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Politik & Gesellschaft

Fluglotsen prangern Missstände an

Der Streik der Fluglotsen in Deutschland ist zwar zunächst abgewendet, aber die Sicherung des Luftraums über Deutschland ist weiterhin bedroht. Fluglotsen empfinden ihre Arbeitsbedingungen nach wie vor als unzumutbar.

Fluglotse im Tower Düsseldorf (Foto: picture-alliance/dpa)

Nur Fluglotsen haben den Überblick über den Luftraum

Alle fünf Sekunden muss der Fluglotse eine Entscheidung treffen. Auf dem Rollfeld wartet eine Maschine auf Starterlaubnis. Gleichzeitig gilt es, sieben Maschinen im Landeanflug zu koordinieren. Stimmt deren Geschwindigkeit? Stimmen die Abstände? Was ist mit den weiteren zehn Fliegern, die im oberen Flugraum kreuzen? Sind die Landebahnen frei oder fahren da noch Begleitfahrzeuge? Stehen alle Flieger richtig auf den Wartepositionen?

Kontrollstreifen für Fluglotsen (Foto: Deutsche Flugsicherung)

Kontrollstreifen mit den wichtigsten Daten eines Fluges - Hilfe für die Fluglotsen

Die Fluglotsen sehen von den Fliegern auf den Bildschirmen nur kleine grüne Kreuzchen mit einer Kennung. Jede steht für hunderte Menschenleben in einem Flieger. Die Abstände zwischen den Maschinen betragen zwar bis zu zwei Kilometer. Doch die sind selbst bei einer Landegeschwindigkeit von nur 300 Kilometer pro Stunde von einem Flieger in zehn Sekunden zurückgelegt. Roman Glöckner ist einer von 1800 Fluglotsen in Deutschland. Er arbeitet in Berlin und kennt den Alltag. "Es ist wie ein Videospiel, das man nicht verlieren darf. Jeder Fehler ist tödlich."

Arbeitswissenschaftliche Gutachten haben nachgewiesen, dass Fluglotsen den höchsten Stresspegel aller Berufsgruppen aufweisen. Nach zwei Stunden muss der Fluglotse seinen Arbeitsplatz verlassen. Länger hält die Konzentration ohnehin nicht. Dann ist eine Pause vorgeschrieben. Später geht es wieder vor den Bildschirm. Fünf Tage hintereinander im Schichtbetrieb. Eigentlich sind es sogar sechs Tage am Stück, denn seit Jahren fallen für einen Fluglotsen bis zu 200 Überstunden im Jahr an. Der Grund: Es fehlt an Personal.

Nicht gut vorgesorgt

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA rechneten Branchenexperten mit einem deutlich geringeren Flugverkehr. Die deutsche Flugsicherung bildete daraufhin nur noch wenige Fluglotsen aus. Heutzutage sind es rund 200 Nachwuchslotsen im Jahr. Das ist immer noch sehr knapp bemessen. Der Flugverkehr nimmt nämlich entgegen aller Prognosen weiter zu. Die Ausbildung eines Fluglotsen aber dauert drei Jahre und das Defizit ist deshalb zeitlich so schnell kaum auszugleichen. Achim Krüger, seit 30 Jahren Fluglotse am Flughafen Köln/Bonn, musste häufig Zusatzdienste übernehmen. "Ein normales Familienleben ist nur sehr schwer möglich. Der Partner muss schon sehr viel Verständnis mitbringen." Tatsächlich liegen die Scheidungsraten bei Fluglotsen sehr hoch und deren Lebenserwartung schätzen Gesundheitsfachleute in Gutachten zehn Jahre niedriger ein als bei Beschäftigten anderer Berufe.

Die wahren Gründe der Unzufriedenheit

Kontrollraum der Flusicherung. Menschen vor den monitoren (Foto: dapd)

Blick in den Kontrollraum des Centers der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Frankfurt-Langen

Die deutschen Fluglotsen sehen sich in ihrem Alltag zusätzlichen Belastungen ausgesetzt, weil immer mehr gespart wird. Inzwischen haben sich Gesetze geändert und es redet die Europäische Kommission mit, die an einer europaweit einheitlichen Luftüberwachung arbeitet. Die EU schreibt Deutschland vor, bis zu 3,5 Prozent bei der Flugsicherung zu sparen. Das hat konkrete Auswirkungen. Fluglotsen arbeiten immer in Teams. Ein Lotse spricht über Funk mit dem Flugkapitän, ein weiterer hat ein Auge auf die anderen Luftsektoren, mit denen eine Absprache stattfinden muss. Fluglotsen vermissen aber immer häufiger eine zweite Person am Radar. Roman Glöckner, der sich auch bei der Gewerkschaft der Fluglotsen engagiert, sieht gefährliche Entwicklungen. "Vier Augen sehen nachweislich mehr als zwei". Deshalb kämpfe die Gewerkschaft deutscher Fluglotsen(GdF) dafür, dass in jedem Radarsektor zwei Leute sitzen.

