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Kultur

Forscherdrang auf dem Prüfstein

Wissenschaftliche Erkenntnisse erleichtern uns das Leben. Doch wie weit darf die Forschung gehen? Eine Betrachtung von Peter Philipp.

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Ehemalige RAF-Terroristin Ulrike Meinhof: Ihr Gehirn wird lange nach ihrem Tod untersucht

Ohne ihren steten Forschungsdrang wäre die Menschheit sicher ärmer und würde sie sich vermutlich nicht unterscheiden von den Tieren. Und ohne diese Forschung auch am eigenen Objekt hätte die Menschheit vielleicht längst den Kampf verloren gegen Seuchen und Epidemien und wäre er Mensch vielleicht längst vom Erdboden verschwunden – wie einst die Dinosaurier und andere prähistorische Lebewesen. Dass dem nicht so ist, haben wir sicher der Neugier und dem Mut von Wissenschaftlern zu verdanken – jenen altägyptischen oder auch den chinesischen Medizinern, die sich mit Messern, aber auch Hammer und Meißel an kranke und tote Körper machten um zu erforschen, was sie krank gemacht hat und was sie sterben ließ.

Der Intelligenz auf der Spur

Es geht nicht nur um die Erforschung von bereits aufgetretenen Krankheiten, sondern auch um die Erforschung des Zusammenspiels der Organe und – immer häufiger – um die Frage, in welcher Weise und in welchem Umfang intellektuelle oder andere Eigenarten von Menschen mit bestimmten organischen Eigenarten in Verbindung stehen.

Um solches zu tun, mussten und müssen die Forscher moralische Hürden überwinden. Denn am lebenden Menschen herumzuexperimentieren war und ist ein fragwürdiges Unterfangen. Wie sehr, das mag an den Protesten abzulesen sein, die schon Tierversuche regelmäßig auslösen. Und es ist keine Lösung, dass man dabei auf Menschen in aussichtsloser Situation zurückgreift – etwa zum Tode oder zu lebenslänglicher Haft Verurteilte. Auch ihnen wird längst das Recht auf Menschenwürde zugestanden. Und selbst wenn sie sich freiwillig zur Verfügung stellen, will die Gesellschaft das nicht so recht akzeptieren. Denn die Ausweglosigkeit ihrer Lage sei doch ein psychologisches Druckmittel.

Zweifelhafter Ausweg

Aber dann gibt es natürlich auch die Organ-Untersuchungen Gestorbener. Nur wenige vermachen ihren Körper der Wissenschaft und Angehörige sind auch selten dazu bereit. Allerdings setzt sich immer mehr durch, dass Menschen einzelne Organe im Fall ihres Todes zur Rettung anderer zur Verfügung stellen. Rein zu Forschungszwecken aber ist dies noch recht selten.

So – und nur so – mag zu erklären sein, wie das Gehirn der ehemaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof sich über zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod heute in einer deutschen Universitätsklinik wiederfindet. Die nach dem Selbstmord angeordnete Autopsie wurde ganz offensichtlich dazu missbraucht, Forschungen anzustellen, die weit über die der Todesursache hinausgingen.

Das Gehirn als Forschungsobjekt

Ein faszinierender Gedanke: Am menschlichen Hirn feststellen zu können, was einen so gemacht hat wie man geworden ist. Ein Terrorist – wie in diesem Fall – oder ein Nobelpreisträger – wie im Fall Albert Einsteins, dessen Gehirn ebenfalls wissenschaftlich untersucht wurde. Allerdings nicht insgeheim.

Das Heimliche ist aber auch das Bedrückende und Beängstigende an der Sache: Weiß man, was da untersucht wurde oder untersucht werden sollte? Wäre es nur die Todesursache gewesen, dann hätte man dies bis zur Beisetzung sicher abschließen können. So aber kommt eine merkwürdige Mischung von Frankenstein und Golem auf: Der Verdacht, man könnte am Menschen aus der Retorte basteln. Denn wenn das Zusammenspiel zwischen Gehirn und menschlicher Wesensart erst einmal erforscht ist – wer könnte dann verhindern, dass eines Tages Nobelpreisträger herangezüchtet werden. Oder auch Terroristen?

Solch eine Unterstellung werden die Forscher sicher weit von sich weisen, die Ulrike Meinhofs Gehirn ohne Wissen ihrer Angehörigen zurückbehalten haben. Aber: In einer Zeit, in der Menschen bereit sind, gegen gen-manipulierten Mais auf die Barrikaden zu gehen, sollte man vielleicht umso wachsamer gegenüber solchen Entwicklungen sein. Nur zu leicht nämlich könnte der Forscherdrang, der die Menschheit bisher gerettet hat, plötzlich doch auch zu ihrem Nieder- wenn nicht gar Untergang beitragen …