1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Fluss-Sterben in Argentinien

Der Fluss Riachuelo stand einst für den Aufschwung Argentiniens. Heute ist er eine Bedrohung für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Jetzt soll der Giftfluss gereinigt werden.

Alte Brücke am Fluss Riachuelo (Foto: DW/A. Herrberg)

Die alte Brücke am Riachuelo ist Symbol für den industriellen Aufstieg Argentiniens

Das alte Hafenviertel La Boca von Buenos Aires: Dort strandeten die ersten Einwanderer, dort begann der industrielle Aufschwung Argentiniens. Heute lockt die geschichtsträchtige Uferpromenade "Caminito" Touristen aus aller Welt. Nur etwas stört die Szenerie: Ein höllischer Gestank. "Ich kann nicht verstehen, wie man hier ein Steak essen kann", sagt Alfredo Alberti, der zehn Blocks entfernt wohnt. "Der Riachuelo ist tot, ohne Sauerstoff, verpestet von Abwassern, Industrieabfällen, Müll. Sogar tote Tiere schwimmen manchmal vorbei."

Neben dem Citarum in Indonesien und Teilen des Jangtse in China gilt der Riachuelo als eines der schmutzigsten Gewässer der Welt. "Eine öffentliche Kloake", so nannte ihn die Umweltstiftung WWF kürzlich bei der Internationalen Wasserwoche in Stockholm und stellte den Fluss als abschreckendes Beispiel vor. Er mündet in den größeren Rio de la Plata, aus dem das Trinkwasser für 13 Millionen Argentinier gewonnen wird – ein Drittel der Bevölkerung des Landes.

Bootsfahrt auf der Giftbrühe

Abwasser, Chemieabfälle und tote Tiere treiben im Riachuelo, der zu den schmutzigsten Flüssen der Welt gehört (Foto:DW/ A. Herrberg)

Der Riachuelo gehört zu den schmutzigsten Flüssen der Welt

Viele Regierungen haben über die Jahre versprochen, den Fluss zu reinigen – nie geschah etwas. Alfredo Alberti war es, der 2004 gemeinsam mit der Vereinigung "Nachbarn aus La Boca" eine Klage gegen den argentinischen Staat einbrachte. Damit leisteten die Nachbarn die Vorarbeit für ein Urteil des Obersten Gerichtshofes Argentiniens. 2008 entschied das Gericht, "das Problem Riachuelo muss angegangen, seine Verschmutzer zur Rechenschaft gezogen werden".

"Eine historische Entscheidung", meint Felix Cariboni von Greenpeace Argentinien und startet den Motor eines Schlauchbootes. Es geht auf zu einer Bootsfahrt der besonderen Art: "Vermeidet jeden Kontakt mit dem Wasser!", warnt er.

Im Mündungsgebiet scheint der Fluss zunächst gar nicht so verschmutzt: In den letzten Monaten habe sich viel getan, sagt der Umweltaktivist. Verrostete Schiffswracks wurden aus dem Flussbett geborgen, treibender Müll abgefangen, die Ufer gereinigt. Zudem wird mit dem "Camino de la Ribera" eine 35 Meter breite, befestigte Uferstraße gebaut, die verhindern soll, dass Fabriken oder Wohnsiedlungen zu nahe an der Giftbrühe stehen. "Wir begrüßen diese Schritte. Allerdings ist das im Grunde bisher nur Kosmetik, und weiter als rund um das Touristengebiet La Boca reichen sie bisher auch noch nicht", erklärt Cariboni.

Kloake und Trinkwasserlieferant

Wie seine asiatischen Pendants fließt auch der Riachuelo durch dicht besiedeltes Gebiet. Fünf Millionen Menschen wohnen im 2.200 Quadratkilometer weiten Delta - zwei Millionen teils in "Villas", Elendsvierteln, nur Zentimeter von der Giftbrühe entfernt. "Wenn es regnet, steigt das Wasser fast bis in unser Wohnzimmer", erzählt Miriam Suárez, die in einer spartanisch zusammengezimmerten Hütte wohnt, ohne Zugang zum Trink- und Abwassersystem der Stadt.

Aus Mangel an Alternativen leiten die Menschen ihren Müll und ihr Abwasser in den Fluss. Doch das Gros der organischen Abfälle im Riachuelo stammt aus den veralteten, städtischen Klärwerken. "Sie wurden der stetig wachsenden Bevölkerungszahl von Buenos Aires nie angepasst. So quellen sie bei jedem Regenguss über", berichtet Cariboni.

