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Europa

Flugzeug statt Hundeschlitten?

Grönland ist nahezu komplett mit Eis bedeckt. Sollte das Eis je vollkommen schmelzen, stiege der Meeresspiegel um rund sieben Meter an. Die Folgen wären katastrophal. Eine Expedition.

Eismeer mit Eisbergen und -schollen (Foto: Irene Quaile)

Die Folgen des Klimawandels sind auf Grönland bereits deutlich spürbar

Das Eis kracht unter unseren Füssen. Am Anfang, in der Nähe der Moräne, was es noch schmutzig grau. Nach einem halben Kilometer strahlt es, silber-weiß in der arktischen Sommersonne. Um uns herum, weit und breit, nur Eis. "Wir stehen jetzt hier auf ungefähr 250 Meter dickem Eis", erklärt unser Führer, Niklas. "Das Eis ist natürlich in der Mitte des Eisschildes am dicksten, 3,2 Kilometer dick."

Wir sind über die Moräne und zum Eis herunter geklettert. Vor ungefähr zehn Jahren, erzählt Niklas, lag die Eisfläche hier 40 Meter höher, so dass man von der Schotterpiste, die von Kangerlussuaq, dem nächsten Ort, hierherführt, direkt auf das Eis gelangen konnte. Ob das am Klimawandel liegt, ist Niklas nicht sicher. Aber eins weiß er. Seitdem in allen Medien über den Klimawandel geredet wird, kommen mehr Besucher nach Grönland. "Sie wollen das schöne Grönland sehen, aber durch die Klimadiskussion wollen sie auch sehen, ob das alles stimmt, und sie wollen das Eis sehen", sagt Niklas.“

Forschungsthema Nr. 1

Wissenschaftler streiten darüber, wie stark und wie schnell das Grönlandeis schmelzen wird. Klar ist, dass sich die Arktis schneller erwärmt als der Rest des Planeten, und dass der Eisschild Grönlands bereits an Masse verliert. Während die Wissenschaftler weiter messen und modellieren, sind die Auswirkungen des Klimawandels bereits heute auf der Eisinsel deutlich zu spüren.

Eisschild am Ilulissat Eisfjord auf Grönland (Foto: Irene Quaile)

Rund 1,7 Millionen Quadratkilometer Eisfläche hat Grönland

Professor Christine Hvidberg von der Universität Kopenhagen gehört zu den vielen Eisforscherinnen, die ebenfalls das Grönlandeis sehen wollen. In Kangerlussuaq, zweieinhalb Stunden vom Eisschild entfernt, organisiert sie in diesem Sommer die Logistik für das "NEEM-Projekt". Das Forschungsteam führt in der Mitte des Eisschildes tiefe Bohrungen durch, um Informationen über das Klima in der Vergangenheit zu erhalten, die in Klimamodelle für die Zukunft einfließen sollen. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung werden die Auswirkungen des Klimawandels auf das Grönlandeis zur Zeit stark erforscht. Das, sagt Christine Hvidberg, sei ein extrem komplexes Zusammenspiel von vielen Faktoren.

"Wenn die Temperatur wärmer wird, wird es mehr schneien, so dass der Eisschild an Masse gewinnt", erklärt sie. "Gleichzeitig wird er an Masse verlieren, weil im Sommer die Oberfläche schmilzt. Im Moment glaubt man, dass der Grönlandeisschild an Masse verliert, aber wir müssen noch viel forschen, um das alles zu verstehen und die Zukunftsentwicklung zu prognostizieren." Zu den Faktoren, die untersucht werden müssen, gehören die Auswirkungen der Eisströme. Das sind die Teile des Eises, die schneller als der Rest fließen, zum Beispiel Gletscher, die ins Meer strömen. Das bekannteste Beispiel in Grönland ist der Gletscher Sermeq Kujalleq, der oft noch mit dem dänischen Namen "Jakobshavn" genannt wird. Dort strömt Eis extrem schnell, mit rund einem Meter pro Stunde, in den Ilulissat-Eisfjord, und bricht als Eisberge ab. In den letzten Jahren ist der Gletscher um 15 Kilometer geschrumpft.

Zu wenig Eis für die Hundeschlitten

Häuser in Ilulissat auf Grönland (Foto: Irene Quaile)

Ilulissat, die Stadt der Eisberge

Während die Wissenschaftler den hellen, arktischen Sommer für ihre Forschungsarbeiten nutzen, kommen Touristen nach Ilulissat, wie der Ort am Eisfjord heute wieder auf grönländisch heisst. Sie wollen das Naturspektakel sehen, wenn Eisberge den Fjord heruntergleiten und die Gletscher kalben.

Kapitän André bringt kleine Gruppen zu den Gletschern mit seinem Boot, der "Perle". Er arbeitet seit fast 40 Jahren in diesen Gewässern und berichtet über bedeutende Veränderungen in den klimatischen Bedingungen, die seinen Alltag vor allem im Winter stark beeinflussen. "Vor einigen Jahren sind wir immer mit unseren Hundeschlitten in andere Städte gefahren, mit unserer Fußballmannschaft oder zu anderen Sportveranstaltungen", erzählt der Seemann und Jäger, der nur grönländisch spricht. "Jetzt geht das nicht mehr, man kann nur fliegen. Und zum Jagen im Winter konnten wir die ganze Bucht auf dem Schlitten überqueren. Heute kann man nur noch an der Küste entlang fahren. Das Eis ist nur etwa einen Monat lang richtig stabil."

Kartoffeln statt Eisbären?

Eisberge und -schollen im Eismeer vor Grönland (Foto: Irene Quaile)

Profitiert Grönland vom Klimawandel?

Manche sehen Grönland als Gewinnerin des Klimawandels. Weniger Eis auf dem Meer wird die Schifffahrt erleichtern. Es wird einfacher, nach Öl und Gasreserven zu suchen und Mineralien aus dem Boden zu holen. Aber nicht alle sehen nur Vorteile. Laali Berthelsen, eine der wenigen gebürtigen Grönländer, die in dieser Saison in der noch unterentwickelten Tourismusbranche als Führerin arbeitet, hat gemischte Gefühle: "In Südgrönland haben sie Gärten, und sie fangen jetzt mit kleinen Bauernhöfen an", erklärt sie. "Das ist gut. Sie können zum Beispiel ihre eigenen Kartoffeln ernten. Aber Grönland ist als kalter Ort bekannt, wo es Eisberge und Eisbären, Wale und solche Sachen gibt. Ich habe etwas Angst, das wir all diese Sachen verlieren könnten, die heute unsere Identität ausmachen."

Autorin: Irene Quaile
Redaktion: Andreas Ziemons

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