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Fokus Osteuropa

Forschungsprojekt über verfolgte Deutsche in Stalin-Ära vor dem Aus?

Ein russischer Historiker wollte das Schicksal von Volksdeutschen, die in den 40er Jahren in der Sowjetunion verfolgt wurden, wissenschaftlich aufarbeiten. Doch die russischen Behörden gehen nun gegen ihn vor.

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Straf- und Arbeitslager in Workuta - 30er/40er Jahre

Im September dieses Jahres ist der Historiker Michail Suprun auf Befehl der Abteilung des Föderalen Sicherheitsdienstes im Gebiet Archangelsk vorübergehend festgenommen worden. Der Geschichtsprofessor berichtete, Vertreter der Behörde hätten Computer und einen Teil des Archivmaterials beschlagnahmt, darunter Kopien von Dokumenten, die aus Archiven in den USA stammten.

Der Historiker Michail Suprun unterrichtet an der Staatlichen Universität Pomorsk Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. Verfasst hat er mehr als 130 wissenschaftliche Arbeiten. Gemeinsam mit der Studentin Nadeschda Schalygina und dem Oberst der Abteilung des Innenministeriums im Gebiet Archangelsk, Aleksandr Dudarjow, arbeitete Suprun an einer Studie über unterdrückte Volksdeutsche in der Sowjetunion in den 40er Jahren. Im Zuge der Verhaftung Supruns sind laut Oberst Dudarjow, er selbst und die Studentin Schalygina zu einem Verhör vorgeladen worden.

Das wissenschaftliche Projekt basiert auf einem Abkommen zwischen dem Deutschen Roten Kreuz, der Universität Pomorsk und der Abteilung des Innenministeriums im Gebiet Archangelsk. Es soll persönliche Angaben von fast 13.000 unterdrückten Volksdeutschen und deutschen Kriegsgefangenen beinhalten.

Staatsanwaltschaft erhebt Vorwürfe

Wladimir Schewtschenko von der russischen Staatsanwaltschaft teilte mit, Professor Suprun werde angelastet, vollständige persönliche Daten unterdrückter Deutscher kopiert und diese ins Ausland weitergegeben zu haben. Die Angehörigen der Unterdrückten, so Schewtschenko, hätten sich dagegen ausgesprochen. Niemand habe das Einverständnis der Angehörigen eingeholt.

Suprun verwies darauf, dass ähnliche Gedenkbücher bereits in den Jahren der Perestrojka erschienen seien. Er bat die Menschenrechtsorganisation Memorial um Rat. Die Leiterin der Memorial-Forschungsabteilung, Irina Fliege, empfahl dem Historiker, sich an den Anwalt Iwan Pawlow zu wenden. Dieser hatte die Menschenrechtsorganisation bereits erfolgreich vor Gericht vertreten, nachdem beim Petersburger Memorial-Büro im Zuge einer Durchsuchung Archive beschlagnahmt wurden.

Anwalt kann keinen Gesetzesverstoß sehen

Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte Fliege, der Fall sei verrückt: "Wenn Professor Suprun und Oberst Dudarjow aus Sicht der Abteilung des Föderalen Sicherheitsdienstes im Gebiet Archangelsk einen Rechtsverstoß begangen haben, dann machen wir das bereits seit mehr als 20 Jahren." Fliege erinnerte daran, dass gemäß Paragraph 18 des Gesetzes "Über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen in der Russischen Föderation" Listen rehabilitierter Personen in der Presse mit den wichtigsten biografischen Daten und Angaben zu den einst erhobenen Anschuldigungen veröffentlicht werden können. "Meiner Meinung nach kann der Fall von Professor Suprun und Oberst Dudarjow auf Grundlage dieses Gesetzes nicht vor Gericht verhandelt werden, denn das Gesetz hat niemand außer Kraft gesetzt."

Vorwürfe "absolut weit hergeholt"

Der Anwalt sagte der Deutschen Welle weiter, Suprun und Dudajrow würden derzeit als Verdächtige gelten, da gegen sie noch keine offizielle Anklage erhoben worden sei. "Ich verstehe nicht, was der Ermittler, der das Verfahren eingeleitet hat, beabsichtigte", erklärte Pawlow und fügte hinzu: "Es ist doch kein Geheimnis, dass die in der wissenschaftlichen Arbeit genannten Volksdeutschen unter Stalin strafrechtlich verfolgt wurden." Der Anwalt hält den Fall für "absolut weit hergeholt".

Suprun selbst ist der Ansicht, das Vorgehen der Staatsanwaltschaft und des Föderalen Sicherheitsdienstes im Gebiet Archangelsk könnten das Verhältnis Russlands zu Deutschland belasten. Der Professor berichtete zudem, vor kurzem sei im Gebiet Archangelsk unter Beteiligung von Memorial ein Werk in sechs Bänden über verfolgte Polen abgeschlossen worden. Mit der Arbeit an einem Buch über unterdrückte Griechen habe man begonnen.

Autor: Vladimir Izotov / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz