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Fokus Südosteuropa

"Forschung und Gesellschaft stehen am Anfang"

Oliver Jens Schmitt vom Institut für Europäische Geschichte in Wien hat anlässlich des 25. Todestages von Albaniens kommunistischem Diktators Enver Hoxha sein Regime analysiert und Folgen bis heute erklärt.

Mikrofon mit der Aufschrift Interview auf einem Balken (Fotomontage: DW)

DW-WORLD: Wie kann es sein, dass ein solcher Diktator von der Masse bejubelt wird, wo es mehr oder weniger bekannt ist, dass es so viel Unrecht und Unterdrückung gab und auch Verbrechen begangen wurden.

Oliver Jens Schmitt: Das kommunistische Albanien war eine stalinistische Diktatur und muss mit entsprechenden totalitären Systemen verglichen werden. Auch Stalin oder andere kommunistische Diktatoren, aber auch nationalsozialistische und faschistische Diktatoren wurden von den Massen bejubelt. Die Menschen, die da gejubelt haben, haben das nur zum Teil freiwillig getan, sehr oft standen sie unter massivem Druck der allgegenwärtigen Geheimdienst- und Sicherheitsbehörden. Ein abweichendes Verhalten war bei der starken Kontrolle außerordentlich gefährlich. Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, die das Regime ablehnten, auf diesen Plätzen oftmals physisch schlicht nicht präsent waren, weil sie umgebracht worden waren, weil sie geflohen oder sie in Lagern oder Gefängnissen inhaftiert waren. Bei der kommunistischen Machtübernahme wurden die meisten jener, die oppositionelle Gedanken hätten formulieren können, beseitigt. Dies traf ganz besonders den in Albanien über die Konfessionsgrenzen hinweg bedeutsamen katholischen Klerus. Zudem eröffneten totalitäre Diktaturen auch Aufstiegschancen – dies wirkte auf Teile der Bevölkerung, die für sich Karrieremöglichkeiten erblickten, mobilisierend. Das Volk hat Enver Hoxha mit großer Trauer zur letzten Grabstätte begleitet und sechs Jahre später mit der gleichen emotionalen Intensität sein Denkmal in Tirana umgestoßen und durch die Straßen geschleppt.

Oliver Jens Schmitt, Albanologe, Professor an der Uni Wien (Foto: Anila Shuka)

Oliver Jens Schmitt

Das ist typisch für den Zusammenbruch derartiger Systeme. Das albanische System entsprach zum Schluss wirklich dem, was George Orwell im Buch 1984 aufgezeichnet hatte. Es war ein System, das von einer dauernden Propaganda der Paranoia und Xenophobie lebte und der Vorstellung eines belagerten Landes, das von Feinden umgeben sei, die nur darauf warteten, Albanien zu zerstören. Den Menschen wurde ein Bild von der Welt vermittelt, das so konträr zur Realität war, dass beim Zusammenbruch des Systems auch diese enorme emotionale Spannung zusammengebrochen war. Und genau in das Gegenteil umschlug. Obwohl die Emotionen damals so stark waren, fand in der Folge keine intellektuelle Bewältigung der Diktatur statt. Albanien ist sicher das Land im östlichen Europa, vielleicht mit Ausnahme von Weißrussland, das seine kommunistische Vergangenheit am wenigsten aufgearbeitet hat.

Warum diese große Verzögerung, diese Zeit intellektuell zu bewältigen?

Die personellen Kontinuitäten in der albanischen Elite sind groß. Es handelt sich um eine sehr kleine Elite, wo es sehr wenige Menschen gibt, die nicht familiäre oder freundschaftliche Beziehungen zu der alten kommunistischen Elite aufweisen. Es ist tatsächlich auffallend, dass die Zahl der Intellektuellen, die sich kritisch mit der kommunistischen Diktatur auseinandersetzen, sehr klein ist und dass diese Menschen immer noch starken Anfeindungen, zum Teil direkt von hohen Politikern, ausgesetzt sind. In Albanien gehört zu einer kritischen Haltung wesentlich mehr Mut und Durchhaltevermögen als in vielen Nachbarländern.

