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Deutschland

Flugzeuge auf Abwegen über Berlin

Die Hauptstadt hoffte vergebens, vom Lärm des künftigen Flughafens Berlin-Brandenburg verschont zu bleiben. Nun wird geklagt und gestritten, um den Schaden nach der umstrittenen Standortwahl zu begrenzen.

Bürger demonstrieren in Teltow (Potsdam-Mittelmark) gegen die geplanten Flugrouten am neuen Hauptstadtflughafen. Foto: Georg-Stefan Russew dpa

Angst vor Lärm und Kerosin

Martina Büttner fühlt sich betrogen. Vor neun Jahren ist sie mit Mann und zwei kleinen Kindern aus dem verkehrsreichen Berliner Stadtbezirk Wedding ins Umland gezogen - ins vermeintlich ruhige und grüne Zeuthen. Aber nun kommt der Lärm ihr nach, schlimmer als je zuvor. In nur 600 Metern Höhe sollen künftig startende Flugzeuge vom neuen Flughafen Berlin-Brandenburg im Minutentakt über ihr Haus hinwegdonnern. "Bei 70 Dezibel sitzt hier keiner mehr im Garten", ahnt ein Betroffener.

Ähnlich geht es der Ärztin Sabine Bergmann-Pohl. Die einstige Präsidentin der letzten, frei gewählten DDR-Volkskammer ist vor drei Jahren "in die schöne Umgebung" gezogen und hat nun Angst um ihre drei Wochen alte Enkelin, wenn Airbusse samt Kerosinwolken über sie hinweg ziehen.

Beide Frauen gehören zu einer Zeuthener Bürgerinitiative, die derzeit versucht, per Klage das Unheil zu verhindern.

Bürger machen mobil gegen Flugrouten

Es traf Zehntausende Berliner und Brandenburger wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als die Deutsche Flugsicherung (DFS) Anfang September 2010 ihre Vorschläge für die endgültigen Abflugrouten des neuen Hauptstadt-Airports bekanntgab, der 2012 in Betrieb gehen soll. Urplötzlich sind ganz andere und viel mehr Bewohner des Flughafen-Umlandes betroffen - neuerdings auch in der nahen Hauptstadt selbst. Dichtbesiedelte Wohngebiete im gutbürgerlichen Stadtteil Lichtenrade würden bei Westwind in weniger als 1000 Metern überflogen, Wannsee mit seinen prächtigen Villen und sogar die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam wären betroffen, weshalb besorgte Bürger das Weltkulturerbe und den Tourismus in Gefahr sehen. Mindestens zwölf Bürgerinitiativen gegen die neuen Abflugrouten gibt es mittlerweile.

Ein Lufthansa Airbus A 380 startet hinter einem geparkten anderen Airbus der Fluglinie Emirates während der Luftfahrtausstellung in Berlin-Schönefeld. AP Photo/Jens Meyer

Berlins Politik und Wirtschaft träumt vom Luftdrehkreuz

Auf Kundgebungen ist vom "Flugroutenkomplott" die Rede. Wie begossene Pudel hören sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck - beide wollen wiedergewählt werden - die Vorwürfe der Bürger an: Der Bund und die Bundesländer Berlin und Brandenburg hätten sich die Baugenehmigung mit Hilfe falscher Flugrouten erschlichen.

Überraschung kurz vor Toresschluss

Der Berlin-Brandenburg-Airport "Willy Brandt" ist ein mindestens 2,5 Milliarden Euro teures Gemeinschaftsprojekt des Bundes und der Länder Berlin und Brandenburg.

In den Plänen, die 2006 vom Bundesverwaltungsgericht gegen zahlreiche Anwohnerklagen bestätigt wurden, sind zwei geradeaus verlaufende Abflugrouten von Nord- und Südbahn eingezeichnet. Darauf fußten auch die Berechnungen, wer vom Lärm betroffen sein würde, nämlich rund 42.000 Berliner und Brandenburger, für die ein 140 Millionen Euro teures Lärmschutzprogramm aufgesetzt wurde. Tausende Wohnungen wurden mit schallschluckenden Türen und Fenstern nachgerüstet. Und zwei kleine Ortschaften wurden sogar umgesiedelt.

Für die Gebiete außerhalb der Flugrouten galt dagegen Entwarnung - ein Irrglaube, in dem Ansiedlungswillige von der Flughafengesellschaft und dem brandenburgischen Infrastrukturministerium bestärkt wurden. Gemeinden richteten Schulen und Kindertagesstätten extra außerhalb der vermeintlichen Flugkorridore ein.

In Wirklichkeit musste den Planern von vornherein klar gewesen sein, dass beim parallelen Start von zwei Flugzeugen zumindest eine der beiden Abflugrouten um 15 Grad nach außen abknicken müsste, um den international geforderten Sicherheitsabstand einzuhalten. Doch der Bevölkerung wurde dieses Detail erst jetzt, relativ kurz vor Fertigstellung des Flughafens, als Überraschung präsentiert.

