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Nahost/Nordafrika

Fluchtgeschichten ohne Kontext

In Beirut haben Medienmacher einen Kodex für Berichte über Flucht und Migration verabschiedet. Das ist notwendig, zeigt eine neue Studie. Die Flüchtlingskrise wurde in Nahost und Nordafrika oft verkürzt dargestellt.

Syrische Flüchtlinge an der jordanisch-syrischen Grenze Copyright: picture-alliance/AP Photo/R. Adayleh

Syrische Flüchtlinge in Jordanien: In den Medien des Landes wird viel über sie gesprochen - eher selten mit ihnen.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat auch die Medienwelt im Nahen Osten und in Nordafrika bewegt. Wie sehr, das zeigt eine Studie der libanesischen Maharat Foundation, welche die Berichterstattung zu Flucht und Migration von Medien in Jordanien, Libanon, Ägypten und Marokko unter die Lupe genommen hat. Zentrales Ergebnis der Studie: Je weiter das Land vom Krisenherd Syrien entfernt liegt, desto spärlicher und qualitativ schlechter war die Berichterstattung. "Wir konnten einen direkten Zusammenhang zwischen Nähe zum Konfliktherd und der Vielfalt der Berichterstattung erkennen", sagt Roula Mikhael, Geschäftsführerin der Maharat Foundation und Leiterin der Studie.

Die libanesische Nichtregierungsorganisation Maharat Foundation versteht sich als Watchdog für Presse- und Medienfreiheit in der Region. Für die Studie wurden journalistische Beiträge von fünf bis zehn Medien pro Land ausgewertet. Wie regelmäßig wird im Fernsehen, in Onlinemedien und Tageszeitungen über die Flüchtlingskrise berichtet, und mit welcher Haltung wird über Migranten gesprochen, die ins eigene Land oder nach Europa streben? Mit diesen Fragen schauten sich die NGO-Mitarbeiter Berichte aus dem Jahr 2015 bis Februar 2016 an.

Offene Debatte vs. Propaganda

Ein Stapel ägyptischer Zeitungen copyright: Getty Images/AFP/K. Desouki

Beim Blick in ägyptische Zeitungen nehmen Fluchtgeschichten nur eine Nebenrolle ein

Die Erkenntnisse waren sehr unterschiedlich. Im Libanon wurde die Bevölkerung von vier Millionen der Studie zufolge umfassend und vielfältig über den Zuzug von rund einer Million syrischen Flüchtlingen informiert. Anders verhielt es sich in Ägypten unter der Militärherrschaft von Präsident Abdel Fattah al-Sisi und im Königreich Marokko. Hier attestierten die Studienmacher der Mehrzahl der Medien eine eindimensionale, verkürzte Sicht auf die Flüchtlingskrise – oft durch die nationale Propaganda eingefärbt. Am Beispiel Ägyptens erläutert Roula Mikhael: "Dort wurde das Thema zu Wahlkampfzwecken ausgeschlachtet, der Fokus lag allein darauf, was die ägyptische Regierung zur Lösung der Krise unternahm und besonders selten darauf, wie die Flüchtlinge selbst ihre Lage beschreiben." In Marokko, dem am weitesten vom Krisenherd entfernten Land im Rahmen der Evaluierung, sei das Thema gleichsam "tabuisiert" worden. Ausgewogene Medienstimmen konnten hier besonders selten gefunden werden.

Jordanien stellt eine Besonderheit in der Studie dar. Das Land mit rund 6,5 Millionen Einwohnern hat laut offiziellen Schätzungen mehr als 600.000 Flüchtlinge bei sich aufgenommen – gehört also zu den besonders von der Krise betroffenen Ländern. Das spiegle sich in der Zahl der Berichte wieder, nicht aber in der Vielfalt der Berichterstattung. "In Jordanien zogen sich viele Journalisten darauf zurück, die Pressestatements der Regierung wiederzugeben. Im Libanon entstand in einer vergleichbaren Situation eine offene, kritische Debatte über die Herausforderungen", sagt Roula Mikhael. Statt Regierungspropaganda wiederzugeben sei hier eine pluralistische Debatte zu beobachten gewesen.