Die Wissenschaft, die wesentliches zur Aufarbeitung der Vergangenheit hätte beitragen können, ist im Wesentlichen passiv geblieben; sie hat auch ihre eigene Rolle in der Diktatur kaum ansatzweise kritisch reflektiert. Zu erklären ist dies nicht nur mit personellen Kontinuitäten, sondern auch mit der erheblichen innenpolitischen Instabilität in den ersten Jahren nach dem Sturz des kommunistischen Regimes. Bedeutsam ist auch, dass die mittlerweile recht zahlreichen im Ausland akademisch ausgebildeten Albaner kaum in Institutionen in Albanien aufgenommen wurden, die sich gegen Rückkehrer weitgehend abschotten.

Hat diese Kontinuität auch damit zu tun, dass das Land klein ist und alles miteinander verwickelt und verstrickt ist?

Das ist sicher. Man muss sicher fragen, was Albanien ist. Albanien kann in vielen Bereichen mit Tirana gleichgesetzt werden, wo sich die Elite in den gleichen Cafehäusern auf den gleichen Plätzen trifft - die soziale Nähe ist also sehr groß, ebenso auch die soziale Kontrolle. Es ist sicher ein Nachteil für Albanien, dass es ein kleines zentralistisches Land ist. Wenn es mehrere größere Städte gäbe, würden sich wahrscheinlich unterschiedliche Meinungen stärker entwickeln können. Die räumliche Nähe bewirkt, dass Auseinandersetzungen oft als persönliche, emotional geführte Konflikte ausgetragen werden und die Debattenkultur oft recht unkontrolliert und von aggressiven Tönen geprägt erscheint.

Hat die jahrelange kommunistische Herrschaft Albanien etwas Positives gebracht?

Wenn man davon ausgeht, dass diese kommunistischen Herrschaften in Osteuropa auch sogenannte Modernisierungsdiktaturen waren, dann hat auch das kommunistische Albanien im Bereich der Infrastruktur, Bildungswesen, bis zum Straßenbau einiges erreicht. Ein sehr wichtiger Bereich war sicher die Gleichstellung der Frau, wenngleich diese in der Regel zu einer Doppelbelastung in Beruf und Familie führte. Auf der anderen Seite muss man fragen, unter welchen Opfern diese Veränderungen erkauft worden ist. Es ist gefährlich, einzelne Erfolge einer Diktatur herauszugreifen, um daraus auf ihren Charakter zurückzuschließen.

Albanien hat seine teilweise Modernisierung mit hohen Opfern erkauft: der Verarmung weitester Bevölkerungskreise, der völligen Abschottung des Landes, einer intensiven nationalistischen und xenophoben Propaganda und nicht zuletzt mit Tod und Lagerhaft zahlreicher Menschen. Die Übernahme der chinesischen Kulturrevolution hat kulturelle Traditionslinien unterbrochen und zu einer besonders harten Verfolgung aller Religionen geführt. Man kann durchaus von einer Traumatisierung einer ganzen Gesellschaft sprechen, für die, von wenigen früheren Dissidenten und Lagerinsassen abgesehen, niemand eine Sprache gefunden hat. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung ist, wie gesagt, ausgeblieben.

Auf dem Büchermarkt finden sich vor allem Memoiren von Opfern, aber auch von Tätern - letztere mit apologetischer Zielrichtung; ansonsten besteht eine nicht selten auf echte oder vermeintliche Skandale ausgerichtete Publizistik - immer abgesehen von den eingangs erwähnten Ausnahmen engagierter Intellektueller, zum Beispiel um die Zeitschrift Përpjekja. Die meisten Albaner beziehen ihr Wissen über die Diktatur aus der Familienerinnerung. Diese subjektive Perspektive überwiegt im Privaten. Im öffentlichen Diskurs verhindert die politische Polarisierung eine ernsthafte Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit. Es ist daher noch nicht der Zeitpunkt, um aus wissenschaftlicher Perspektive die albanische kommunistische Diktatur endgültig zum beurteilen. Im Gegenteil: die Forschung und die albanische Gesellschaft stehen erst am Anfang eines langen Prozesses.

Das Interview führte Angelina Verbica

Redaktion: Mirjana Dikic

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