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Wissen & Umwelt

Forscher fordern ehrlichen Klimadialog

Klimaforscher und Meteorologen fordern von ihrer Zunft mehr Ehrlichkeit bei Prognosen, Vorhersagen und Modellen und rufen zu einem ernsthafteren Dialog mit Skeptikern des Klimawandels auf.

Schneepflüge räumen eine Straße in St. Luois USA (Foto: AP)

Wetter ist fühlbar - Klima nicht

Wetter- und Klimaforscher warnen davor, der Öffentlichkeit Langzeitprognosen für das Wetter vorzulegen, die als präzise Vorhersagen missverstanden werden könnten. Auch sei es nötig, sich mit Zweifeln am menschengemachten Klimawandel, die in breiten Teilen der Bevölkerung vorherrschen, ernsthafter auseinanderzusetzen als bisher.

Professor Hans von Storch leitet das Helmholtz-Zentrum in Geesthacht und dort den Klima-Campus der Universität. Er beobachtet einen wachsenden Graben zwischen der Klimaforschung und der Öffentlichkeit. So sei "eine ganz große Mehrheit der Klimawissenschaftler der Meinung, dass es wärmer wird, und dass das sehr wahrscheinlich ein Ergebnis des menschlichen Einflusses ist", aber dies stünde im Gegensatz zu einer Vielzahl von Meinungsumfragen weltweit. Zum Beispiel sei in Deutschland die Anzahl der Menschen, die Angst vor dem Klimawandel hätten, zwischen 2006 und 2010 von etwa 60 auf 40 Prozent gesunken.

Übertreibung schadet dem Ansehen

Professor Hans Storch Leiter des Helmholtz Zentrums in Geesthacht beim Extremwetterkongress in Hamburg am 12.04.2011 (Foto: DW/Fabian Schmidt)

Storch fordert, Skeptiker ernst zu nehmen

An dem Verlust von Glaubwürdigkeit trage die Klimaforschung selbst eine Mitschuld. Sie habe wissenschaftlich unbegründete Erwartungen geweckt, so Storch. Die Forderung der Öffentlichkeit, schnell Handlungsanweisungen zur Rettung der Welt liefern zu müssen, habe die Grenzen zwischen Politik und Wissenschaft verwischt. Wissenschaft würde daher nicht mehr aus "Neugier" gemacht, sondern es ginge darum, "eine vorgefasste wertbasierte Agenda zu realisieren". Storch beklagt: "Wir sind als Wissenschaftler zu politischen Hilfskräften geworden, die gefälligst das richtige Argument abzuliefern haben, damit die Menschen das richtige tun."

Und bei dem Versuch, den Menschen dieses Argument zu vermitteln, sind Wissenschaft, Politik und Medien oft deutlich über das Ziel hinausgeschossen. "Wenn wir seriös Informationen weitergeben wollen, dann ist eine Übertreibung nicht gut", warnt der Meteorologe und Wettermoderator Sven Plöger.

Reißerische Begriffe helfen nicht

Sven Plöger Meteorologe und Wettermoderator bei einem Vortrag auf dem Extremwetterkongress in Hamburg vom am 12.04.2011 (Foto: DW /Fabian Schmidt)

Metereologe Sven Plöger warnt vor Sensationsberichten

Ein Beispiel dafür sei die Rolle des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre. Dieses sei ein ganz wichtiges Gas. Ohne Kohlendioxid gibt es keine Photosynthese und ohne Photosynthese keinen Sauerstoff. Aber vor allem sei CO2 kein "Klimakiller", betont Plöger und fragt rhetorisch: "Was bleibt denn dann auch übrig, wenn das Klima gekillt ist?" Solche Begriffe sollten weder Wissenschaftler noch Medienschaffende erfinden. "Wir sollten einfach einordnen und uns auch erlauben zu differenzieren: Wo sind die Zusammenhänge? Was macht das Kohlendioxid? Wo ist es gut, und wo ist es schlecht?" so der Meteorologe.

