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Wirtschaft

Fotopionier Kodak flieht in die Insolvenz

Nach 131 Jahren hat der Fotopionier Kodak Insolvenz angemeldet. Lange kämpfte das Unternehmen ums Überleben und hat immer noch nicht aufgegeben. Eine Reportage vom Firmensitz in Rochester.

Eine Filmrolle der Firma Kodak (Foto: AP)

Den Siegeszug der digitalen Fotografie hat Kodak verpasst

Der Archivar Joe Struble Im George-Eastmann-Haus in Rochester zeigt historische Fotografien (Foto: DW)

Joe Struble ist Archivar im George-Eastmann-Haus

Im George-Eastmann-Haus in Rochester öffnet der Archivar Joe Struble eine alte Pappkiste und holt mit behandschuhten Fingern drei kleine, sepiafarbene Fotografien heraus. "Hier sehen wir typische Kodak-Schnappschüsse der ersten Stunde", erklärt Struble.

Das Museum in Rochester im US-Staat New York, in dem der Archivar arbeitet, besitzt eine der größten historischen Fotosammlungen der Welt. Und die Fotos, die Struble zeigt, haben ihre Wurzeln in der Stadt an der Grenze zu Kanada. "Die Fotografen waren kreativ, das stimmt. Aber sie haben nicht unbedingt immer das aufgenommen, was sie wollten". Eines der Bilder ist von einer Kutsche aus aufgenommen. Zu sehen ist nur der Rücken der Pferde. "Das würde man Schnappschuss-Ästhetik nennen", lacht Struble.

Fotografie für jedermann

Vor 120 Jahren gründete der leidenschaftliche Hobbyfotograf George Eastman die Firma Kodak und eröffnete ein erstes Werk in Rochester. Was folgte, war eine Revolution der Fotografie: Die Entwicklung der Filmrolle machte die schweren, unhandlichen Negativplatten unnötig, die die Fotografen jahrzehntelang benutzt hatten. Als anschließend die ersten kleinen Handkameras von Kodak auf den Markt kamen, konnte plötzlich jeder seinen Alltag in Bildern festhalten. Und tat das auch. "Ich glaube, der Punkt ist: Das hat die Fotografie wirklich demokratisiert. Es hat jedem erlaubt, sich selbst Fotograf zu nennen. Oder sich selbst in Szene zu setzen", meint Archivar Joe Struble. Aus dem Unternehmen Kodak wurde ein Weltkonzern.

Flucht in die Insolvenz

Kodak Gebäude in Rochester (Foto: DW)

Am Firmensitz in Rochester ist der Kampf ums Überleben noch nicht beendet

Das heutige Unternehmen ist aber nur noch ein Schatten des einstigen Fotopioniers. Schon lange muss Kodak um sein Überleben kämpfen. In den vergangenen acht Jahren wurden 13 Fabriken und 130 Labore geschlossen, 47.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Am Donnerstag (19.01.2012) meldete Kodak nach einer Serie von Verlustjahren Insolvenz an. Endgültig aufgegeben hat das Foto-Urgestein aber noch nicht. Vielmehr ist es eine Flucht in ein Verfahren, das Schutz vor den Gläubigern gewährt. In den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Konzerne mit Hilfe des Gläubigerschutzes sanieren. Und die Großbank Citigroup würde Kodak für die Weiterarbeit im Rahmen der Insolvenz fast eine Milliarde Dollar als Kredit zur Verfügung stellen, hieß es aus Rochester.

Digitale Entwicklung verpasst

Fotograf Carl Crumley (Foto: Lisa Mirka Brüchle)

Der Fotograf Carl Crumley experimentiert mit historischen Kodak-Fotos

Im Künstlerviertel der Stadt Rochester ist der Fotograf Carl Crumley unterwegs. Für ein Projekt benutzt er Kodak-Fotografien der ersten Stunde und nimmt die Motive an derselben Stelle aus heutiger Sicht noch einmal auf. Anschließend fügt er die Bilder digital zusammen. "Ich werde dann drei Stunden am Computer sitzen, bis das alte und das neue Bild genau aufeinander passen."

Die Erfindung des Fotofilms und des Kleinbildformats hatten den Konzern einst reich gemacht. Obwohl Kodak die digitale Fotografie mitentwickelte und dort auch diverse grundlegende Patente hält, investierte es weiter in den analogen Sektor. Derweil zog die Konkurrenz davon. Schließlich brachte der Siegeszug der Digitalfotografie das angestammte Kodak-Geschäft völlig durcheinander. Tragende Säulen wie der Fotofilm brachen fast komplett weg. Versuche, in neue Geschäftsbereiche wie Pharma zu gehen, schlugen fehl. Auch diverse Patentklagen konnten die Bilanz nicht wesentlich aufbessern. "Es geht vor allem um den Stolz. Es trifft uns, dass Kodak nicht mit der Zeit gegangen ist und den digitalen Sektor vernachlässigt hat", meint Crumley. Auch seine Digitalkamera ist von Canon.

Ein Schlag auch für Rochester

Die Menschen in Rochester haben den Ernst der Lage schon lange erkannt. Die Stadt in der Nähe von New York ist das Zuhause von Kodak. Mit dem Slogan "Sie drücken den Knopf, wir machen den Rest", bewarb Kodak einst seine Produkte. Zuerst Fotokameras wie die Kodak No.1 und die Brownie-Kameras, die zu Weltruhm gelangten. Später wurden Röntgenaufnahmen auf Kodak-Papier gedruckt, Hollywood-Filme auf Kodak-Material gedreht. Die Firma stieg zum größten Arbeitgeber der Region auf. Jeder Vierte war in den 80ern bei Kodak beschäftigt. Heute stehen 7.000 Jobs auf dem Spiel – immer noch viel für die Kleinstadt mit 200.000 Einwohnern. Doch hier geht es um mehr - um Identität und um Stolz.

Stadthistorikerin in Rochester: Christine Ridarksy (Foto: DW)

Christine Ridarksy: Kodak hat immensen Einfluss auf Rochester

In einem Café in Downtown thront ein riesiges Bild der Kodak-Zentrale über den Gästen. Doch nicht nur hier ist die Firma präsent. Stadthistorikerin Christine Ridarksy fasst es so zusammen: "An jeder Ecke dieser Stadt wird man den Namen von Kodak oder von George Eastman finden. Ich glaube, dass der kulturelle und soziale Einfluss von Kodak sogar entscheidender ist als der wirtschaftliche". Die Stadt identifiziere sich mit Kodak. Kodak sei Rochester.

2007 ließ Kodak einen Teil seiner Fabrikgebäude abreißen. Das Geröll liegt teilweise noch auf dem Werkgelände im Norden der Stadt. Hier will keiner der Mitarbeiter mit Mikrofon befragt werden. Auch der Wächter am Werktor will lieber anonym bleiben: "Ich arbeite hier seit 17 Jahren. Ich habe es immer sehr gemocht, hoffentlich werden sie eine Lösung finden".  

Autorin: Lisa Mirka Brüchle / Insa Wrede
Redaktion: Andreas Becker

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