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Kultur

Fotografien durch die Mülltonne

Sie sehen aus wie von Künstlern gemacht. Tatsächlich stammen die Fotos von Müllmännern. Abgelichtet mit einer Abfalltonne, die zur Lochkamera umfunktioniert wurde. Ein weltweiter Kampagnenerfolg.

Ausgeheckt hat das Projekt eine bekannte Werbeagentur, um damit für die "Jungs in Orange" zu werben. Für die, deren Job absurderweise nicht das beste Image hat in Deutschland, obwohl sie es ja sind, die Tag für Tag die Drecksarbeit machen. Die lästige, stinkende und sperrige Abfälle entsorgen, vor denen andere sich ekeln. Jetzt stehen genau diese Müllmänner plötzlich im künstlerischen Rampenlicht - für das was sie mit einem ganz alltäglichen Arbeitsgegenstand geschaffen haben, für Ihre "Tonnografien". Nicht nur an der Elbe, auch in Übersee zollt man ihnen Respekt für ihre Fotos.

Kunst statt Müll

Zehn Müllmänner haben sich an dem Projekt beteiligt. Sie haben die Motive gesucht, während zwei Mitarbeiter der Werbeagentur eine Abfalltonne in eine Lochkamera verwandelt haben. Die Technik ist alt bekannt: Man braucht einen gut verschließbaren Behälter, in den man ein Loch bohrt. Das wirkt wie eine Linse, es bündelt das hineinfallende Licht und erzeugt im Inneren des Behälters, auf der gegenüberliegenden Seite, ein Bild, wenn dort Fotopapier klebt. Die Kunst der Agentur bestand darin, eine gewöhnliche 1100-Liter-Kunststofftonne innen mit Fotopapier auszukleiden und sie so abzudichten, dass wirklich nur vorne durch das Loch Licht eindringt. Eine Klappe ersetzte den Auslöser.

Müllmann Hans-Peter Strahl neben der Mülltonne, die zur Lochkamera umfunktioniert worden ist (Foto: by-nc-sa/Trashcam Project)

Hans-Peter Strahl neben der Mülltonne, die zur Lochkamera umfunktioniert worden ist

Er hätte nicht gedacht, dass das wirklich funktioniere, sagt Müllmann Hans-Peter Strahl. Vorgaben für die Motive habe es nicht gegeben, es sollten ihre Lieblingsansichten von Hamburg sein. Seine Wahl fiel auf die Kirche in Hamburg-Altenwerder, die er bei Ausflügen mit seinem Motorrad entdeckt hatte, von weitem, von der Autobahn aus. Eine Kirche ohne Dorf, mitten im Industriegebiet, wunderte er sich. Heute weiß er, dass diese Kirche zum Dorf Altenwerder gehörte, das 1998 der Hafenerweiterung zum Opfer fiel. Als Zugereister war ihm die Besonderheit schnell ins Auge gefallen. Der 33-Jährige kommt von der Insel Rügen. Ein beliebtes Urlaubsparadies, nur leider zu wenig Jobs für die Einheimischen, bedauert Hans-Peter Strahl. So wandern viele ab. Seit fünf Jahren arbeitet der gelernte Kfz-Mechaniker nun bei der Hamburger Stadtreinigung. Er fühlt sich wohl dort. Imageprobleme? "Nö, eigentlich nicht". Er grinst. "Man bewegt sich viel an der frischen Luft". Irgendwo in einem Büro sitzen, könne er nicht.

Schwarz-weiß-Foto der Hamburger Landungsbrücken, fotografiert mit einer Mülltonne, die zur Lochkamera umfunktioniert wordne ist (Foto: by-nc-sa/Trashcam Project)

Die Hamburger Landungsbrücken 2012 - nicht 1912!

Die Geburt der Tonnografie

45 Minuten hat Hans-Peter Strahl für das Bild von seiner Kirche gebraucht. "Furchtbar lange", der bärtige Mann lacht. Bei anderen Kollegen hätte es mit der Belichtung sogar eine Stunde gedauert. Eine Geduldsprobe, denn ob die Fotos etwas geworden waren, stellte sich erst Stunden später im Labor heraus. Und beim Entwickeln war er nicht mehr dabei. Er musste also warten. "Ist aber ja alles gut gegangen." Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Zu recht, die raffinierten Schwarzweißfotos mit der geheimnisvollen Ausstrahlung erinnern an Fotokunst der 1920er Jahre. Daran haben die Müllmänner zumindest mitgewirkt. Die Werbeagentur erfand für die Bilder schließlich den Begriff Tonnografie.

Schwarz-weiß-Foto des Hamburger Rathaus, fotografiert mit einer Mülltonne, die zur Lochkamera umfunktioniert wordne ist (Foto: by-nc-sa/Trashcam Project)

Das Hamburger Rathaus aus Mülltonnenperpektive

Am Alltag der Hamburger Müllmänner hat sich durch das Projekt nichts verändert. Sie beginnen wie immer jeden Morgen in aller Frühe mit ihrer Tour. Hans-Peter Strahl ist für St. Pauli eingeteilt. Zu fünft arbeiten sie auf dem Wagen, im festen Team. Zwei seiner Kollegen sind schon seit mehr als 20 Jahren dabei. Die meisten von ihnen haben qualifizierte Berufsabschlüsse, sind Maurer, Köche, Tischler, Maler oder kommen aus der Autobranche.

Das Projekt mit den Tonnografien fanden sie alle gut. Sie bedauern nur, dass nun Schluss ist damit. Die rollende Kamera ging beim Transport nämlich kaputt. Die graue Mülltonne, die ja eigentlich ein Müllcontainer ist, lässt Licht herein und taugt nicht mehr zum Fotografieren. Den Erfolg der Kampagne schmälert das nicht. Die Agentur hat dafür beim Internationalen Werbefestival in Cannes den Silbernen Löwen gewonnen, und die Stadtreinigung darf sich rühmen, mit den Tonnografien ihrer Müllmänner für Schlagzeilen in aller Welt gesorgt zu haben. Jeder kann sie im Internet betrachten.

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