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Wissen & Umwelt

Forsch mit mir!

Ob Facebook oder MySpace – soziale Netzwerke boomen. Fast 40 Millionen Deutsche nutzen solche Internet-Portale. "Researchgate" heißt das weltweit größte Netzwerk für Wissenschaftler. Die Idee dazu kommt aus Deutschland.

Logo Researchgate (Copyright: Researchgate)

Ein Großraumbüro in einem Berliner Hinterhof. Englische und spanische Wortfetzen mischen sich mit dem Baulärm von nebenan. Schicke Informatiker und Designer, alle um die 20, sitzen konzentriert an ihren schneeweißen Laptops und feilen an Researchgate, einer Internet-Plattform für Wissenschaftler.

Spezialisten gesucht

Ijad Madisch hat das Netzwerk 2008 mit zwei Freunden gegründet. Der 30-Jährige mit der sportlichen Statur ist selbst promovierter Mediziner. "An der Uni habe ich an Stammzellen geforscht und versucht, Knochen für künstliche Finger zu züchten", erklärt er. "Doch irgendwie kam ich nicht weiter". Weder in seinem eigenen Labor noch im näheren Umfeld fand er Antworten.

Und so kam Ijad Madisch auf die Idee, eine Internet-Plattform für Wissenschaftler aufzubauen. "Jeder Forscher sollte sich hier mit seinen Fähigkeiten und Projekten vorstellen und nach anderen suchen können."

Raus aus dem Elfenbeinturm

Inzwischen haben sich über 900.000 Wissenschaftler aus der ganzen Welt auf Researchgate angemeldet. "Raus aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm" - nach diesem Motto funktioniert das Netzwerk. Ökologen aus Norwegen fachsimpeln mit ägyptischen Soziologen. Chemiker aus den USA bitten indische Mathematiker um Tipps bei ihren Versuchen. Wissenschaftlicher Austausch über Fach- und Ländergrenzen hinweg.

"80 Prozent der wissenschaftlichen Arbeit besteht aus Experimenten, die nicht klappen", wirft Ijad Madisch mit einem Schmunzeln ein. "Doch am Ende wird immer nur das veröffentlicht, was funktioniert hat." Bei Researchgate ist das anders. Hier findet man neben Fachartikeln auch Berichte über misslungene Versuche. "Dadurch werden Fehler nicht doppelt gemacht und Wissenschaft wird schneller und effizienter."

Ijad Madisch, Gründer des Wissenschaftsnetzwerkes Researchgate (Foto: DW/Aygül Cizmecioglu)

Ijad Madisch, Gründer des Wissenschaftsnetzwerkes Researchgate

Werbung verboten

Das Geld für seine Neugründung hat Ijad Madisch von Firmen aus dem kalifornischen Silicon Valley bekommen. "In Deutschland waren am Anfang alle eher skeptisch. In den USA unterstützt man solche ungewöhnlichen Ideen eher“, erklärt der Harvard-Absolvent die kulturellen Unterschiede.

Im Gegensatz zu Facebook gibt es bei Researchgate keine Werbung und auch die Daten der Forscher werden nicht weitergegeben. "Wir finanzieren uns unter anderem über eine wissenschaftliche Stellenbörse. Für die Forscher ist diese kostenfrei. Firmen, die inserieren, müssen zahlen“, so der Sohn syrischer Eltern. Daneben baut Researchgate für Forschungsinstitutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft private Netzwerke auf.

Praktisch und kostenfrei

Eine Plattform von und für Wissenschaftler - dieser Aspekt war für Dr. Tim Hucho entscheidend. Der Biochemiker ist seit über zwei Jahren Nutzer von Researchgate. Ein großer, jungenhafter 40-jähriger im praktischen Wollpullover. Er arbeitet in der Schmerzforschung und leitet ein Netzwerk von mehreren Arbeitsgruppen. "Researchgate ist ziemlich praktisch, wenn man wichtige Labordaten oder Tagungsinfos für alle zugänglich zu machen will", erklärt er mit ruhiger Stimme.

Oder wenn man kostenfrei an Fachartikel kommen möchte. "Normalerweise stehen diese nur über renommierte Journale zur Verfügung. Und die kosten oft ziemlich viel Geld“, so Tim Hucho. Researchgate ist deswegen vor allem für Wissenschaftler aus Entwicklungsländern interessant, die sich das nicht leisten können und über diese Plattform trotzdem auf dem neusten Wissenschaftsstand bleiben.

Generationsunterschiede

Tim Hucho, Biochemiker, Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, Berlin (Foto: DW/Aygül Cizmecioglu)

Tim Hucho, Biochemiker, Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, Berlin

Für Schmerzforscher Tim Hucho ist Researchgate trotzdem keine Konkurrenz zu den renommierten Fachzeitschriften. "Das Netzwerk ist nur eine zusätzliche Quelle. Und nicht die erste Veröffentlichungsadresse für Forscher.“ Ein Grund: Researchgate spricht vor allem junge Wissenschaftler an. Ältere, renommierte Forscher scheuen eher die neue Kommunikationsform.

Vielleicht auch, weil sich hier jeder als Wissenschaftler anmelden und Inhalte verbreiten kann. Wie seriös diese sind und ob sich hinter den Profilen Scharlatane verbergen, wird von Researchgate nicht aktiv kontrolliert. Das sei auch nicht notwendig, glaubt Tim Hucho.

Selbstregulation statt Kontrolle

"Das Netzwerk reguliert sich selbst. Bei welchem Professor hat jemand studiert? Wie sieht seine Publikationsliste aus? Durch solche Fragen trennt sich sehr schnell Spreu vom Weizen", ist Tim Hucho überzeugt.

Dazu gehöre auch, dass jeder Forscher die Kommentare der anderen bewerten kann, betont Ijad Madisch. Der Researchgate-Gründer hat inzwischen seinen Medizinerjob an den Nagel gehängt. Vom Nobelpreis träumt er trotzdem. Nicht für außergewöhnliche Forschung, sondern für das Errichten eines gigantischen Wissenschaftsnetzwerks. Die Kategorie müsse freilich noch erfunden werden.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Judith Hartl

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