Der Arbeitgeber der Fluglotsen, die deutsche Flugsicherung (DFS), betont auf keinen Fall bei der Sicherheit sparen zu wollen. Aber trösten kann das die Fluglotsen nicht. Immer wieder gab es gefährliche Entwicklungen in der Vergangenheit. So hatte die Bundesregierung vor fünf Jahren geplant, private Kapital-Investoren bei der Finanzierung der Deutschen Flugsicherung zuzulassen. Rendite wäre vor Sicherheit gegangen, war die Befürchtung. So wäre es möglich gewesen, dass Fluggesellschaften sich mit Geld bevorzugte Behandlung im Luftraum hätten erkaufen können. Mit allen Folgen. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler stimmte dem Gesetz 2006 nicht zu. Dennoch seien heute Vorgesetzte der Fluglotsen eher nüchtern kalkulierende Controller ohne Betriebskenntnisse, beklagen die Fluglotsen. Sie fürchten, dass irgendwann auch Hand angelegt werden könnte, an Errungenschaften, wie regelmäßige Kuren auf Kosten des Arbeitgebers oder den guten Verdienst. Immerhin liegt der pro Jahr mit Gehältern zwischen 70.000 und 130.000 Euro drei mal so hoch wie das Einkommen einer deutschen Durchschnittsfamilie.

Fluglotse im Tower Frankfurt (Foto: dapd)

Fluglotsen in Frankfurt bewältigen mehrere hundert Flüge pro Tag

Fluglotsen weisen auf Sicherheitsrisiken hin

Niemand bei den Fluglotsen behauptet, dass die Gehälter zu niedrig seien. Auch wenn immer noch mehr als sechs Prozent Lohnsteigerung gefordert werden, gehe es den Fluglotsen damit eher darum, zu verhindern, dass die Arbeitsbelastungen zunehmen. Um künftig das doppelte Verkehrsaufkommen im europäischen Luftraum bewältigen zu können, forscht die Deutsche Gesellschaft für Luft und Raumfahrt (DGLR) nämlich schon an neuen Arbeitsmodellen. Sie sehen vor, dass künftig Fluglotsen die Piloten in den Fliegern nicht mehr zwischen kleinen Luftraumeinteilungen, also von Sektor zu Sektor weiterreichen und betreuen. Künftig soll ein Fluglotse bis zu sechs Flieger über den gesamten Flug über Deutschland begleiten. Erste Versuche haben ergeben, dass man dies sogar mit dem jetzigen Personalstand bewältigen könnte. Ein Problem bisher ist aber das "Ausweichen" bei hohem Verkehrsaufkommen.

Luftraum über Deutschland gilt bisher als sicher

Rund drei Millionen Flugbewegungen gibt es jetzt schon im Jahr über dem deutschen Luftraum. Beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung treffen sich mehrfach im Jahr Experten, die jeden kritischen Zwischenfall registrieren. Dazu zählen Fälle von akuter Gefahr eines Zusammenstoßes und Fälle, bei denen festgelegte Sicherheitsrichtlinien nicht eingehalten wurden. Im Jahr 2008 kam es so zum Beispiel zu 350 Staffellungsunterschreitungen. Sicherheitsabstände waren schlicht nicht eingehalten worden, stellte der entsprechende Mobilitätsbericht der Deutschen Flugsicherung fest.

Zwischen den Jahren 2000 und 2009 kam es jedes Jahr im Schnitt zu sieben kritischen Vorfällen im deutschen Luftraum. Beim Landeanflug auf den Flughafen Frankfurt-Hahn stieß eine Boing 737 beinahe mit zwei Segelflugzeugen zusammen. Ein Airbus drohte im Landeanflug auf den Flughafen Dortmund mit einem kleinen Sportflugzeug zu kollidieren. Seit zwei Jahren registriert die Deutsche Flugsicherung nach ihrer Statistik keinen kritischen Zwischenfall in ihrer Zuständigkeit. Eine Sprecherin der Deutschen Flugsicherung betont: "Wir haben den weltweit sichersten Flugraum und sind bemüht, dass sich das nicht ändert."

Autor: Wolfgang Dick
Redaktion: Nicole Scherschun

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