Und Wissenschaftler müssten ehrliche Antworten geben, wenn die Öffentlichkeit Erklärungen verlange, wie einzelne Wetterereignisse mit dem Klimawandel in Beziehung stehen. Denn in der Regel seien solche Zusammenhänge nicht eindeutig. "Wetter können wir fühlen und spüren, mit unseren Sinnesorganen. Das ist uns sehr nahe. Klima ist hingegen das gemittelte Wetter, das ist Statistik. Das ist uns sehr fern, denn wir spüren es nicht", so Plöger.

Der Klimaforscher Storch bemängelt zudem einen Unwillen unter Kollegen, die Zweifel der Skeptiker eines menschengemachten Klimawandels ernst zu nehmen. Das Problem sei nicht, "dass die Öffentlichkeit dumm ist, oder unausgebildet", sondern die Wissenschaft habe dabei versagt, auf legitime öffentliche Fragen Antworten zu geben. Stattdessen habe sie gesagt, "glaubt uns - wir sind Wissenschaftler". Es gebe viele Fragen bei Einzelnen und diese bekämen nur eine "pampige Antwort", findet Storch.

Belehrung statt Information ruft Skepsis hervor

Der Khumbu-Gletscher vor dem Everest-Basislager (Foto: dpa)

Waren Berichte über eine Gletscherschmelze im Himalaya übertrieben?

Deshalb hat Storch eine Befragung unter Menschen durchgeführt, die sich als Klima-Skeptiker bezeichnen. Dabei fand er heraus, dass viele erst durch übertriebene und dramatisierende Darstellungen überhaupt zu Skeptikern wurden. So hätten dreißig Prozent der Befragten erklärt, es sei versucht worden, ihnen ein "politisches und kein wissenschaftliches Argument zu verkaufen".

Damit habe sich die gut gemeinte Überzeugungsarbeit voll ins Gegenteil verkehrt. Denn unter den Skeptikern gäbe es auch viele gut ausgebildete Personen, wie Geologen, Chemiker und Ingenieure. "Das sind keine Deppen, die einfach verführbar sind", betont Storch, "sie sind darüber irritiert, dass Wissenschaftler sich als Politiker aufführen oder sie finden, dass ihre legitimen Fragen nicht beantwortet werden".

So habe er längere Zeit nach einem Gesprächspartner für einen skeptischen Leiter eines Lehrstuhls für Physik gesucht. Dieser Professor wollte das Modell des Strahlungshaushalts verstehen, welches der Theorie vom Treibhausgas zugrunde liegt. Dies sei Storch aber nicht geglückt.

Dialog auf Augenhöhe ist nötig

Ein Regensturm in Israel (Foto: AP)

Individuelle Wettererlebnisse geben keinen Aufschluß über das Weltklima

Es gebe unter den Klimaforschern zwar den Willen, die Öffentlichkeit zu belehren, aber weniger die Bereitschaft, seriös zu informieren. Auch warnt Storch davor, Skeptiker des Klimawandels zu stigmatisieren. Viel zu oft höre man in einschlägigen Kreisen, dass die Skeptiker "entweder doof, gekauft von Blödmännern oder von Geld, oder einfach böse sind. Ich glaube, das ist nicht die richtige Dimension", so der Klimaforscher.

Und der Meteorologe Sven Plöger schlägt vor, den Umgang mit den Ressourcen der Erde ins Zentrum der Debatte zu stellen. "Wir brauchen den Energiewandel - Klimawandel hin oder her. Wenn wir jeden Tag 14 Milliarden Liter Öl verbrennen, und die Sonne uns gleichzeitig 6000 mal soviel Energie liefert, wie wir verbrauchen, und wir nur 0,5 Prozent im weltweiten Mix nutzen, dann ist da der Fehler." Und den gelte es zu korrigieren.

Autor: Fabian Schmidt

Redaktion: Dirk Eckert