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9/11 und die Folgen

Fortschritt und Skepsis in Kabul

Kabuls Stadtviertel Karte Seh vereint arm und reich, Parlament und Demokratie-Skeptiker. Die junge Generation der Afghanen strebt unverdrossen nach Bildung und sehnt sich nach besseren Zeiten.

Ein Soldat an einer Waffe (Foto: DW)

Beim Sturz der Taliban 2001 zählte Kabul rund 600.000 Einwohner. Heute drängen sich geschätzte vier bis fünf Millionen Menschen in der Metropole. Die aktuelle Entwicklung lässt sich an einem Viertel besonders gut ablesen. Es trägt die Insignien der neuen Macht - und in ihm ist Volkes Stimme zuhause: Karte Seh, im Westen der Hauptstadt.

Dort wird gehämmert und gesägt. Das ganze Viertel ist heute eine einzige Baustelle. Anderswo gilt das als Plage. Für Kabul ist es eine gute Nachricht. "Wo gebaut wird, wird investiert, ist Hoffnung", findet Mirwais, ein Taxifahrer.

Fassaden des Reichtums neben Lehmbauten

Kreuzung mit Sicherheitsaufgebot und Werbung für die privaten Universitäten in Kabul. (Foto: Martin Gerner)

Karte Seh ist kein einheitliches Viertel in Kabul

In Karte Seh hat einmal die alte Kabuler Mittelschicht gewohnt, in schmucken sowie schlichten Bungalows, bevor ihre Besitzer ins Exil flüchteten. Einfache Lehmbauten kamen hinzu, die Folge von Krieg und einer Landbevölkerung, die in die Metropole drängte. Und nun: protzige Villen im Stil von Dubai oder nach dem Vorbild pakistanischer Geschäftsleute, mit vergoldeten Säulen als Außenfassade. In der Nähe von Pol-e-sorkh, der roten Brücke, trifft das arme auf das reiche Karte Seh. Es ist ein buntes Gemisch von Ethnien. Frauen in Burka sind hier eher die Ausnahme. Nur die Hauptstraße ist asphaltiert. Vorbeifahrende Laster hüllen den Passanten in eine dicke Staubschicht.

Die Taliban erpressten Geld

Jeder Händler auf dem Basar hat seine eigene Geschichte. "Ich bin Haji Murad Ali", sagt ein kleiner Mann mit Gebets-Mütze. "Mich haben die Taliban 32 Mal drangsaliert." Er besitzt eine Feinbäckerei. Baghlawa, Kekse und andere Süßigkeiten. Seit über zehn Jahren hat er hier sein Geschäft. "Die Taliban kamen schon, wenn du nur neue Kleider trugst. Sie behaupteten, du seist ein reicher Kommandeur, und fingen an, einen zu schlagen, mit Kabeln." Sie hätten die Leute gequält und ihren Spaß dabei gehabt, fügt er hinzu. Dabei sei es immer nur um Geld gegangen.

Der Feinbäcker Haji Murad Ali hält ein zerbrochenes Schloss in den Händen (Foto: DW)

Der Feinbäcker Haji Murad Ali hat unter den Taliban gelitten

Aus einer Schublade kramt Murad Ali ein aufgebrochenes Schloss hervor und streckt einem die kaputten Teile entgegen. "Vor zwei Wochen hat man mich ausgeraubt. Die Polizei kam. Aber statt mir zu helfen, wollten sie mein Geld." Besser, aber nicht unbedingt gerechter, gehe es heutzutage zu, findet er: "Wenn du mit der Polizei streitest, nehmen sie dich fest. Also halte ich den Mund, sonst lande ich noch im Knast, in einem finsteren Loch."

Parlamentarierer bereichern sich

Auch als Russe lässt es sich wieder leben in Kabul. Sonia, eine junge Moskauerin, wohnt mit ihrem afghanischen Mann Sanjar in Karte Seh. Kennengelernt haben sie sich in Polen, wo er als Stipendiat studierte. Sie wohnen in Sichtweite des Parlaments. "Unser Nachbar nebenan ist Abgeordneter. Er ist sehr reich geworden in kurzer Zeit, obwohl er vom Land kommt", meint Sanjar. "Du fragst dich, woher er als Beamter all das Geld hat."

Gewaschenes Geld aus dem Ölgeschäft oder aus Drogen- oder anderem Handel. Darauf gründet, nicht nur dem Volksmund nach, ein großer Teil des Bau-Booms in Kabul. All dies hat Sanjars Bild verändert. "Ich bin wütend. Früher dachte ich: Wählen ist Bürgerpflicht, ich muss das tun. Aber jetzt denke ich, dass wir es mit einer Mafia zu tun haben, und nicht mit einer Regierung." Parlament und der Bürgerkrieg Anfang der 90er-Jahre - das sind für Sanjar zwei Seiten einer Medaille: "Die Volksvertretung ist voller Mörder. Diese Leute haben das Viertel zerstört seinerzeit. Sie sind verantwortlich für den Tod von 60.000 Menschen. Damals haben sie mit Maschinengewehren auf uns geschossen. Und jetzt sitzen sie im Parlament." Sanjar kann nicht verstehen, dass Diplomaten aus dem Westen diese Volksvertreter als Symbol der neuen Demokratie loben. Für ihn gehören sie vor Gericht.

Privat-Unis für den Hunger nach Bildung

Jura-Vorlesung am privaten Ibn Sina Institut (Foto: DW)

Die jungen Afghanen wollen lernen

Eine Straßenecke weiter lächeln junge Frauen mit Doktorhüten von Plakaten. Werbung für Privat-Universitäten. Die staatlichen Unis können den großen Ansturm von Abiturienten nicht mehr auffangen. Dutzende Privat-Institute versuchen, den Hunger nach Bildung zu stillen. Eines der Institute, Ibn Sina, ist nach dem großen islamischen Gelehrten benannt. Ali Amiri ist Mitbegründer. Er hat über Wittgenstein promoviert und erklärt, warum der Andrang so groß ist. "Ein Teil der Studenten, die Hazara-Minderheit, war lange benachteiligt. Sie durften zum Beispiel nicht Offiziere in der Armee werden oder Jura und Politik studieren. Dieses Verbot ist jetzt aufgehoben. Jetzt holen sie all das nach."

Unter den 300 Studenten sind viele Frauen. Ihnen wird ein Teil der Semestergebühren erlassen. "Ich will nicht Abgeordnete werden. Das bringt nur Ärger", meint eine Jura-Studentin. "Ich studiere Recht, weil ich etwas für misshandelte Frauen tun will." Im Klassenraum sitzen die Männer fein getrennt in den hinteren Reihen. Die Frauen tragen bunte Kopftücher, einige sind geschminkt.

Nur in Kabul haben Frauen Möglichkeiten

"Was sie hier sehen, gibt es nur in Kabul", sagt eine andere Studentin. "Nur hier kann eine Frau das Kopftuch tragen, wie sie möchte. Auf dem Land können Frauen nicht allein vor die Haustür gehen oder studieren. Und wenn, dann oft nur mit Burka." Die afghanische Frau auf dem Land sei eine reine Gebärmaschine für die Männer, sagt sie. "Manche Frauen bringen 18 Kinder zur Welt."

Autor: Martin Gerner
Redaktion: Ratbil Shamel / Daniel Scheschkewitz

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