehen"

Spaniens historisches Gedächtnis ist seit dem Umbruch in den 1970er Jahren ein schwieriges Terrain. Der ehemalige sozialistische Premierminister Jose Luis Rodriguez Zapatero, dessen republikanischer Großvater im Kampf gegen Franco sein Leben verlor, versuchte 2007 erstmals, sich der Sache durch Gesetzgebung anzunehmen. Zapatero verabschiedete ein Gesetz zur "moralischen Wiedergutmachung", um die Opfer des Regimes zu entschädigen. Öffentliche Symbole und Statuen zur Ehre Francos wurden demontiert, Straßen und Plätze mit seinem Namen umbenannt.

Für die politische Rechte hat das Gesetz unnötig die Vergangenheit heraufbeschworen, für die Linke hingegen waren die Regelungen viel zu unklar. Selbst einer der Regierungsberater hinter dem Gesetz, Historiker Jose Alvarez Junco, gesteht ein, dass die Vorgaben "zaghaft" waren. "Es muss mehr geschehen. Insbesondere mit Blick auf die Exhumierungen von jenen, die nie richtig begraben wurden. Sie liegen in Massengräbern am Straßenrand," so Junco im Gespräch mit der DW.

Valle de los Caidos - Nationales Kopfzerbrechen

Valle de los Caídos/ al der Gefallenen (Foto: DW/Viktor Tscherezkiy)

Valle de los Caídos - Grabstätte und Symbol Francos

In vielen Städten Spaniens sind jedoch nach wie vor Straßen und Plätze nach Franco oder seinen Generälen benannt. Das wohl bekannteste Beispiel ist ein riesiges Monument nicht weit von Madrid. Das Valle de los Caidos, Tal der Gefallenen, ist die letzte Ruhestätte Francos und das verherrlichende Mahnmal bereitet Öffentlichkeit und Regierung schon seit langem Kopfzerbrechen.

Es ist die Balance zwischen Würdigungen der Opfer und deren Angehörigen einerseits und der Gefahr einer Auseinandersetzung mit der politischen Rechten andererseits, die die Aufgabe der Regierung so schwierig gestaltet, erklärt Junco. Doch der Historiker glaubt, dass die Spannungen im Laufe der Jahre von ganz allein nachlassen werden. Die Überlebenden des Bürgerkrieges werden immer weniger und für junge Spanier hat Franco nur noch wenig Bedeutung.

Eugenio Merino jedoch will auch weiterhin die dunkle Vergangenheit Spaniens erforschen, ganz gleich, ob er sich damit Ärger einfängt. "Ich kann weiterhin sagen, was ich denke und der Druck wird daran nichts ändern."

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