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Kunst

Fotoserie von Jost Franko: Vier Jahre nach der Rana-Plaza-Katastrophe in Bangladesch

Bei dem Einsturz einer Fabrik in Bangladesch kamen 2013 mehr als 1100 Arbeiter ums Leben. Der Fotograf Jost Franko dokumentiert, wer unter dem großen Business mit der Billig-Mode leidet.

Am 24. April 2013 stürzte in Sabhar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, ein Hochhaus ein, in dem Firmen wie Benetton, KiK, El Corte Inglés und neun weitere Mode-Label zu Dumpinglöhnen Textilien herstellen ließen. Die Katastrophe, bei der über elfhundert Menschen starben, ist der schwerste Fabrikunfall in der Geschichte von Bangladesch.

Rana Plaza Katastrophe (Reuters)

Fabrik-Unfall am Rana Plaza: Das achtgeschossige Gebäude kollabierte am 24. April 2013 morgens um 9 Uhr

Die Bilder der Trümmer wurden zum Symbol für den moralischen Verfall eines Systems, das billige Klamotten als Massenware produziert. Die Textilindustrie versprach daraufhin, die Produktionsbedingungen zu verbessern. Die Fotoserie des Slowenen Jost Franko dokumentiert nun die Reise der Billig-Klamotten von den Baumwollfeldern bis in die Fußgängerzonen des reichen Westens.

Wer trägt die Verantwortung?

Dabei wird deutlich: Trotz neu entwickelter Nachhaltigkeits- und Sozialverantwortungsprogramme von "Fast Fashion"-Marken wie dem schwedischen Kleidergiganten H&M, der Deutschland als seinen größten europäischen Markt bezeichnet, haben sich die Produktionsbedingungen der Branche wenig verändert. Laut einer aktuellen Studie der New York University wurden seit Oktober 2015 in Bangladesch 3425 Überprüfungen durchgeführt, die allerdings nur acht Fabriken bestanden.

Bangladesch 4. Jahrestag Einsturz Textilfabrik (Getty Images/AFP)

Angehörige von Opfern der Katastrophe sind bis heute traumatisiert

Die Studie spricht von zwei Gründen, warum die Missstände nicht behoben werden würden. Zum einen ist es sehr teuer, die Gebäude etwa durch Verbesserungen der Elektrik oder Umzüge in besser geeignete Räumlichkeiten sicherer zu machen. Die durchschnittlichen Sanierungskosten würden sich auf bis zu 322.000 Euro pro Fabrik belaufen. Der zweite Grund ist, dass die beauftragenden Marken ihre Lieferanten in der Pflicht sähen, diese teuren Reparaturen zu bezahlen.

Ähnliche Trends in der EU

Niedrige Löhne, gefährliche Zustände, schlechte Gesetzgebung, mangelnde Transparenz in Produktionslinien und die von den Marken verweigerte Übernahme der Verantwortung sind nicht nur für die Branche in Bangladesch charakteristisch. Jost Frankos Foto-Serie "Cotton Black, Cotton Blue" (siehe dazu Bildergalerie) zeigt, dass die Fehler systembedingt sind.

Primark - Berlin (DW/T.Rooks)

Schnelle Mode für wenig Geld - auf Kosten der Billiglöhner

2015 und 2016 besuchte Franko neben Bangladesch und Burkina Faso auch das EU-Land Rumänien. Seine Erfahrungen waren ähnlich. "Die Beschäftigten im dortigen Bekleidungssektor sind einer der am wenigsten bezahlten Arbeiter in der Europäischen Union. Ihre Löhne sind oft niedriger als in den Fabriken in China", sagte er im Gespräch mit der DW.

Billig-Ketten wie Primark, Zara oder H&M sind nicht die einzigen, die ihre Produktion auslagern. Nach dem "Wall Street Journal" werden etwa 20 Prozent aller Waren von Prada, der führenden italienischen Luxusmarke, in China hergestellt. Mehrere Linien von Burberry, Louis Vuitton und anderen teuren Namen werden unter anderem in Kambodscha und Rumänien produziert.

Demokratie mit dem Makel der Sklaverei

Das Phänomen der kostengünstigen und sofort verfügbaren Kleidung, die zynisch als "Demokratisierung der Mode" bezeichnet wurde, ist eine soziale und ökologische Katastrophe. Niedrige Herstellungskosten in der dritten Welt haben es den Verbrauchern in den reichen Ländern ermöglicht, nachgemachte Designermode sehr günstig zu kaufen. Für die ständige Befriedung der Nachfrage sind Überproduktionen erforderlich - zum Nachteil der Arbeiter in den Billiglohn-Ländern. Anfang April diesen Jahres brannte eine Fabrik in Karachi, Pakistan. Nur zwei Wochen später tötete eine Explosion in einem illegalen Betrieb in Kambodscha zwei Menschen, wie die lokale Zeitung "Phnom Penh Post" berichtete.

Spiegel unserer Zeit

Louis Vuitton Catwalk Paris Fashion Week Menswear (Getty Images)

Auch Luxusmarken lassen Teile der Kollektionen in Billiglohnländern anfertigen

Als deutsche Kunden und Touristen auf der Berliner Einkaufsmeile Kurfürstendamm gefragt wurden, ob sie sich der Bedingungen bewusst wären, unter denen ihre neu gekauften Klamotten gemacht wurden, antworteten alle gleichermaßen: "Aber ich dachte, das haben sie schon gelöst!"

Die Wahrheit ist, dass nach der Rana Plaza-Katastrophe sehr wenig getan wurde - trotz verschiedener Versprechungen. Das scheint sich allerdings nicht sonderlich auf das Kaufverhalten der Kunden ausgewirkt zu haben. "Das Problem ist die ständig wachsende Nachfrage nach schneller Mode. Diese wird niemals nachhaltig sein, da ihr Geschäftsmodell auf der Herstellung von riesigen und sehr billigen Mengen basiert, so dass wir mehr Kleidung kaufen können", resümierte Livia Firth, Gründerin und Kreativdirektor des Markenberaters Eco Age, in einer "Business of Fashion"-Umfrage.

Amy Hall, Direktorin des Bereichs "Soziales Bewusstseins" beim Mode-Label Eileen Fisher, fügte hinzu, dass "sich sehr wenig für die Fabrikarbeiter verändert hat. Die Löhne sind immer noch obszön niedrig, die Stundenzahl ist obszön hoch und die Gesamttransparenz ist unerträglich düster."

Mode ist ein wesentlicher Bestandteil der sozialen, kulturellen und biologischen Identität unserer Zivilisation. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Kleidung auf bloße Fetzen reduziert. Das Leben der Arbeiter, das die Industrie beschäftigt, ist ebenso wegwerfbar wie die Kollektionen, die sie herausbringt.

Wie ein populäres Sprichwort besagt, ist Mode in der Tat der Spiegel unserer Gesellschaft.

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