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Kunst

Fotoexperte Florian Ebner: "Alles geht auf in einer digitalen Welt der Bilder"

Florian Ebner ist Chefkurator der Biennale für aktuelle Fotografie und Leiter der Fotoabteilung am Pariser Centre Pompidou. Im Gespräch mit der DW sagt er das Ende der Fotografie voraus, wie wir sie kennen.

DW: "Farewell Photography" ("Mach's gut, Fotografie") haben Sie als Motto der Biennale für aktuelle Fotografie 2017 in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg gewählt. Sprechen wir wirklich vom Abschied von der Fotografie?

Ebner: Es geht um den Abschied von der Fotografie, wie wir sie lange gekannt haben. Das heißt nicht, dass die Fotografie tot wäre, wie das in den 1990er Jahren verkündet wurde. Aber sie ist in einem tiefgreifenden Umbruch.

Damals kam die Digitalisierung auf, mit Photoshop und mit Eingriffen ins Bild. Heute leben wir in einer Zeit, in der so viel fotografiert wird wie noch nie. Aber ist das noch die Fotografie, die wir kannten? Der Schuhkarton mit den Fotos der Familie? Oder das große stille Bild der 1980er Jahre? Die Fotografie hat sich stark verändert. Wir nehmen Abschied von Vorstellungen und Formen von Fotografie.

Ein Mann hält sich die Fotokamera vor das Gesicht (Peter Miller )

Coverbild der Biennale für aktuelle Fotografie

Es fiele auch schwer, an das Ende der Fotografie zu glauben. Noch nie ist so viel geknipst worden wie heute, im Zeitalter des Smartphones…

Genau. Die Frage ist nur, sind das die Bilder, an die wir uns erinnern werden? Und wie blicken Künstler auf diese Bilder? Wie hat sich das auf die verschiedenen Felder der Fotografie ausgewirkt, auf das Nachrichtenbild, das Familienbild, das Amateurbild? Was ist mit der Gleichzeitigkeit, in der wir leben? Und was ist mit Ereignissen, die auf Bilder folgen?

Bestandsaufnahme der Fotografie

Selbst wenn das Geknipse überhand nimmt - worin sehen Sie genau die Zeitenwende?

Ich glaube, was die sechs Kuratorinnen und Kuratoren der Fotografie-Biennale versuchen, ist eine Bestandsaufnahme des Mediums: Was war da in den letzten 170 Jahren? Was verändert sich vom Material her? Von der Natur des Bildes? Was für eine Fotografie wollen wir eigentlich? Das ist die Idee, die wir damit haben.

Heute, im Zeitalter der riesigen Bilderflut, verändert sich etwa der Begriff von Autorenschaft. Es gibt viele Bilder, die dadurch entstehen, dass Bilder genauer und anders angeschaut werden. Was viele künstlerische Arbeiten prägt: Viele Künstler arbeiten mit Bildern.

Abschied also – wie hat das Foto unser Bild von der Welt geprägt?

Das ist eine sehr große Frage: Von historischen Ereignissen haben wir nur Bilder im Kopf, sehr oft fotografische Bilder, Bilder des Fernsehens. Kamerabilder, technische Bilder. Wir nehmen die Welt sehr stark durch Bilder wahr. Man müsste eigentlich fragen: Was haben wir übersehen?

Fotografie und Video werden eins

Gruppenbild der sechs Biennale-Kuratoren (Biennale für aktuelle Fotografie)

Boaz Levin, Florian Ebner, Christin Müller, Fabian Knierim, Kathrin Schönegg und Kerstin Meincke (v.l.) kuratieren gemeinsam die Biennale für aktuelle Fotografie

Als Kunstform hatte es die Fotografie seit jeher schwer. Dann kam auch noch die Digitalisierung?

Ja. Die Fotografie als Kunst ist ein schwieriges Feld. Aber sie ist nie nur Kunst gewesen. Diese Biennale versucht zu zeigen, dass die Fotografie viele Gesichter hat. Und dass es viele interessante Produktionen gibt, die nicht unbedingt in einer Kunstgalerie zu sehen sind.

Hat der Computer die künstlerischen Möglichkeiten der Fotografen erweitert?

Ja. Interessanterweise denken viele Künstler, die sich mit dem Digitalen beschäftigen, weniger über Manipulationsmöglichkeiten nach, sondern über die Wege der Bilder. Das Zirkulieren der Bilder, das "sharing images" ist in den letzen fünf, sechs Jahren stark zum Thema der Kunst geworden. Die Digitalisierung hat nämlich die Einflussmöglichkeiten der Bilder extrem erweitert.

Das war's also mit der Fotografie, auch mit unserer Definition von Fotokunst. Und was kommt jetzt?

Jetzt kommen andere Formen von Fotografie. Die Fotografie meiner Kinder, die sie schon jetzt betreiben, ist eine andere, als die, die ich im Fotografiestudium gelernt habe.

Wie alt sind Ihre Kinder?

Die sind 16 und 14. Dieser Blick in den Schuhkarton, diese wenigen Bilder meiner Großeltern, das ist etwas anderes als das, was meine Kinder machen. Dahinter steht eine ganz andere Auffassung von Fotografie. "Farewell Photographie" ist eine Chance. Es gibt eine neue Form digitaler Bilder. Und die Fotografie wird immer mehr mit dem Video zusammenfallen. Alles geht auf in einer digitalen Welt der Bilder. Auf die müssen wir uns einstellen.

Florian Ebner ist Deutschlands führender Fotografie-Experte. Der 47Jährige leitet seit Juli die Fotoabteilung am Pariser Centre Pompidou. Zuvor war er Chef der fotografischen Sammlung am Museum Folkwang in Essen. Bei der Kunstbiennale von Venedig 2015 kuratierte Ebner den deutschen Pavillon.

Mit ihm sprach Stefan Dege.

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