"Schnee von gestern"

"Ein schwerer Fehler", gestand Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck öffentlich ein. Nur ein Fehler? Lücken in den Akten und möglicherweise manipulierte Briefe wecken den Argwohn der Bürger. Es gibt ein Schreiben des früheren Flughafen-Projektchefs Götz Herberg an das Bundesverkehrsministerium aus dem Oktober 1998. Darin warnt er, die Planungsarbeiten würden mehrere Monate verzögert, wenn man jetzt die von der Flugsicherung geforderten abknickenden Flugrouten nachträglich berücksichtigen würde.

Das alles sei "Schnee von gestern" wiegelte der Sprecher der Flughafengesellschaft, Ralf Kunkel, ab. Juristisch sei am Flughafen nicht mehr zu rütteln.

Blick auf die winterliche Baustelle des Flughafens Berlin-Brandenburg Foto: DW-TV

Auch im Winter wird gebaut

Terminlich ist die größte Flughafenbaustelle Europas, auf der bis zu 3000 Bauarbeiter im Zweischichtsystem arbeiten, sowieso im Verzug. Ursprünglich war die Inbetriebnahme für Herbst 2011 vorgesehen, doch wegen der Pleite eines Planungsbüros und neuer Sicherheitsbestimmungen der EU wurde sie auf den 3. Juni 2012 verschoben. Von da an soll ein einziger großer Airport in Berlin die steigende Zahl von Fluggästen bewältigen, der Flughafen Tegel würde geschlossen. Für 2020 rechnet man in Berlin mit 30 Millionen Passagieren. Weil sich die Flugzeiten von hier nach Osteuropa und Asien um eine Stunde verkürzen, hofft man darauf, dass "Willy Brandt" zu einem internationalen Drehkreuz wird. Politiker in Brandenburg und Berlin werben seit Jahren mit dem Slogan vom "Jobmotor" , der Lohn und Brot für 40.000 Menschen bedeute. Wirtschaftsvertreter warnen, jede weitere Verzögerung des Baus bedeute den Verlust von Wachstum und Beschäftigung.

Bemühen um Schadensbegrenzung

Doch ein Baustopp für den kurz vor der Vollendung stehenden Flughafen ist nach Meinung von Verwaltungsrechtlern ohnehin kaum zu erwarten. "Bau und Betrieb sind bestandskräftig genehmigt," sagte der Berliner Fachanwalt Reiner Geulen der "Berliner Zeitung". Für Tausende neuer Lärmgefährdeter geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Eine Fluglärmkommission mit Vertretern aller betroffenen Gemeinden erarbeitete deshalb eilends neue Vorschläge, die der Deutschen Flugsicherung übergeben wurden. Deren oberstem Dienstherrn, CSU-Verkehrsminister Peter Ramsauer, wäre die Rückkehr zu den alten Flugrouten am liebsten.

Doch egal, wie die Lösung auch aussehen mag: Weil mindestens eine Abflugroute anders verlaufen muss, als früher verkündet wurde, wird es Verlierer geben, die ihre Träume vom Leben in Ruhe begraben können. Zwar werden 200.000 Hauptstädter von Fluglärm befreit, aber wie viele neue Betroffene im Südwesten der Stadt und den Brandenburger Umlandgemeinden es gibt, das ist unklar. Auch das gerichtlich verordnete Nachtflugverbot ist mit fünf Stunden (zwischen 0 Uhr und 5 Uhr) schmal ausgefallen.

Der schlechteste Standort machte das Rennen

Vor dem Eingang zur Jobagentur der Airportworld des neuen Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg International (BBI) im brandenburgischen Schönefeld bei Berlin stehen Menschen, die sich für einen Job auf dem zukünftigen Flughafen bewerben wollen. Foto: Patrick Pleul dpa

Seit 2003 vermittelt die Arbeitsagentur Jobs im künftigen Flughafen

Flughafengegner erinnern daran, dass es die Politik war, die Mitte der 1990er-Jahre den stadtnahen Standort Schönefeld durchsetzte, obwohl beim Raumordnungsverfahren herauskam, dass "unverhältnismäßig viele Einwohner" von Lärm und Kerosin betroffen sein würden. Schönefeld galt als ungeeignetster Standort.

Die von den Raumplanern favorisierte Variante war ein Ausbau des rund 40 Kilometer von Berlin entfernten verlassenen sowjetischen Militärflughafens Sperenberg, der in dünn besiedeltem Gebiet liegt und klare Vorteile für eine spätere Erweiterung bot. Der damalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe nannte Schönefeld einen "menschenfeindlichen" Standort, konnte sich aber nicht gegen seinen Berliner Amtskollegen Eberhard Diepgen und Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann durchsetzen, die größere Kosten fürchteten und Hauptstadtnähe forderten.

Nun geht es um Schadenbegrenzung. Am 23. Januar wollen die Bürgerinitiativen die Rückkehr zu den ursprünglichen Flugrouten mit einer Großdemonstration vor dem künftigen Flughafen fordern und hoffen auf mindestens 10.000 Teilnehmer.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Kay-Alexander Scholz