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Asien

"Foxconn will uns kontrollieren"

Das neue iPhone 5 ist heiß begehrt. Doch in den Fabriken, in denen das Gerät hergestellt wird, herrschen zum Teil ausbeuterische Arbeitsbedingungen, erzählt ein Arbeiter aus der Foxconn-Fabrik im chinesischen Taiyuan.

Staff members work on the production line at the Foxconn complex in the southern Chinese city of Shenzhen, Southern city in China, Wednesday, May 26, 2010. The head of the giant electronics company whose main facility in China has been battered by a string of worker suicides opened the plant's gates to scores of reporters Wednesday, hours after saying that intense media attention could make the situation worse. (AP Photo/Kin Cheung)

Foxconn China Shenzhen Technik Selbstmord

DW: Im März 2012 kündigte der neue Apple-Chef Tim Cook an, gegen illegale Überstunden in den Fabriken seiner Zulieferer zu kämpfen. Damals versprach er, auch den Lebensstandard der Arbeiter zu erhöhen. Doch vor einigen Tagen hat ein Journalist aus Shanghai über schlechte Arbeitsbedingungen und von illegalen Überstunden berichtet. Stimmt diese Berichterstattung?

Foxconn-Mitarbeiter: Ja, wir arbeiten sehr hart hier. Die Arbeit ist sehr anstrengend, das Gehaltsniveau niedrig. Ich selbst muss in Nachtschichten teilweise sieben Stunden am Stück arbeiten - ohne Pause. Der Leistungsdruck ist sehr hoch, mein Monatsgehalt beträgt gerade einmal 1550 Yuan (ca. 190 Euro, Anm. d. Red.), das macht einen Stundenlohn von rund 1 Euro. Selbst mit Überstunden ist das monatliche Einkommen sehr gering, weil auch unsere Lebenshaltungskosten stetig steigen. Darüber hinaus geht die Fabrik sehr grob mit den Arbeitern um. Wer gute Arbeit leistet, bekommt keine Anerkennung. Aber wer seine Arbeit nicht so gut macht, wird scharf kritisiert. Das geht an die Nerven.

Foxconn-Arbeiter in Shenzhen trauern um Mitarbeiter, die - wohl wegen Überlastung - Anfang 2010 Selbstmord begangen haben. (Foto:ap)

Foxconn-Arbeiter in Shenzhen trauern um Mitarbeiter, die - wohl wegen Überlastung - Anfang 2010 Selbstmord begangen haben.

DW: Sie sprechen von schlechtem Umgang mit den Arbeitern - können Sie das näher erläutern?

Foxconn-Mitarbeiter: Unser Chef verlangt nur Gehorsam, wir sind wie Maschinen, die Fabrik will uns nur kontrollieren. Es gibt sogar eine Foxconn-Devise, die lautet: "Außerhalb des Labors gibt es kein High-Tech, es herrschen nur Gehorsam und Disziplin." Dieses Motto hängt an der Wand, das ist eine Art "Unternehmenskultur". Die Chefs sagen immer, das würde uns gut tun, wir könnten mehr Geld verdienen, wenn wir nur gehorsam bleiben. Neuen Arbeitern wird gesagt: "Tut einfach, was Euer Schichtleiter verlangt, und leistet keinen Widerstand." Das bedeutet, man darf keine eigenen Wünsche äußern. Wir haben zum Beispiel keine allgemeingültigen, vereinbarten Pausenzeiten. Wir dürfen nur dann in die Pause gehen, wenn der Schichtleiter es uns erlaubt.

DW: Noch vor ein paar Monaten, als der neue Apple-Chef Tim Cook China besuchte, kündigte Foxconn an, dass die wöchentliche Arbeitszeit maximal 49 Stunden inklusive Überstunden betrage, und dass diese Grenze streng eingehalten werde. Wird das in Ihrer Fabrik nicht umgesetzt?

Foxconn-Mitarbeiter: Das sind nichts als schöne Worte: Als wir anfangs geschult wurden, hieß es, alle zwei Stunden kriege man zehn Minuten Pause, aber tatsächlich habe ich davon nichts mitbekommen. Es heißt auch, die Nachtschicht beginne um 20 Uhr, drei Stunden später gebe es dann eine Essenspause, aber auch die wird nicht in voller Länge gewährt. Nach dem Essen muss man sogar ohne Pause bis 7 Uhr morgens arbeiten. Das sind mehr als sieben Stunden am Stück - jede Nacht! Das chinesische Arbeitsgesetz schreibt vor, dass ein Arbeiter monatlich nicht mehr als 36 Überstunden machen darf. Aber bei uns in der Fabrik machen die Arbeiter bis zu 80 Überstunden im Monat.

DW: Trotzdem bleiben Sie und Ihre Kollegen in der Firma. Warum?

Foxconn-Mitarbeiter: Ein erfahrener Kollege erzählte mir einmal, dass mich niemand zwinge, hierzubleiben. Aber wenn du dich beklagst, dann kriegst du sehr wahrscheinlich "Unannehmlichkeiten" vom Schichtleiter. Aber selbst der Schichtleiter darf dich nicht zwingen, falls du nicht weitermachen willst. Allerdings taucht dann der Chef auf. Er bedroht dich. Oder er versucht, dich zu überreden, mit Sprüchen wie: "Wir alle kommen hierher, um Geld zu verdienen. Zwei Stunden Mehrarbeit bedeutet auch ein Stück mehr Geld." Aber für zwei Überstunden bekomme ich nur knapp 30 Yuan, selbst ein Essen kostet rund 20 Yuan.

#b#DW: Mit den massiven Überstunden hat Foxconn die gesetzlich festgeschriebene Obergrenze längst überschritten. Hat das Unternehmen überhaupt keine Angst davor, dass seine Mitarbeiter etwas über die schlechten Arbeitsbedingungen nach draußen tragen könnten?

Foxconn-Mitarbeiter: Ich habe das Gefühl, die Foxconn-Leitung macht sich da überhaupt keine Sorgen. Im Gegenteil, Foxconn hat von der Regierung sehr viel Unterstützung bekommen. Die Firma hat in den letzten Jahren ihren Marktanteil in China stark erweitert. Weil Foxconn viele Arbeitsplätze schafft und viele Steuern zahlt, drückt die Regierung auch schon mal ein Auge zu. Daraus macht Foxconn-Chef Terry Gou gar keinen Hehl. Er hat gesagt, wenn die Arbeitsbedingungen in seiner Firma "problematisch" wären, wäre Foxconn längst "vernichtet" worden und hätte keine Chance gehabt, sich so rasant auf dem chinesischen Markt zu entwickeln.

Aufgrund des Informantenschutzes wurde das Interview anonym geführt. Die Identität des Foxconn-Mitarbeiters ist der DW bekannt.

Die Fragen stellte Yanyan Han.

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