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Wissen & Umwelt

Forscher blicken ins Hühnerei

Ist es ein Weibchen oder ein Männchen? Bei Legehühnern entscheidet die Antwort über Leben und Tod: Hähne werden getötet. Neue Methoden sollen demnächst das Geschlecht schon im Ei bestimmen.

Eier in Paletten. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Neue Methoden sollen demnächst das Geschlecht schon im Ei bestimmen

Bei Legehühnern sind die männlichen Küken unerwünscht, denn sie legen keine Eier. Es lohnt sich aber auch nicht, sie zu mästen, da sie zu wenig Fleisch ansetzen. Die makabere Lösung: Die Küken werden gleich nach dem Schlüpfen gehäckselt oder erstickt. Alleine in Deutschland sind das jedes Jahr über 40 Millionen - weltweit sind etwa zweieinhalb Milliarden im Jahr dem Tod geweiht.

Wenn schon vorher bekannt wäre, ob aus einem Ei eine Henne oder ein Hahn schlüpfen wird, könnten die Zuchtbetriebe von vorneherein nur die Hennen ausbrüten. "Das wäre definitiv eine gute Sache", sagt Marius Tünte, Pressesprecher beim Deutschen Tierschutzbund. "Dann tötet man nicht ausgeprägtes Leben." Wichtig ist allerdings, dass eine Geschlechtsbestimmung vor dem zehnten Entwicklungstag funktioniert - bevor der Hühnerembryo Schmerz empfinden kann.

Eine Doktorarbeit an der Universität Gießen untersuchte, ob sich das Geschlecht des Embryos anhand der Eiform erkennen lässt. So einfach ist es aber offensichtlich nicht. Alle Methoden, die realistisch in Betracht kommen, sind sehr viel aufwendiger.

Ein Küken sitzt auf der Hand einer Mitarbeiterin in der Brüterei (Foto: Jens Wolf dpa/lrs)

Ist es eine Henne oder ein Hahn? Praktisch wäre, das schon vorm Schlüpfen zu wissen

"Fruchtwasseruntersuchung" beim Huhn

Entnimmt man einem Hühnerei, in dem sich gerade ein Embryo entwickelt, an der richtigen Stelle etwas Flüssigkeit, verrät diese das Geschlecht: Bei einer Henne enthält sie weibliche Geschlechtshormone, darunter Östradiol, beim Hahn nicht.

"Diese Methode klappt gut", sagt Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns, Tierärztin und Forscherin an der Universität Leipzig im Interview mit der DW. "Wir können damit zuverlässig das Geschlecht am neunten Lebenstag des Embryos bestimmen."

Krautwald-Junghanns und ihr Team arbeiten in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit Kollegen der Universität Dresden und dem Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP) in Dresden.

Erfolgreich mit Schwächen

Krautwald-Junghanns und ihre Kollegin Almuth Einspanier haben diese hormonbasierte Methode schon erfolgreich im Großversuch in Brütereien getestet. Aber das Verfahren hat Nachteile: Hühnerküken schlüpfen nach 21 Tagen; am neunten Tag ist der Embryo daher bereits schon relativ weit entwickelt, mit Herz, Augen und allem, was dazu gehört. "Ein Tierschutzverfechter könnte dann sagen, das ist fast wie eine Abtreibung", sagt die Forscherin.

Zudem ist die Methode relativ teuer, denn sie benötigt Verbrauchsmaterial: Testkits, ähnlich einem Schwangerschaftstest.

Tierschützer, Forscher und die Industrie sind sich einig: Besser wäre ein Verfahren, das das Geschlecht im befruchteten, aber noch unbebrüteten Ei bestimmt. Dann existiert lediglich eine Keimscheibe, ein sehr frühes Embryonalstadium aus vielen tausend Zellen, die einen Hohlraum umgeben. Das Geschlecht ist anhand der Geschlechtschromosomen in diesen Zellen aber bereits festgelegt.

Bebrütetes Hühnerei. (Foto: picture-alliance/dpa)

Ein Hühnerei achtzehn Stunden nach Beginn der Bebrütung

Ins unbebrütete Ei schauen

Bei Vögeln sind die männlichen Geschlechtschromosomen größer als die weiblichen, enthalten also mehr DNA. Aus der Menge an DNA in einem Ei lässt sich daher auf das Geschlecht rückschließen.

Bisher entnehmen die Forscher dem Ei dafür einige Zellen, in Zukunft soll es berührungsfrei funktionieren, über eine Art Lichtstrahl, der ins Ei leuchtet. Dafür müssen die Forscher zunächst mit einem Laser ein winziges Loch in die Eierschale brennen, bei der nur das Schalenhäutchen stehenbleibt und durch dieses winzige Loch die Keimscheibe erfassen.

Das Problem: "Das befruchtete Ei ist kein Auto mit definierten Teile an definiertem Orten, sondern ein Lebewesen", erklärt Krautwald-Junghanns. "Die Keimscheibe liegt also nicht immer am gleichen Ort, sondern wandert." Und zu viele Löcher darf ein Ei nicht bekommen, da sich sonst kein gesundes Huhn mehr darin entwickeln kann.

Der Vorteil der Methode: Die unbebrüteten Eier ließen sich weiterverwenden, zwar nicht mehr als Frühstückseier, aber zum Beispiel für die Herstellung von Tierfutter.

"Die erste Methode ist der Spatz in der Hand, die zweite die Taube auf dem Dach", fasst Krautwald-Junghanns den Stand der Dinge zusammen. Sprich: Ein Verfahren, das bereits im unbebrüteten Ei das Geschlecht bestimmt, wäre das bessere; allerdings ist es bisher auch weniger weit entwickelt.

Viele Küken. (Foto: EPA/MONEY SHARMA)

Eine industrielle Brüterei brütet bis zu 100.000 Küken pro Tag aus

Hohe Anforderungen

Bisher ist keine der beiden Methoden soweit ausgereift, dass sie am Markt anwendbar ist. Denn die Geschlechtsbestimmung muss zum einen billig sein, zum anderen muss sie schnell erfolgen: "Sie sollte mindestens ein Ei pro Minute schaffen", sagt die Forscherin.

Da eine Brüterei bis zu 100.000 Eier Durchsatz pro Tag hat, ist das nur mit Maschinen machbar. Eine solche Maschine müsste entweder mit einer winzigen Nadel Flüssigkeit aus dem Ei entnehmen und auf weibliches Geschlechtshormon prüfen oder aber ein Loch in die Schale brennen, hineinstrahlen und die Menge an DNA ermitteln.

Eine solche Maschine existiert aber noch lange nicht. "Wir hoffen, Ende 2014 die Lösung gefunden zu haben", so die Forscherin. "Dann übergeben wir das an den Bund, unseren Geldgeber."

Eine Firma würde dann den Auftrag bekommen, eine passende Maschine zu entwickeln. Bis dahin werden also noch einige Jahre ins Land gehen. Solange landen die männlichen Küken weiterhin in der Häckselmaschine.

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