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Wissen & Umwelt

Fortpflanzungsmedizin: Das ideale Kind

Am Donnerstag fand in Berlin die Jahrestagung des Deutschen Ethikrats statt. Experten diskutierten hier über den Stand der Fortpflanzungsmedizin. Ein großes Thema: Social Freezing. Ein weiteres: Die Selektion.

Auch in deutschen Fruchtbarkeitskliniken beobachten Ärzte, dass immer mehr Frauen sich wünschen, ihre Eizellen für einen späteren Zeitpunkt einzufrieren. Ausgedacht wurde sich dieses medizinische Verfahren einst speziell für junge Krebspatientinnen - denn ihnen sollte ermöglicht werden, nach einer schweren Chemotherapie noch Kinder zu bekommen.

Künstliche Befruchtung (Foto: dpa).

Patientinnen wollen den Zeitpunkt für eine Schwangerschaft heute selbst bestimmen - mit oder ohne Partner

Doch die Frauen, die beispielsweise in die Fruchtbarkeitsklinik Bad Münder kommen, sind gesund. Sie möchten im Leben lediglich auf nichts verzichten, und Kinder wollen sie dann bekommen, wenn es ihnen am besten passt - auch wenn ihr biologisches Alter einer natürlichen Schwangerschaft im Wege stehen könnte."Die Frauen wollen ihre Fruchtbarkeit für später erhalten, weil zum Beispiel der richtige Partner zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhanden ist", erklärt Nadine Kundu, Frauenärztin in Bad Münder.

Dabei steht sie selbst dem Trend des sogenannten Social Freezing kritisch gegenüber. "Das Verfahren gibt eine falsche Sicherheit", sagt sie, "denn das optimale Einfrieralter von Eizellen liegt unter 30 Jahren. Die meisten Frauen, die Eizellen bei uns einfrieren lassen wollen, sind aber schon über 35 Jahre - da wird es dann mit der Fruchtbarkeit so langsam schwierig."

Das Diktat der Fruchtbarkeit

Aber nicht nur Mediziner diskutieren den Trend des Social Freezing kontrovers, auch der Deutsche Ethikrat beschäftigt sich auf seiner Jahrestagung am 22. Mai 2014 mit diesem Thema. "Das Diktat der Fruchtbarkeit" lautet der Vortrag, den der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard hierzu beträgt.

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Schwanger durch künstliche Befruchtung

"Seit 1850 hat sich die Menopause - der Zeitpunkt, der letzten spontanen Menstruation im Leben einer Frau - nur um drei Jahre nach hinten verschoben", erklärte er im Vorfeld der Veranstaltung der Deutschen Welle. "Trotzdem suggeriert uns die moderne Reproduktionsmedizin, dass eine Frau heute bis ins späte Alter Kinder kriegen kann." Eine Entwicklung, die laut Bernard auch Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat:

Einst galt Kinderlosigkeit als Schicksal - heute, so Bernard, scheint die Schuld bei den Betroffenen zu liegen, die nicht alle medizinischen Mittel ausschöpften.

Ebenfalls umstritten: der Trisomie-Bluttest

Es ist nicht das erste Mal, dass der Ethikrat über Möglichkeiten und Grenzen der Fortpflanzungsmedizin diskutiert. Vor allem die rasante medizinische Entwicklung im Bereich der Pränataldiagnostik hat die Ratsmitglieder in den vergangenen Jahren beschäftigt - ganz konkret ein Bluttest, der ohne weitere invasive Eingriffe Trisomie 21 beim ungeborenen Kind feststellen kann.

Ultraschall Untersuchung Schwangerschaft (Foto: Sven Bähren/Fotolia)

Pränataldiagnostiker suchen unter anderem nach Anzeichen für das Downsyndrom

Seit eineinhalb Jahren ist der Test in Deutschland auf dem Markt. Und obwohl er über 500 Euro kostet und von den Krankenkassen nicht übernommen wird, fragen ihn Patientinnen in den Arztpraxen immer häufiger nach. Ihr Ziel: Downsyndrom so früh wie möglich erkennen - um dann möglicherweise eine Abtreibung vorzunehmen.

95 Prozent aller Schwangeren entscheiden sich bei einem positiven Testergebnis für einen Schwangerschaftsabbruch. "Die Selektion in unserer Gesellschaft ist in vollem Gange", kommentiert Ilja Seifert vom Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland diese Entwicklung. "Die moderne Pränataldiagnostik setzt Eltern heute massiv unter Druck, alles dafür zu tun, kein behindertes Kind auf die Welt zu bringen."

Auch der deutsche Ethikrat sieht die Gefahr einer solchen Entwicklung. Und so konnten sich die Ratsmitglieder in einer Stellungnahme zur "Zukunft der genetischen Diagnostik" vom Frühjahr 2013 auch auf keine einstimmige Position hinsichtlich des Trismomie-Bluttests einigen: "Die Mehrheit der Mitglieder ist der Auffassung, dass eine nichtinvasive, pränatale Gendiagnostik (…) nur durchgeführt werden sollte, wenn ein erhöhtes Risiko für eine genetisch bedingte Erkrankung oder Fehlbildung vorliegt", heißt es da. In der Praxis sieht das freilich anders aus: Denn der Test steht Eltern bei einer Kostenübernahme frei zur Verfügung - auch unabhängig von einem konkreten Verdachtsmoment.

Präimplantationsdiagnostik (Foto: dpa).

Erst seit diesem Jahr ist die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland erlaubt

Nur unter bestimmten Voraussetzungen: Präimplantationsdiagnostik

Bei der Präimplantationsdiagnostik sieht das anders aus. "Jeder einzelne Fall muss von einer interdisziplinären Ethikkommission überprüft werden, bevor wir als Ärzte das Verfahren überhaupt anwenden dürfen", erklärt Georg Griesinger, Präimplantationsdiagnostiker an der Universitätsklinik in Lübeck.

Ausschlaggebend für die Kommission ist, ob bei einem Paar eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer schweren Erbkrankheit oder einer Totgeburt vorliegt. Nur dann ist es den Ärzten seit März 2014 offiziell gestattet, ein Paar zu behandeln - dann führen sie eine künstliche Befruchtung im Reagenzglas durch und untersuchen die Gene von Embryonen: Ist der Embryo gesund, wird er der Frau eingepflanzt. Ist er krank, wird er vernichtet.

Die Politik hatte heftig um die Einführung der Präimplantationsdiagnostik gestritten. Eine ihrer prominentesten Kritikerinnen war Bundeskanzlerin Angela Merkel. Georg Griesinger kann die Argumente der Gegner gut nachvollziehen. "Natürlich kann man immer darüber diskutieren, was wir überhaupt als schwere Krankheit definieren", meint er. Es ist die Frage danach, unter welchen Umständen eine Gesellschaft die Selektion von Embryonen toleriert.

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Georg Griesinger über die Präimplantationsdiagnostik

International gibt es hier große Unterschiede: Während in Deutschland Embryonen-Analysen nur in Ausnahmefällen gestattet sind, haben andere Länder hier weniger Vorbehalte. In Großbritannien wird die Präimplantationsdiagnostik beispielsweise auch genutzt, um sogenannte Rettungs-Geschwister zu züchten. Künstlich gezeugte Kinder, die ihren Brüdern und Schwestern genetisch möglichst ähnlich sind - und so als Zellspender für ihre Kranken Familienangehörigen infrage kommen.

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