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Kultur

Fröhlich frivol: Aktzeichnen bei Dr. Sketchy's

Bei einer Zeichenstunde ist normalerweise kaum mehr zu hören als das Geräusch von Bleistiften auf Papier. Anders bei Dr. Sketchy's in Berlin - der etwas anderen Zeichenstunde mit Bier & Bar.

Kaum bekleidete Frau mit roter Perücke und ausladendem Kopfschmuck wirft sich in Pose, im Hintergrund Deko mit Totenschädel / Foto: Nina G. Zimmermann

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Aus den Lautsprechern kommt Rockabilly-Musik. Auf der kleinen Bühne im "White Trash" räkelt sich Modell Clea Cutthroat und nimmt die nächste Pose ein: Sie verschränkt die Arme über dem Kopf und blickt fragend nach oben. Ihre lange blonde Perücke glänzt im Scheinwerferlicht. Über ihren Brüsten trägt sie nur ein Gebinde aus durchsichtigen Plastikkugeln, die wie Seifenblasen aussehen.

Mit konzentriertem Blick lassen die Zeichner ihre Stifte übers Papier huschen. Mit Blöcken auf den Knien sitzen hier Grafiker, Künstler und Designer. Mit wenigen Strichen entstehen gekonnte Skizzen. Wer hierhin kommt, hat schon etliche Zeichenkurse hinter sich und Lust auf etwas Anderes. "Aktzeichnen ist meistens eher so trocken, und das ist halt irgendwie witziger", sagt Adrian von Bauer. Er ist Design-Student und es gefällt ihm hier, auch wegen der Musik.

Zwei leicht bekleidete Damen werfen sich in Pose, Accessoires u.a. ein überdimensionaler Parfumflacon und ein Totenschädel / Foto: Nina G. Zimmermann

Aktzeichnen mit Glamourfaktor

Import von der Lower East Side

Das "White Trash Fast Food" ist Restaurant, Club und Kneipe in einem. Wer etwas auf sich hält und große eckige Brillen und Röhrenjeans trägt, geht hier Burger essen oder auf ein Punk-Konzert. An diesem Samstagnachmittag sind vielleicht 80 Leute hergekommen, mit Zeichenblöcken unter dem Arm. Außer Deutsch hört man viel Englisch und Spanisch.

Zwei Männer mit Zeichenblock in gut besetzten Sitzreihen von Zeichnenden / Foto: Nina G. Zimmermann

Internationaler Besuch

Dr. Sketchy's gibt es hier einmal im Monat, organisiert von Matthias Pflügner. Er ist Illustrator und hat diese Art Kneipen-Kunstschule im letzten Sommer in New York entdeckt, in einer Bar in der Lower East Side. Dass man sich auch bei guter Musik und in entspannter Atmosphäre zum Zeichnen treffen kann, hat ihm sofort gefallen. Das New Yorker Original hat eine Burlesque-Darstellerin ins Leben gerufen, Molly Crabapple, benannt nach der Lehrerin aus der Fernsehserie "Die Simpsons".

Musik, Spaß, Alkohol

"Die war mal Aktmodell und hat immer im kalten Neonlicht auf dem Hocker gesessen und sich den Arsch taub gesessen und dachte halt, dass muss man irgendwie lustiger machen können", erzählt Matthias Pflügner. Ihr kam es darauf an, dass die Models gut behandelt und fair bezahlt wurden - und auf die richtige Mischung von Musik, Alkohol und Spaß. Die erste Dr. Sketchy's-Filiale war geboren.

Matthias Pflügner mit Fliege, Weste und Melone, im Hintergrund Publikum / Foto: Nina G. Zimmermann

Spiritus rector: Matthias Pflügner

Inzwischen gibt es die aparte Zeichenstunde in über 80 Städten weltweit, in Deutschland außer in Berlin noch in Hamburg, Hannover, Nürnberg und Stuttgart. Die Veranstalter zahlen pro Monat 10 Dollar an die Gründerin, als eine Art Lizenz, dafür bekommen sie Tipps und Hilfe. "Davon kann sich Miss Crabapple wahrscheinlich eine Zwölf-Quadratmeter-Wohnung leisten", sagt Matthias Pflügner.

Wodka zu gewinnen

Während die Besucher des Berliner Dr. Sketchy's an ihren Skizzen (englisch: sketches, daher der Name) arbeiten, linst Matthias Pflügner auf die Blöcke. "Da sind ja ein paar richtig gute Zeichner heute abend dabei", spricht er ins Mikrofon. Er ist selbst leidenschaftlicher Zeichner. So leidenschaftlich, dass er sich nach dem Diplomabschluss in Politikwissenschaften lieber als Illustrator selbstständig machte. Er arbeitet unter anderem für Schulbuchverlage.

Mann hat Pinsel im Mund und malt damit Modell / Foto: Nina G. Zimmermann

So geht's auch...

Nicht nur die beiden Modelle, Clea Cutthroat und Lola von Dage werfen sich für die Veranstaltung in Schale. Auch Matthias Pflügner hat sich mit Anzughose, Weste und einer schwarzen Fliege bühnentauglich zurechtgemacht, wenn auch etwas dezenter als die Damen. Der Hut macht den Zweimetermann noch mal 10 Zentimeter größer. Er greift zum Mikrofon, um den nächsten Programmpunkt anzusagen. "Wer den Stift in den Mund nimmt und das beste Bild zeichnet, der kann was gewinnen, und zwar eine Flasche Sprit."

Tatsächlich klemmen sich fast alle ihren Bleistift, Filzer oder Kuli zwischen die Kiefer. Sie haben zehn Minuten Zeit. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Die meisten mundgezeichneten Bilder sehen immer noch besser aus als das, was Ungeübte mit der Hand malen. Der Gewinner wird per Publikumsapplaus bestimmt und bekommt eine Flasche Wodka, die er etwas verschüchtert entgegennimmt und später als Freigetränk verschenkt.

Knochenarbeit, regungslos

Pflügner mit zwei Models zur Gruppe arrangiert / Foto: Nina G. Zimmermann

Knochenarbeit oder Kunst?

Für die Modelle ist das Posieren echte Knochenarbeit. Bis zu fünfzehn Minuten müssen sie in komischen Haltungen verharren. "Es kommt darauf an, dass man eine Position findet, die man lange durchhalten kann, ohne dass es zu sehr weh tut", sagt Lola von Dage. Dass die schrill verkleideten Damen bei ihren Posen viel Haut zeigen, ist für die Besucher nichts Ungewöhnliches. Die Meisten haben schon oft Aktmodelle gezeichnet, aber anders als hier. "Das ist ja ne regelrechte Verkleidung, die Mädels sind nicht ganz nackt. Sonst ist es schon eher verbissen, dieses stoische Aktzeichnen. Und hier ist alles ein bisschen frecher."

Ein bisschen Erotik und Glamour gehört bei Dr. Sketchy's dazu. Zuviel Erotik dürfen die Besucher allerdings auch nicht erwarten. "Ich glaube, drei Stunden lang Frauen anzugucken, die sich nicht bewegen, ist nur für Zeichner interessant", sagt Matthias Pflügner, "der Rest könnte etwas gelangweilt sein."

Autorin: Anna Mielke

Redaktion: Aya Bach