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Fotos für die Pressefreiheit

Eine blutige Hand symbolisiert, wie es in weiten Teilen der Welt um die Meinungsfreiheit bestellt ist: katastrophal. "Reporter ohne Grenzen" dokumentiert die Lage in einem Bildband. Die Bilanz ist erschreckend.

Cover des Bildbandes 'Fotos für die Pressefreiheit 2010'

Theoretisch könnte es rote Farbe sein, mit der die ganze Innenfläche der Hand bedeckt ist. Es gibt ja viele Anlässe, sich bunt zu bemalen – beim Karneval etwa oder im Fußball-Stadion. Die Hand auf dem unscharfen Foto aber ist blutverschmiert. Das Blut scheint sich seinen Weg den Unterarm entlang zu bahnen. Wahrscheinlich ist es wirklich so. Die Zweifel sind der Qualität des Bildes geschuldet. Guillaume Herbaut hat es vom Monitor eines Handys abfotografiert. Es ist Teil seiner Serie "Die Twitter-Revolution".

Entstanden ist das Bild während der Demonstrationen im Iran, als die Menschen nach den Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 auf die Straße gingen. Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad soll mit 60 Prozent der Stimmen gewonnen haben. Die Opposition spricht von Fälschung und Betrug. Schnell weiten sich die Proteste aus, die Staatsmacht reagiert mit Gewalt, zahlreiche Menschen kommen zu Tode. Ungefilterte Nachrichten dringen kaum mehr aus dem Land.

Unterstützung für bedrohte Journalisten

Informationen, die trotzdem nach draußen gelangen, werden mit Hilfe des Kurznachrichtendienstes "Twitter" im Internet verbreitet oder per Handy übermittelt, so wie die von Guillaume Herbaut abfotografierte blutige Hand, die auch auf der Titelseite des Bildbandes "Fotos für die Pressefreiheit 2010" von "Reporter ohne Grenzen" zu sehen ist. Mit dem Verkauf dieses seit 1994 jährlich veröffentlichten Heftes werden verfolgte Journalistinnen und Journalisten unterstützt.

In der aktuellen Ausgabe sind massive Verstöße gegen die Pressefreiheit in 14 Ländern und Regionen dokumentiert. Jedes einzelne Bild erzählt eine erschreckende, betroffen machende Geschichte. Um die Welt ging das Bild der jungen Iranerin namens Neda, die von einem Polizisten erschossen wurde. "Dieses Bild wurde zur Ikone des Widerstands", sagt die Sprecherin von "Reporter ohne Grenzen", Astrid Frohloff, bei der Präsentation des Buches.

Somalische Flüchtlinge (Foto: Alixandra Fazzina)

Zehntausende Somalis versuchen jedes Jahr über den Golf von Aden nach Jemen zu fliehen

Im Schlepptau von Menschen-Schmugglern Neben der TV-Journalistin, die früher selber aus Krisenregionen des Nahen Ostens berichtet hat, sitzt die Fotoreporterin Alixandra Fazzina. Der zur Zeit in Pakistan lebenden Engländerin ist es gelungen, somalische Menschen-Schmuggler zu begleiten, die ihre verzweifelte Kundschaft über das Meer in den Jemen bringen. Dass sich die Kriminellen filmen ließen, ist verwunderlich. Die Erklärung klingt abenteuerlich: Sie habe dem Anführer gesagt, "Ihr traut mir nicht, ich traue euch nicht. Das hat ihn anscheinend beeindruckt", erzählt Fazzina.

Bei Ihren Recherchen lernte sie eine 19-jährige Somalierin kennen, die in ihrer bürgerkriegsverwüsteten Heimat Mann und Kind verloren hat. Die junge Frau heißt Salima und ist schwanger. Während der Flucht in den Jemen setzen die Wehen ein, die werdende Mutter verliert das Bewusstsein, die Menschen-Schmuggler werfen das Neugeborene einfach über Bord.

Schreckliche, bewegende Geschichten

Salimas Schicksal ist schockierend, so wie alles schockierend ist, was in dem Bilderband zu sehen und zu lesen ist, wo auch immer in der Welt die Grausamkeiten geschehen. Dass sie bekannt werden, Entsetzen, Wut, Ohnmacht auslösen und zum Nachdenken anregen – all das ist mutigen Journalisten wie Alixandra Fazzina zu verdanken. Sie erzählen die schrecklichen, die bewegenden Geschichten, die hinter den täglichen Meldungen von Mord, Krieg und Unterdrückung stecken.

Schwarz-Weiß-Portrait der Fotojournalistin Alixandra Fazzina mit einer Kamera, die sie in beiden Händen hält (Foto: Privat)

Alixandra Fazzina

"Fotos für die Pressefreiheit 2010" ist ein Aufschrei, ein Appell, nicht wegzusehen. Projektleiterin Barbara Stauss und ihrem Team ist es auf gut 100 Seiten beeindruckend gelungen, das Elend dieser Welt anrührend darzustellen. Mit den ästhetischen und graphischen Mitteln der Fotoreportage gelingt es, den Betrachter in den Bildband geradezu hineinzuziehen. Ganz nüchtern wirkt eigentlich die Rangliste der Pressefreiheit am Anfang des Bildbandes. Zu sehen ist die Erdkugel. Darunter die Namen von 175 Ländern. Auf den beiden letzten Plätzen rangieren Nordkorea und Eritrea.

76 getötete Journalisten

Am besten steht es um die Pressefreiheit in Skandinavien und Irland, Deutschland steht auf Platz 18. Oben rechts stehen die Zahlen bedrohter, festgenommener oder entführter Journalisten und Blogger. Insgesamt sind es weit mehr als 2000, und das sind nur die bekannt gewordenen und veröffentlichten Fälle. 76 Journalisten kamen 2009 ums Leben, ein Jahr zuvor waren es 60.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Christian Walz

"Fotos für die Pressefreiheit 2010"

ISBN 978-3-937683-29-4