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Ostmitteleuropa

Flucht vor Steuern und Abgaben

- Immer mehr polnische Unternehmen verlegen die Produktion ins östliche Ausland

Warschau, 25.1.2003, POLITYKA, poln.

Polnische Unternehmen verlegen immer öfter die Produktion ins Ausland, entweder jenseits der Ostgrenze Polens oder sogar noch weiter ostwärts, d. h. nach Asien. Sie flüchten vor den hohen Arbeits- und Rohstoffkosten, vor den Steuerbelastungen und vor der Bürokratie.

"Die eher ungünstigen Arbeitsbedingungen und teure Technologien kosten ein Unternehmen viel Geld. Viel mehr lohnt es sich, die Herstellung in der Türkei oder in China in Auftrag zu geben. Es ist nicht nur kostengünstiger, auch das Risiko ist geringer", sagt Piotr Ochocki, Inhaber der Firma MPM Product aus Milanowek in der Nähe von Warschau. (...) Er behauptet, dass dasselbe auch die führenden Betriebe in seiner Branche tun, d. h. dass sie die Herstellung von Europa nach Asien verlegen. (...)

Die Leichtindustrie gehört zu den Zweigen, in denen die menschliche Arbeit durch Maschinen nicht ersetzt werden kann. (...) Noch vor einigen Jahren betrug der Lohn einer Schneiderin in Polen nur ein Fünftel des Lohns ihrer Kollegin im Westen. Jetzt erweisen sich andere osteuropäische Länder wie z. B. Rumänien und die Ukraine als viel konkurrenzfähiger. Die Löhne der Arbeiter liegen dort bei der Hälfte oder einem Drittel des polnischen Niveaus.

Die großen Textilfirmen wie "Bytom" oder "Prochnik" verfügen über veraltete Produktionsbetriebe, haben zu hohe Kosten und vernachlässigen den Vertrieb und das Marketing. Die Kollektionen der in Polen z. Z. führenden Fashionfirma LPP hingegen werden in China gefertigt und die Firma selbst schenkt der Werbung und dem Vertrieb viel Aufmerksamkeit. (...)

Jedrzej Wittchen, der Hersteller von exklusiven Lederprodukten versuchte, die Herstellung in Polen zu betreiben. Schon Mitte der neunziger Jahre wurde er gezwungen, seinen Betrieb zu schließen und 70 Personen zu entlassen. Jetzt werden alle seine Produkte in der Nähe von Hongkong hergestellt. "Die besten und teuersten Erzeugnisse werden fast ausschließlich in China gefertigt. Die dortigen Arbeiter sind drei mal effektiver als die polnischen und - was auch sehr wichtig ist - sie sind viel genauer", sagt Jedrzej Wittchen. Er zahlt den chinesischen Arbeitern zwar soviel Geld wie er früher seinen Leuten in Polen zahlte, aber die Chinesen sind im Endeffekt viel billiger, da er keine sehr hohen Sozialbeiträge zahlen muss. (...)

Ähnliche Ideen haben auch Geschäftsleute aus anderen Branchen und investieren immer mutiger bei unseren östlichen Nachbarn. Die Mehrheit von ihnen behauptet zwar, dass eine neue Fabrik in Russland oder in der Ukraine nur eine Produktionsbasis für ihre Offensive im Osten darstellen solle, aber ganz leise geben sie zu, dass sie dadurch die Produktionskosten reduzieren wollen. (...)

Noch vor drei Jahren bestellte der Konzern IKEA etwa eine Million Stühle in Polen. Heute gibt es so gut wie keine Bestellungen, vor allem wegen der hohen Produktionskosten und der Stärkung des Zlotykurses. Jetzt kauft IKEA z. B. in China oder in Rumänien ein, wo das Unternehmen 30 bis 40 Prozent weniger bezahlen muss (...)

Das Volumen der polnischen Investitionen im Ausland ist noch nicht groß. Nach Angaben der Polnischen Nationalbank wurde von den polnischen Unternehmern bisher maximal etwa eine Milliarde Dollar im Ausland investiert. Diese Methode findet jedoch immer neue Nachahmer. "Immer mehr meiner Bekannten aus verschiedenen Branchen machen sich ernste Gedanken über die Verlegung der Produktion ins Ausland", sagt Jeremi Mordasewicz, von der polnischen Konföderation privater Arbeitgeber und fügt hinzu: "Sie sprechen zuerst mit ihren Angestellten über die Senkung der Löhne und Gehälter und suchen dann insgeheim nach einem entsprechenden Standort in der Ukraine oder fahren nach China. Über ihre Pläne sprechen sie jedoch nicht laut, um die lokalen Behörden nicht zu irritieren und ihre Absichten vor der Konkurrenz geheim zu halten". (...)

Die Wirtschaftsmigration, falls sie zunehmen sollte, würde den polnischen Arbeitsmarkt erheblich gefährden. Nach Meinung von Witold Orlowski, einem Wirtschaftspezialisten und Berater des Präsidenten, sollte man diese Wirtschaftsflucht nicht überbewerten. "Die Unternehmen möchten konkurrenzfähig bleiben. Ohne dies ist es unmöglich, sich weiter zu entwickeln und die Gewinne zu steigern. Die Erträge bleiben aber meistens in Polen und werden dann entweder in die Dienstleistung oder in neue Technologien investiert." (Sta)

  • Datum 07.02.2003
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