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"Habt Mitgefühl!"

Hans Pfeifer24. August 2015

In Deutschland mobilisieren gewaltbereite Nazis gegen Flüchtlinge. Dabei haben die Geflüchteten selbst nur einen Wunsch: Frieden. In der DW-Sendung "Shababtalk" erzählen sie - aus einer Berliner Flüchtlingsunterkunft.

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DW-Sendung "Shababtalk" (Foto: DW)
Führte durch "Shababtalk": DW-Moderator Jaafar Abdul KarimBild: DW/H. Pfeifer

Shababtalk berichtet aus einem Berliner Flüchtlingsheim

Ghanya hatte einen Traum - damals vor vielen Jahren und Jahrzehnten, als sie noch ein Mädchen war. Sie wollte Zuhause heiraten und eine Familie gründen. Und sie wollte dieses Zuhause nie verlassen. Ghanya hat dann geheiratet und hat eine Familie gegründet. Aber ihr Zuhause heißt Syrien, und einer ihrer Söhne wird erschossen. Und so beschließt sie als altgewordene Frau, die Heimat mit ihrem anderen Sohn zu verlassen.

Was dann folgt, klingt vertraut aus dem Fernsehen: Türkei, Schlauchboot, Griechenland, Serbien, Ungarn, Gefängnis, Deutschland, Flüchtlingsunterkunft. Die Stichworte raffen das Leben der zehntausenden Menschen, die gerade in Deutschland ankommen. Dahinter liegt der Albtraum. "Ich bin eine hilflose alte Frau", erzählt Ghanya. "In einem Zug in Serbien hat mich die Polizei geschlagen. Und in der Türkei haben einige Polizisten mir alles genommen - sogar mein Parfum!"

Jetzt sitzt Ghanya selber im Fernsehen. In einem Wald bei Berlin. Sie trägt ein strenges braunes Kopftuch und ein leuchtendes blaues Kleid. Sie sitzt auf einer Bierbank zwischen anderen Frauen und Männern. Kinder toben auf der Straße ohne Autos. Es ist das Gelände eines ehemaligen Altenheims, das vor einigen Monaten wieder zu Leben erweckt wurde: in den kasernenartigen Gebäuden leben 780 Menschen aus aller Welt. Sie sprechen Arabisch, Dari, Farsi, Serbisch, Tigrinya. Sie sind Geflüchtete, die Deutschland hier zusammengeführt hat. Und an diesem Montag im August 2015 ist das Fernsehen der Deutschen Welle zu ihnen gekommen.

Ghanya aus Syrien (Foto: DW)
Ghanya aus SyrienBild: DW/H. Pfeifer

Das Leben als Flüchtling: Not, Angst, Unsicherheit

In der TV-Sendung "Shababtalk" hört sich Moderator Jaafar Abdul Karim ihre Geschichten an. Viele seiner Gäste verraten nicht ihren richtigen Namen. Denn natürlich reicht die Angst vor Verfolgung auch bis hierhin, in den Wald von Berlin.

Nisrin ist 28 Jahre alt und kommt aus der syrischen Stadt Homs. Geflohen ist sie mit ihrem Bruder und vier Kindern. Ihr Mann war im Gefängnis. Er lebt nicht mehr. Türkei, Schlauchboot, Serbien, Gefängnis, Flüchtlingsunterkunft. Sie ist stark. Für ihre Kinder. "Ich bin glücklich, hier zu sein", erzählt Nisrin. "Ich habe hier neue Freunde kennengelernt. Dadurch kann ich meine Traurigkeit vergessen."

Nisrin redet wie alle anderen Gesprächspartner auf arabisch. Das ist das besondere an dieser Talkshow: weil alle in ihrer Muttersprache reden, ist das Vertrauen in diesem fremden Land schneller hergestellt. "Du hast traurige Augen", sagt Moderator Jaafar Abdul Karim. "Weil in Syrien", antwortet Nisrin, "immer noch Chaos herrscht. Und viele Menschen in Syrien denken, dass man in Europa einfach shoppen geht. Und dass das Leben eine Erholung ist. Aber so ist das nicht."

Flüchtlingsunterkunft Berlin Gatow (Foto: DW)
Schauplatz der Sendung: die Flüchtlingsunterkunft Berlin GatowBild: DW/H. Pfeifer

Rassistische Gewalt spricht sich rum

Alle hier in dem Berliner Wäldchen wissen von den Ereignissen am Wochenende zuvor. Als in Heidenau bei Dresden Steine, Böller und Flaschen flogen. Und ein entfesselter rechter Mob die Flüchtlingsunterkunft stürmen wollte. Nein, er wollte viel mehr: er wollte hasstrunken auf die Menschen in der Unterkunft losgehen.

Die Flüchtlinge sind gut vernetzt. Sie erfahren solche Nachrichten über Facebook, Twitter oder telefonisch. Aber keiner redet schlecht über Deutschland und die Deutschen. Alle sind höflich und bedanken sich für die Hilfe durch Ämter und Ehrenamtliche. Sie wollen endlich nach vorne schauen, erzählen sie im Shababtalk.

Aber das ist nicht einfach, so eingepfercht in kleinen Zimmern, mit Matratzen auf dem Boden und den Bildern von Bomben im Kopf. Mit einer alten Heimat in Schutt und Asche und einer möglicherweise neuen, die in der Unterkunft manchmal Geschenke und manchmal Hass vorbeibringt. Verdammt dazu, zu warten. Auf Papiere, auf eine Arbeitserlaubnis und oft auch auf die herbeigesehnte Familie.

"Was ist Deine Botschaft?", fragt DW-Moderator Jaafar Abdul Karim einen jungen Mann. "Ich habe keine", antwortet der und macht eine Pause. Und fügt dann doch noch an: "Habt Mitgefühl!"

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