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Welt

Fluchtpunkt Kiew

Jeden Tag kommen Flüchtlinge vor allem aus dem Osten der Ukraine in der Hauptstadt Kiew an. Die meisten konnten aus den umkämpften Gebieten noch nicht einmal das Nötigste mitnehmen und sind auf Hilfe angewiesen.

Alena hat dreißig Minuten Zeit. Dreißig Minuten um für sich und ihren dreijährigen Sohn Nikita Winterkleidung auszusuchen. Alena kommt aus der Nähe von Luhansk, wo sich Separatisten und Regierungstruppen seit Monaten gegenüberstehen. In der karitativen Einrichtung in der Frolivska Straße im Stadtteil Podil im Herzen Kiews stehen die Menschen an diesem Sonntag Schlange. Der Großteil sind Flüchtlinge aus dem Osten des Landes.

Jeweils zu zehnt nacheinander werden sie in die Kleiderkammer gelassen, die gut gefüllt ist mit den vielen Spenden der vergangenen Wochen. "Es ist meine Pflicht hier zu helfen", sagt Victor, der gerade alte Kleidung und warme Decken vorbeibringt. "Wir sind alle Ukrainer, wäre ich in einer ähnlichen Situation, würde man mir auch helfen, das ist doch klar."

Gedränge und gereizte Stimmung

Lesya Lyfvynova, die Koordinatorin der Kleiderkammer, versucht derweil den Überblick zu behalten. Einmal die Woche werden Nahrungsmittel ausgegeben, einmal im Monat Hygieneartikel, jeden Tag Kleidung. Eilig notiert Lyfvynova die Personalien der Flüchtlinge und was sie ihnen gegeben hat. Die Spenden sollen einigermaßen gerecht verteilt werden. Zwanzig Freiwillige arbeiten hier permanent, am Wochenende packen noch mehr Leute mit an. Es herrscht Gedränge, es ist laut, die Stimmung ist gereizt. Jemand drängelt sich mit Windelpackungen durch die Menge, der nächste findet keine passenden Winterstiefel. "Vor allem Schuhe sind Mangelware", sagt Lyfvynova. "Jeden Tag kommen bis zu 250 Familien hierher. Es nimmt kein Ende."

Freiwillige verteilen Kleidung (Foto: DW)

Kleiderkammer in Kiew: Jeden Tag kommen bis zu 250 Familien

Flüchtling Alena wühlt sich derweil durch Strickpullis und ausrangierte Lederhandschuhe. Seit Anfang August ist die 28-Jährige in Kiew. Zeit, warme Sachen mitzunehmen für die bevorstehende kalte Jahreszeit, hatte sie nicht. Denn ihre Heimatstadt Kraisny Luch in der Nähe von Luhansk wurde von den Separatisten beschossen. "Ich konnte nichts mitnehmen, meine Mutter hat mir ein bisschen Medizin für meinen kranken Sohn mitgegeben, und ich bin los." Deshalb will sie ihren vollen Namen auch nicht verraten. Zu groß ist die Angst, was passieren könnte, wenn sie in das von den Separatisten kontrollierte Gebiet zurückgeht. Alena ist eine von geschätzt 80.000 Binnenflüchtlingen vor allem aus dem umkämpften Osten des Landes, die in Kiew gestrandet sind und nicht wissen, wie es weitergeht.

Angespannter Wohnungsmarkt

Eine Folge des Ansturms: In der ukrainischen Hauptstadt sind die Mieten in die Höhe geschossen - um zehn bis zwanzig Prozent. Die Kiewer Maklerin Yulia Dzikh hat seit dem Kriegsausbruch viel zu tun. Täglich erreichen ihre Immobilienfirma Trilad Anfragen von geflohenen Familien. "Die meisten suchen Wohnungen für vier bis sechs Monate", sagt Dzikh, "weil sie hoffen, dass der Krieg dann vorüber ist und sie zurückkehren können".

Flüchtling Alena und Sohn Nikita - Foto: Anna Herzlieb (DW)

Flüchtling Alena und Sohn Nikita: "Ich konnte nichts mitnehmen"

Die Stadt Kiew hat auf die Schnelle eine Koordinierungsstelle direkt am Bahnhof eingerichtet und während der Semesterferien Studentenwohnheime zur Verfügung gestellt. Aber der Platz reicht nicht aus. "Mittlerweile empfehlen wir allen Flüchtlingen, die sich bei uns melden, auf andere Regionen in der Ukraine auszuweichen, wo der Wohnungsmarkt nicht so angespannt ist", sagt Natalia Ivanivic von der Stadtverwaltung.

Gruppen für Flüchtlingskinder in der Kita

Alena ist erst mal bei Bekannten in Kiew untergekommen. Sie will versuchen, mit ihrer Freundin Marina, die ebenfalls aus der Ukraine geflohen ist, eine Wohnung zu finden. Ihren Sohn Nikita will Alena in einem Kindergarten in Kiew anmelden. In ihrem Bezirk in Puscha Voditsa hat die Kita extra Gruppen für Flüchtlingskinder eingerichtet, um der Lange Herr zu werden. Und ja, ein Job müsse auch her, den werde sie auch irgendwie finden in den nächsten Wochen, sagt sie müde, während sie in der Kleiderkammer stöbert.

Derweil wandern Pullis, eine dicke schwarze Winterjacke und sogar Spielzeug für den kleinen Nikita in Alenas Plastiktüten. Schnell noch eine Unterschrift, dass sie die Kleidung erhalten hat, dann sind ihre dreißig Minuten in der Kleiderkammer um. Die beiden müssen wieder raus. Denn die Schlange der Wartenden draußen vor der Tür ist noch lang.