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Asien

Flug ins Ungewisse - nach Tokio

Aus Angst vor radioaktiver Strahlung haben viele Menschen Japan verlassen. Andere sind im Großraum Tokio geblieben oder kehren jetzt zurück. Auch unsere Reporterin Silke Ballweg flog mit einem mulmigen Gefühl nach Tokio.

Ein Geigerzähler, ausgegeben von Greenpeace

Wie gefährlich ist das Leben in Tokio?

Es gibt beruhigendere Ziele, als ausgerechnet jetzt nach Tokio zu fliegen. Das denken wohl auch andere. In der sonst ausgebuchten Boeing 777 sind rund 40 Sitzplätze frei. An Bord der Maschine: vor allem japanische Männer. Viele tragen einen dunklen Anzug zu hellem Hemd. Etliche von ihnen, so scheint es, waren geschäftlich in Europa und fliegen nun zurück in die Heimat.

Schon kurz nach dem Start haben sich die meisten Passagiere in ihre Decken gewickelt, schauen mit Kopfhörer das Bordprogramm, die üblichen Hollywoodproduktionen. Einige Männer haben die Lederschuhe gegen mitgebrachte Pantoffeln eingetauscht. Abgesehen von den Turbinengeräuschen ist es in der Kabine relativ ruhig, wie meist auf einem Flug nach Japan. Doch niemand hier kann sich wohl freimachen von der Frage, ob es gefährlich sein könnte, in ein paar Stunden in Tokio aus dem Flugzeug zu steigen.

Silke Ballweg

DW-Reporterin Silke Ballweg

45 C ist der Sitzplatz von Itsuki Kitani. Der Japaner reist zurück zu seiner Familie. Er ist beunruhigt: "Das Wasser soll kontaminiert sein. Und das Kernkraftwerk ist noch immer außer Kontrolle, die Radioaktivität steigt jeden Tag", sagt der 33-jährige. Groß ist vor allem die Unsicherheit, was man überhaupt noch essen und trinken könne.

Die Eltern sagten: "Bleib weg!"

Kitani trägt dunkelblaue Jeans und weißes Hemd, darüber einen grauen Strickpulli. Mit seiner schwarzen Hornbrille wirkt er auf eine lässige Art gepflegt gekleidet. Dreieinhalb Jahre lang hat er in England an seiner Doktorarbeit geschrieben. Als die endlich vor einer Woche fertig wurde, wollte er direkt zurück zu seiner Familie. Aber die riet ihm ab: "Meine Eltern sagten, ich solle aus Japan weg bleiben, also habe ich noch eine Woche in Deutschland verbracht. Aber leider verschlimmert sich die ganze Angelegenheit ja von Tag zu Tag. Deshalb gibt es eigentlich keinen Grund, jetzt nicht nach Japan zu kommen. Denn zum Guten scheint sich die Situation insgesamt ja nicht zu wenden."

Die Nachrichten vom Erdbeben und von dem gigantischen Tsunami verfolgte Kitani am 11. März in England. "Ich habe geweint, als ich die Bilder sah, weil ich die Gegend gut gekannt habe. Es war eine ländliche Region, und es war so traurig zu sehen, dass diese Tsunami-Welle alles mit sich riss und unter schwarzem Schlamm begrub", sagt der sympathisch wirkende Japaner. "Weg von Zuhause fühlte ich mich so hilflos, weil ich nichts tun konnte. Deswegen will ich jetzt endlich zurück, um den Japanern zu helfen."

"Weg von Zuhause fühle ich mich hilflos"

Normalerweise befinden sich auf diesem Flug nach Tokio immer 30 bis 40 Ausländer, erzählt ein Steward. Doch zwischen all den Japanern bin ich auf diesem Flug die einzige Europäerin. Auch die Crew bleibt nicht in Tokio. Die Flugbegleiter fliegen gleich anschließend weiter und verbringen die Nacht in einem Hotel in Osaka. Ein Anflug von Panik macht sich in mir breit. Warum fliege ich nun doch nach Japan? Hatte ich nicht noch am Flughafen in Frankfurt die Fernsehbilder gesehen, die vor dem "Strahlenalarm in Japan" warnten? Doch dann beruhige ich mich wieder: In Tokio will ich Freunde und Bekannte treffen und außerdem erleben, wie die Menschen in Japan mit der Katastrophe umgehen.

Itsuki Kitani (Foto: Silke Ballweg)

Der Japaner Itsuki Kitani auf dem Flug nach Japan

Auch Itsuki Kitani fliegt mit einer klaren Bestimmung nach Japan, er will den Menschen Mut machen: "Die Japaner haben ihr Selbstvertrauen verloren, die Stimmung in Japan ist depressiv." Kitani will Englischlehrer werden und jetzt ausgerechnet im Norden unterrichten, genau in der Tsunami-Region. "Die junge Generation ist die Hoffnung des japanischen Volkes. Ich will ihnen helfen, unabhängig zu werden und einen eigenen kritischen Geist auszubilden. Mit Englisch kommen sie besser in der Welt zurecht und sie können sich trauen, auch mal im Ausland zu studieren. Ich bin so froh, dass ich diese Erfahrung machen konnte, und ich will sie auch anderen ermöglichen. Das ist meine Art, Hilfe beizusteuern."

Itsuki Kitani hat seine Doktorarbeit in England über den Romantiker Shelley geschrieben, vielleicht ist die intensive Beschäftigung mit dem Thema ein Grund dafür, dass aus seinen Worten geradezu eine Liebe und Verpflichtung gegenüber der Menschheit zu sprechen scheint. Dass er selbst ein gesundheitliches Risiko eingeht, sollte er in einigen Wochen tatsächlich in der Nähe von Fukushima zu unterrichten beginnen – diesen Einwand wischt er lachend mit der Bemerkung beiseite, Japaner würden sowieso immer hundert Jahre alt werden, wenn er da dreißig Jahre früher sterben würde, sei das doch immer noch ein langes Leben.

Wie nach dem Kriegsende

Doch dann wird er wieder ernst und in sich gekehrt. Nach einer kurzen Pause meint er schließlich, die jetzige Situation ähnele der am Ende des Zweiten Weltkrieges. "Es ist sehr symbolisch. 1945 wurden zwei Atombomben auf Japan abgeworfen, damals sind mehr als 100.000 Menschen gestorben. Jetzt hat der Tsunami 30.000 Menschen in den Tod gerissen, und wir haben schon wieder hohe Radioaktivität."

Damals habe die Zukunft nicht gut ausgesehen, meint der 33-jährige, heute sei es ähnlich: "Es ist eine zweite Stunde Null für Japan. Und jetzt müssen wir uns wieder vereinen und die Katastrophe gemeinsam überstehen, es ist auch eine Chance für einen Neuanfang." Wie damals hätten die Japaner die Kraft, das Land wieder neu aufzubauen. Und er wolle seinen Beitrag dazu leisten.

Während des Fluges nicken wir zwischendurch ein, dann blättern wir wieder in Zeitungen. Doch jede Unterhaltung endet unweigerlich bei der Sorge vor der Strahlenbelastung. Nach fast zwölf Stunden landet unsere Maschine schließlich pünktlich in Tokio. Ankunft in der Ungewissheit.

Autorin: Silke Ballweg
Redaktion: Alexander Freund, Marko Langer

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