Hilfe von der Weltbank

Aus Holz und Müll zusammengezimmerte Holzhütten direkt am Ufer. (Foto: DW/A. Herrberg)

Zwei Millionen Menschen leben an den Ufern des Flusses

Wie auch in Ländern Asiens, beispielsweise in Korea, wo die Weltbank die Reinigung der verschmutzten Flüsse unterstützt, bekommt auch Argentinien internationale Hilfe. 840 Millionen Dollar gibt es von der Weltbank für die Grunderneuerung der Kloaken, den Bau neuer Aufbereitungsanlagen und den Bau eines Tunnels, der überschüssiges Abwasser neun Kilometer weit in den größeren Rio de la Plata hinaustragen soll. "Der Rio de la Plata hat zwar eine beträchtliche Kapazität organische Abfälle aufzunehmen", erklärt Cariboni, "doch wenn nicht gleichzeitig die Industrie kontrolliert wird, könnte das zu einer neuen Katastrophe führen." Denn eine Vielzahl der ansässigen Unternehmen schleust ihren Chemiemüll heimlich in die Abwasserkanäle.

Schicke Schuhe, schmutzige Wäsche

Die Industrie bleibt die größte Herausforderung für einen sauberen Riachuelo, besonders die traditionelle Branche der Lederindustrie. Wie beispielsweise die Textilindustrie in China, Vietnam oder Kambodscha verwenden viele Gerbereien Schwermetalle und hochgiftige Chemikalien bei der Produktion, darunter Chrom oder das Hormongift Nenylphenol, das in Europa seit 2005 verboten ist. All das landet im Fluss.

Im Juli 2011 startete Greenpeace International die Kampagne "Schmutzige Wäsche" – dabei konnte Greenpeace zeigen, dass auch globale Modemarken wie Adidas, Nike, H&M, Puma oder Calvin Klein Verantwortung bei Umweltsünden in Schwellenländern tragen. Denn dort sitzen die Hersteller der Modemarken. Daraufhin haben sich Puma, Nike und Adidas in einer öffentlichen Erklärung verpflichtet, bis 2020 sauber zu produzieren – in Argentinien folgen ihnen nun die Marktführer der lokalen Lederbranche.

Hautausschlag, Bronchitis, Krebs

Doch was ist mit den kleineren Unternehmen, die weder einen großen Ruf, noch ein großes Budget haben? Einige Unternehmen zeigen sich nun kooperativ, andere nicht. Sie bekommen Fristen, und wenn sie die nicht einhalten oder in anderer Weise gegen Auflagen verstoßen, werden sie geschlossen. "Es gab eine erste Verhaftung", erzählt Juan José Mussi. Er ist argentinischer Umweltsekretär und Präsident der ACUMAR, einer übergreifenden Behörde für die Reinigung des Riachuelo.

Die Realität sei jedoch komplizierter, erklärt Felix Cariboni von Greenpeace und werkelt am Bootsmotor herum. Eine Plastiktüte hat sich darin verfangen. Mittlerweile sind die Folgen der Verschmutzung im Riachuelo auch mit bloßem Auge zu erkennen: Am Ufer tummeln sich Ratten.

Müll treibt auf dem Riachuelo (Foto: Greenpeace/M. Katz)

Es ist eine Mammutaufgabe, den Riachuelo zu reinigen

"Es gibt bisher nur rund 35 Kontrolleure für die schätzungsweise 16.000 bis 20.000 ansässigen Unternehmen. Außerdem fehlen detaillierte Analysen über Art, Menge und Auswirkungen der Chemie-Abfälle auf die Umwelt und vor allem auch die Gesundheit der Menschen", erzählt er.

Hautausschläge, Husten und Bronchitis seien an der Tagesordnung, berichtet die "Villa"-Bewohnerin Miriam Suárez. "Es gab auch Fälle von Krebs." Und trotz der Kontrollen, leiteten Fabriken weiter heimlich Abwasser in den Fluss: "Besonders an den Wochenenden wird der Gestank bestialisch."

Projekt Umsiedlung

Miriams Familie soll mit 2400 weiteren Familien nun umgesiedelt werden. Noch wartet sie. Denn Wohnungslose aus anderen Vierteln halten die neu gebauten Sozialwohnungen besetzt. Und zwischen Stadt-, Provinz- und Landesregierung ist ein Streit darüber ausgebrochen, wer für die Räumung zuständig ist. "Die Bürokratie ist noch so ein Problem", sagt Alfredo Alberti. Die Riachuelo-Reinigung, die schätzungsweise noch mindestens neun Jahre dauern wird, wird Milliarden kosten. Nach Jahren ohne klare Umweltgesetzgebung und der weit verbreiteten Korruption in den Behörden, hofft Alfedo Alberti nun, dass die Gelder auch wirklich ihr Ziel erreichen – und nicht in den "trüben Wassern" des Riachuelo versickern.

"Der Riachuelo war immer ein Spiegelbild unseres Landes", sagt er, "Müll, Korruption, Elend - in seinem Wasser schwamm alles." Dennoch zieht er eine positive Bilanz: "Der internationale Druck nimmt zu, und auch hier hat sich mittlerweile ein Umweltbewusstsein entwickelt. Heute sagen wir: Fortschritt ja, aber mit Verantwortung!"

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Helle Jeppesen