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Helfer aus Leidenschaft

Jannis Papadimitriou, Athen5. März 2016

Eigeninitiative: Weil es an staatlicher Hilfe mangelt, versuchen viele Griechen, die Flüchtlinge im Land zu unterstüzen. Einer der Freiwilligen ist der Rentner Vangelis Kissamitakis. Von Jannis Papadimitriou, Athen.

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Der Rentner Kissamitakis verteilt Suppe an die Flüchtlinge in Athen - Foto: Jannis Papadimitriou (DW)
Bild: DW/I. Papadimitriou

Seine markante Erscheinung und seine Stimme fallen sofort auf am Viktoria-Platz, dem Athener Treffpunkt für Geflüchtete aus aller Welt. Vangelis Kissamitakis rührt in seinem Topf und verteilt Essen, das er selbst gekocht hat. Letztens gab es warme Ziegensuppe. Eine gute halbe Stunde fährt der Witwer mit dem Bus von seiner Wohnung im bürgerlichen Stadtteil Pangrati zu den Gestrandeten am Viktoria-Platz.

Viel kann er alleine nicht bewirken an einem Ort, an dem Hunderte Menschen im Freien unter elenden Bedingungen übernachten. Trotzdem sei es ihm wichtig, ein Zeichen zu setzen, meint der Hobbykoch: "Ich bin gläubiger Christ, ich habe selbst ein Kind, das arbeitslos ist und eine Enkelin, die in sehr bescheidenen Verhältnissen aufwächst. Deshalb tun mir auch die Menschen am Viktoria-Platz so leid."

Der Rentner war früher als Bauarbeiter, Klempner oder Straßenfeger tätig. In den sechziger Jahren kam er als Gastarbeiter nach Düsseldorf, kehrte aber nach einem schweren Arbeitsunfall in die Heimat zurück. "Ich wollte nicht einfach dasitzen, ohne zu arbeiten, obwohl ich nach meinem Unfall durchaus Anspruch auf Sozialhilfe hätte", berichtet der 75-Jährige. Alles in allem bekommt er heute, nach langen Arbeitsjahren, eine Rente in Höhe von 700 Euro. In Athen kann man sich damit keine großen Sprünge leisten. Doch Kissamitakis will niemandem zur Last fallen. Selbst bei Interviews besteht er darauf, den Kaffee selbst auszugeben.

Flüchtlinge auf dem Viktoriaplatz in Athen - Foto: Jannis Papadimitriou (DW)
Flüchtlinge auf dem Viktoriaplatz in Athen: Mehr Sanitäranlagen und Übernachtungsmöglichkeiten nötigBild: DW/I. Papadimitriou

Ein anderer Ort, an dem Tausende Flüchtlinge vorübergehend Zuflucht finden, ist ein Passagierterminal am Hafen von Piräus. Eng beieinander liegen oder schlafen ganze Familien auf dem Kachelboden. Es gibt nur wenige Sanitäranlagen, in der Halle riecht es unappetitlich. Tagsüber schlendern rauchende Männer auf dem Hafengelände, Kleinkinder werden mit Ballspielen beschäftigt.

Plötzlich richten sich alle Blicke auf eine ältere Frau, die aus einer großen Tüte Snacks und Süßigkeiten verteilt. Dichtes Gedränge unter den Kindern, innerhalb von Minuten ist alles weg. "Ich bin im Krieg geboren und weiß, wie es ist, wenn man hungern muss", sagt Spenderin Anna. "Da empfinde ich Mitleid mit diesen Kindern. Es darf einfach nicht sein, dass Menschen verhungern in der heutigen Zeit", so die 76-jährige.

Die griechische Rentnerin Anna unterstützt Flüchtlinge in Piräus - Foto: Jannis Papadimitriou (DW)
Rentnerin Anna: "Ich weiß, wie es ist zu hungern"Bild: DW/I. Papadimitriou

Die Rentnerin lebt von nur 550 Euro im Monat. Zu Fuß kommt sie immer wieder zum Hafen aus Passalimani, einem Vorort von Piräus, und verteilt Snacks an die Flüchtlingskinder. Für diese Menschen, glaubt sie, gebe es eigentlich nur eine Lösung: Der Krieg in ihrer Heimat soll endlich aufhören. Aber bis es soweit ist, müsse man sie vor Hunger schützen, sagt Anna. "Selbst Hunde verhungern heutzutage nicht mehr. Ich beobachte manchmal, wie ein Hund Futter vorgesetzt bekommt und gar nicht fressen will, weil er schon satt ist. Da kann es doch nicht sein, dass wir kleine Kinder verhungern lassen!" empört sich die Rentnerin.

Nichtregierungsorganistionen ständig im Einsatz

In Griechenland gibt es kein großzügiges Sozialsystem. Arbeitslose bekommen höchstens ein Jahr lang staatliche Unterstützung, für Flüchtlinge kann der Staat kaum aufkommen. Umso wertvoller ist der Einsatz von Hilfsorganisationen. Mit dabei ist die Nichtregierungsorganistion "Ärzte ohne Grenzen", deren griechische Sektion vom heutigen Migrationsminister Jannis Mouzalas mitbegründet wurde. Oder die Hilfsorganisation "Lächeln des Kindes", die von einem vermögenden Manager ins Leben gerufen wurde und durch Spenden finanziert wird.

Präsenz zeigt nicht zuletzt das Griechische Rote Kreuz, das auf gut ausgebildete Ehrenamtliche zurückgreifen kann. "Wir haben gerade Sandwiches und Wasser verteilt", sagt Rotkreuz-Mitarbeiterin Efi Thanassoula nach einem Einsatz mit 20 Helfern am Viktoria-Platz in Athen. Wichtig sei vor allem die Arbeit der Dolmetscher, die mit Arabern oder Afghanen in deren Landessprache kommunizieren und bei Alltagsproblemen helfen können. Thanassoula nennt folgendes Beispiel: "Gerade klagte ein Herr, dass ihm seine Schuhe geklaut wurden. Wir haben ihm geraten, in unser Lager zu gehen und die passenden Herrenschuhe zu finden." Immerhin fehle es derzeit kaum an Kleidung und Bettdecken, meint Thanassoula. Dafür brauche man dringend Sanitäranlagen und Übernachtungsmöglichkeiten.

Die meisten Initiativen zur Flüchtlingshilfe in Griechenland entstehen aber spontan und unkoordiniert - eine Art staatliche Planung bei der Flüchtlingsversorgung ist nicht erkennbar. Um einzelne Sachspenden besser abzustimmen, ruft das "Solidaritätsnetzwerk für Flüchtlinge" übers Internet zu einer Sammelaktion am Sonntag vor dem griechischen Parlament auf. Versorgungslücken werden in den sozialen Medien akribisch aufgeführt: Bitte keine Schuhe, außer Sportschuhe. Keine Kleidung, außer Unterwäsche und Regenjacken. Keine Schokolade, dafür Hülsenfrüchte und Milchpulver. Dringend benötigt werden Medikamente, Hygieneartikel sowie Schreibwaren für Kinder.