Die Welt im Blick: Plakat des libanesischen TV-Senders Al-Manar © picture-alliance/AP Photo/H. Malla

Die Welt im Blick: Plakat des libanesischen TV-Senders Al-Manar

Sehr selten haben Flüchtlinge eine Stimme

Nur im Libanon konnte die Studie feststellen, dass Journalisten kontinuierlich auf Flüchtlinge als Informationsquelle zurückgegriffen hätten. Das habe die Debatte in den Medien auch versachlicht. Und gerade ein sachlicher Ton wurde von den Studienautoren in anderen Ländern oftmals vermisst. Rassistische Untertöne wurden von Journalisten immer wieder mittransportiert. In vielen Artikeln wurde zwischen "Wir" und "Die" unterschieden. Die Flüchtlinge wurden wiederholt zur alleinigen Ursache erklärt - von hoher Arbeitslosigkeit, schlechten ökonomischen Rahmenbedingungen, Preissteigerungen und Wasserknappheit. In vielen Artikeln ist von einer "Zeitbombe" die Rede, ebenso wie von "unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken".

Ein Manko beinahe aller Berichte: Es wird ausschließlich auf die negativen Folgen von Migration abgehoben, und kaum auf Beispiele für Chancen oder erfolgreiche Integration. Eine zentrale Kritik der Studie lautet daher, dass es für Leser, Zuschauer und User kaum eine Einordnung der Dimension der Krise in globale Zusammenhänge gibt. Nationale Grenzen dominierten die jeweilige Debatte. "Kaum einer der Journalisten denkt in Zusammenhängen – und genau das befördert die Nutzung falscher Stereotypen und überkommener Vorurteile“, so Roula Mikhael. Ihr Rat: Die Medienhäuser sollten die Rechte der Migranten mitdenken, kritischer berichten und mehr Einordnung in langfristige Trends bieten.

Ein Protestcamp afrikanischer Flüchtlinge an der ägyptisch-israelischen Grenze Foto: REUTERS/Finbarr O'Reilly

Eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge in Ägypten: Ihre Geschichte kommt in den Medien nur vor, wenn es der Regierung nützt

Neuer Leitfaden für die Berichterstattung

Beim "Regional Media Summit" in Beirut trafen sich auf Einladung der Maharat Foundation und der DW Akademie vom 11. bis 13 Mai 2016 leitende Redakteure aus Libanon, Jordanien, Ägypten und Marokko. Einige ihrer Medien waren auch Untersuchungsobjekt der Studie. Das Ziel war es, Konsequenzen aus den Ergebnissen der Studie zu ziehen. "Die Chefredakteure bestätigten uns sogar in unserer Kritik und riefen uns dazu auf, noch prominenter über die Versäumnisse zu sprechen", sagt Roula Mikhael. Die Teilnehmer verständigten sich auf einen Medien-Kodex, der künftig als Richtschnur für eine sensiblere Berichterstattung rund um Migration und Flucht dienen soll. Die beteiligten Medien verpflichteten sich selbst, die darin formulierten Standards in ihre Aus- und Weiterbildung aufzunehmen. Diese Trainings sollen in Teilen von der Maharat Foundation in Kooperation mit dem deutschen Partner DW Akademie umgesetzt werden.

In dem neuen Leitfaden zur Berichterstattung zu Flucht und Migration heißt es: "Wir berichten in einer verantwortungsvollen Weise, getragen von Fakten und ohne das Leid der Flüchtlinge in unprofessioneller, parteiischer oder übertriebener Weise auszubeuten." Statt Spielball zu sein, sollten Flüchtlinge gleichberechtigt Gehör finden. Statt nur auf Regierungsstatements zu schielen, sollten Journalisten auch die Stimmen der einheimischen Bevölkerung berücksichtigen. Die Menschenwürde der Geflüchteten wie der einheimischen Bevölkerung soll im Zentrum der Berichte stehen. "Flüchtlinge sind auch Menschen: Diese einfache Botschaft muss in jedem Beitrag vermittelt werden", fordert Roula Mikhael. Sie weiß, dass der Weg bis dahin lang und steinig sein wird.

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