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Welt

Francis Fukuyama: "Ich habe immer noch recht"

Geopolitik ist eine Konstante, sagt der Autor des Buchs "Das Ende der Geschichte", Francis Fukuyama, im DW-Interview. Auf lange Sicht sieht er aber nur ein funktionierendes System für Bürger auf der ganzen Welt.

DW: Herr Fukuyama, 1989 veröffentlichten Sie Ihr berühmtes Buch "Das Ende der Geschichte". Darin sagen Sie, dass der Erfolg der westlichen liberalen Demokratie bedeutet, dass es keine weitere soziokulturelle Weiterentwicklung mehr geben wird. Damals gab es viele Kritiker, die Ihnen vorwarfen, Unrecht zu haben. Fühlen Sie sich missverstanden, oder würden Sie heute sagen, dass Sie falsch lagen?

Francis Fukuyama: Ich denke, dass die größten Probleme deshalb entstanden, weil man mich falsch verstanden hat. Das Konzept des Buchs war die Frage: Worauf deutet die Richtung der bisherigen Geschichte hin? Deutet sie auf einen Kommunismus hin, was die Vermutung vieler Intelektueller zu diesem Zeitpunkt war? Oder deutet sie in die Richtung einer liberalen Demokratie? Und ich denke in dieser Hinsicht liege ich noch immer richtig.

Geschichte ist, im philosophischen Sinne, tatsächlich die Entwicklung oder die Evolution - oder die Modernisierung - von Institutionen. Die Frage ist: Welche Arten von Institutionen gibt es in den weltweit am weitesten entwickelten Gesellschaften? Ich denke, es ist ziemlich klar, dass jede Gesellschaft, die modern sein will, noch immer eine Kombination demokratischer politischer Institutionen in einer Marktwirtschaft haben muss. Und ich glaube nicht, dass China oder Russland oder irgendeiner ihrer Konkurrenten diesen Punkt wirklich untergraben würde.

Sie erwähnen China und Russland. Lassen Sie uns über die Ukraine sprechen. Wo sehen Sie uns historisch gesehen im Moment?

Ich denke, dass Russland sich nicht zu einer echten liberalen Demokratie entwickelt hat. Es hat territoriale Ambitionen, die Geopolitik ist also nicht verschwunden. Letztlich denke ich aber, dass das russische System sehr schwach ist. Es ist völlig abhängig von den hohen Energiepreisen. Ich glaube, dass es selbst in Russland nicht vollständig als eine legitime Regierungsform akzeptiert wird. Ich glaube also nicht, dass Russland ein echter Wettbewerber ist.

Ist Russlands Präsident Wladimir Putin ein gutes Beispiel für Ihre These, dass Anerkennung ein wichtiger Antrieb der Geschichte ist?

Ich glaube das trifft in vielerlei Hinsicht zu, weil ich denke, dass er - wie viele andere Russen auch - einen Groll dagegen hegt, dass Russland lange nicht anerkannt, als schwach angesehen und nicht berücksichtigt wurde. Auch dass seine Interessen nicht eingehalten wurden von den westlichen Ländern während der NATO-Erweiterung und andere Dinge, die so in den Neunziger und 2000er Jahren passierten. Die Anerkennung ist für ihn also ein Thema.

Sollten westliche Politiker, ob amerikanische oder europäische, ihm also mehr Anerkennung und Beachtung schenken?

Dafür ist es wohl zu spät. Viele der Probleme führen auf Entscheidungen zurück, die in den 90er Jahren getroffen wurden, und die man jetzt natürlich nicht mehr rückgängig machen kann. Man muss Russland als ein seriöses Land mit seinen eigenen nationalen Interessen behandeln.

Die Geschehnisse in der Ukraine schienen wie der Beginn eines zweiten Kalten Krieges. Im Moment gibt es Anzeichen für Zugeständnisse von beiden Seiten. Würden Sie sagen, dass der Kalte Krieg jetzt erst einmal überwunden ist?

Der Kalte Krieg war ein anderes Phänomen. Das war ein globaler Kampf, und es war ein Kampf zwischen unterschiedlichen Vorstellungen und sehr unterschiedlichen politischen Systemen. Die aktuelle Krise ist hingegen ein Kampf, um die Würde der Russen wieder herzustellen. Er hat tatsächlich keine Auswirkungen auf Gebiete außerhalb der ehemaligen Sowjetunion. In dieser Hinsicht ist er wirklich anders als der Kalte Krieg.

Wie ist Ihre Sicht auf Ihr eigenes Land, die Vereinigten Staaten, in Hinblick auf funktionierende Systeme und funktionierende Regierungen?

Ich behaupte in einem der nächsten Bücher, dass das amerikanische politische System in vielerlei Hinsicht verfallen ist, weil es stark von vielen mächtigen Interessengruppen beeinflusst wird. Viele der Gewaltenteilungen, auf die wir stolz sind, führten im Endeffekt zu etwas, das ich Vetokratie nenne. Das bedeutet, dass zu viele Gruppen ein Veto gegen Entscheidungen einlegen können. Das Ergebnis ist, dass der Kongress gelähmt ist - ein großes Problem für uns, denke ich.

Sehen Sie einen Verfall der demokratischen Institutionen in Ihrem Land? Was würde das für die Vereinigten Staaten als Ganzes bedeuten? Sind sie eine Supermacht auf dem Rückzug?

Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Die amerikanische Wirtschaft ist eigentlich sehr gesund und wohl die gesündeste unter den großen demokratischen Volkswirtschaften. Shale Gas, Silicon Valley - es gibt viele Quellen für Wachstum und Innovation. Ich denke nur, dass das politische System nicht gut ist. Aber die amerikanische Gesellschaft ist immer ein bisschen mehr Privatwirtschaft als im öffentlichen Sektor.

Also zurück zu "Das Ende der Geschichte". Was ist Ihre Prognose für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre?

Ich denke wir befinden uns in einer rauen Zeit, in der Russland und China expandieren. Aber ich denke auch, dass das ein begrenztes Phänomen ist. Auf lange Sicht gibt es wirklich nur ein System: die Idee der Demokratie in einer Marktwirtschaft. Auf lange Sicht bin ich immer noch optimistisch.

Francis Fukuyama ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Ökonom und für sein Buch "Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch", das er vor 25 Jahren veröffentlichte, bekannt.

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