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Europa

Früher Gastarbeiter, heute Akademiker

Nach 1960 kamen viele griechische Gastarbeiter nach Deutschland. Heute zieht es zunehmend Akademiker in die Bundesrepublik, die wegen der dramatischen Wirtschaftskrise kaum Perspektiven in Griechenland sehen.

Die Eltern von Kostas Dimitriou sind als Gastarbeiter in die Bundesrepublik Deutschland gekommen: "Meine Eltern und viele andere Griechen wollten in Deutschland Geld verdienen. Die ersten griechischen Gastarbeiter planten, für zwei bis drei Jahre hier zu bleiben, ihren Lohn zu sparen, und dann wieder zu ihren Familien zurückzukehren." Doch viele von ihnen sind geblieben – so auch die Eltern von Kostas Dimitriou, der heute Vorsitzender des Verbandes der Griechischen Gemeinden in Deutschland (OEK) ist.

Seit Mitte der 1950er Jahre hat die Bundesrepublik Deutschland diverse Anwerbeabkommen mit vorwiegend südeuropäischen Staaten abgeschlossen, um ausländische Arbeitskräfte für deutsche Unternehmen anzuwerben. Der erste Vertrag wurde mit Italien 1955 und am 30.03.1960 mit Griechenland unterzeichnet.
 
Unauffällige Minderheit

Nach dem Abschluss der bilateralen Verträge kamen ausländische Arbeitskräfte nach Deutschland, die direkt in den Büros der Entsendeländer rekrutiert worden waren. Nach wenigen Arbeitsjahren sollten sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Allerdings ging diese Rechnung nicht auf: Die Gastarbeiter blieben in Deutschland und ließen sich zunehmend nieder. Trotz des Rotationsprinzips – dass die ausländischen Arbeiter also nach einigen Jahren wieder von neuen Landsleuten ersetzt werden – ermutigten auch die Arbeitgeber ihre ausländischen Angestellten zu bleiben. Denn die neue Einarbeitung weiterer Arbeitskräfte wäre teuer geworden.

Ein griechisches Lebensmittelgeschäft im Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main. (Foto: Roland Witschel/dpa)

Aus den 70-ern: Ein griechisches Lebensmittelgeschäft im Frankfurter Bahnhofsviertel

Die Migrationsgeschichte vieler Griechen änderte sich, weil sie Familien gründeten und Kinder bekamen: "Die Kinder gingen in Deutschland zur Schule, der Kontakt nach Griechenland wurde im Urlaub gepflegt, doch der Lebensmittelpunkt hatte sich verschoben", erklärt Kostas Dimitriou. Die griechische Migrantengruppe in Deutschland habe kaum für Schlagzeilen gesorgt – daher nannte man sie "die unauffällige Minderheit", sagt der Vorsitzende der Griechischen Gemeinden in Deutschland. Die Integrationsbereitschaft der Griechen führt Kostas Dimitriou auf zwei Faktoren zurück: "Das sind die lange Tradition der Migration bei den Griechen und der schulische Erfolg der griechischen Kinder. Die hohen Erwartungen griechischer Familie an die Schulleistungen der Kinder haben eine große Rolle im Integrationsprozess gespielt."

Migranten kämpften für die Demokratie

Eine prägende Phase der griechischen Migrationsgeschichte war die Zeit der Militärdiktatur (1967 – 1974). Griechische Gemeinden und Organisationen im Ausland haben sich aktiv für die Demokratie eingesetzt. Viele demokratische griechische Politiker haben in der Bundesrepublik Zuflucht gesucht, um den Widerstand gegen die Militärdiktatur fortzusetzen: zum Beispiel der spätere Ministerpräsident Kostas Simitis. Zu den Widerstandskämpfern gegen die Militärdiktatur gehörte auch der heutige Staatspräsident Karolos Papoulias, der damals für einige Jahre in der Griechischen Redaktion der Deutschen Welle arbeitete.

Die höchste Anzahl an griechischen Staatsbürgern in Deutschland verzeichnete man 1973. In jenem Jahr führte die zunehmende Beschäftigungskrise in Westdeutschland zu einem Anwerbestopp und einer Schließung des Arbeitsmarktes nach außen. Zunehmend wurden Gesetze erlassen, die zu einer Rückkehr der ausländischen Arbeitnehmer führen sollten. Es gab beispielsweise Wartezeitregelungen auf dem Arbeitsmarkt für nachgereiste Familienangehörige. Zwischen 1973 und 1975 stieg die Zahl der Griechen, die aus der Bundesrepublik Deutschland wieder in ihr Heimatland zurückkehrten.

1980 wurde Griechenland EU-Mitglied und ab 1987 trat das Gesetz der „Freizügigkeit“ für Griechische Staatsbürger in der Europäischen Union in Kraft. "Mehr als 100.000 neue griechische Migranten kamen zwischen 1987 und 1997 für kurze Zeit nach Deutschland", erinnert sich Kostas Dimitriou. "Nicht alle waren einfache Arbeiter oder unqualifizierte Arbeitskräfte, sondern auch viele Wissenschaftler und Akademiker kamen nach Deutschland."
 
Zwischen Rückkehr und Bleiben

Wegen der wachsenden Massenarbeitslosigkeit in den 1980er Jahren wollte die Politik den Ausländeranteil im Land reduzieren. 1983 wurde das "Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft ausländischer Arbeitnehmer" beschlossen, das aktiv die Rückkehr fördern sollte. Ungefähr 300.000 ausländische Arbeitnehmer (sieben Prozent der 1984 in Deutschland lebenden Ausländer) haben dieses Angebot wahrgenommen und sind ausgereist.

Für die Bundesregierung stellte dies eine Möglichkeit dar, den Anteil der ausländischen Bevölkerung zu reduzieren und die sozialen Sicherungssysteme zu konsolidieren: Denn der Arbeitgeberanteil der Rentenversicherungsbeiträge blieb im Fall der Migranten, die in die alte Heimat zurückkehrten, bei der Versicherung. Nach 1997 ist die Zahl der in Deutschland lebenden Griechen aufgrund des natürlichen Alterungsprozesses und der Stagnation der Zuwanderung gesunken. Viele der ersten Gastarbeiter bezogen ihre Renten und kehrten zurück nach Griechenland.

Eine junge Griechin hat sich die griechischen Farben ins Gesicht gemalt (Foto: EPA/VASSIL DONEV)

In der Krise suchen immer mehr junge Griechen ihr Glück in Deutschland


In der Krise kommen wieder mehr Griechen nach Deutschland

Ab 2009 machte sich die Wirtschaftskrise in Griechenland bemerkbar. Dadurch verließen wieder mehr Griechen ihre Heimat, um ihr Glück in Deutschland zu suchen. Dazu gehören überwiegend Akademiker, aber auch ehemalige Gastarbeiter, die wieder nach Deutschland zurückkehren sowie unqualifizierte Arbeitskräfte. Griechischen Organisationen in Deutschland bekommen jeden Tag Tausende von Anrufen und Anfragen von Interessierten – das gehört heute zum Alltag von Kostas Dimitriou: "Viele von ihnen suchen verzweifelt eine Arbeitsstelle. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Neuankömmlinge gut ausgebildet sind, so dass dies sicherlich ihre Integration in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtert."