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Europa

Flucht ins Ausland

In Rumänien hat die Auswanderung Tradition. Doch nie zuvor haben so viele Menschen dem Land den Rücken gekehrt wie heute. Viele Auswanderer zieht es nach Deutschland.

Wenn Sorin D. über Heimat spricht, wird es kompliziert. Seit zehn Jahren lebt der Augenarzt in Deutschland, hat hier seine Freunde und Arbeit in einer Berliner Augenklinik. Und doch fährt der 35-Jährige "nach Hause", wenn er an Weihnachten oder über Ostern seine Familie im siebenbürgischen Miercurea Ciuc besucht. Es sind Elternhaus und seine Muttersprachen Ungarisch und Rumänisch, die für dieses Heimatgefühl verantwortlich sind.

Rumänien ist zwar Sorin D.s Heimat, aber das Land löst heute nicht mehr das ein, was der Akademiker von einem modernen Staat erwartet. Als im vergangenen Jahr bei seinem Onkel Krebs diagnostiziert wurde, geriet der Klinikaufenthalt zu einer Tortur: Medikamente und Verpflegung musste sich der Kranke selbst organisieren, das Personal beschimpfte ihn und nach der Operation wäre er fast dehydriert. Sechs Monate nach der Krebsdiagnose war Sorins Onkel tot, obwohl er, so glaubt der Mediziner bis heute, hätte gerettet werden können.

"Die Zustände in rumänischen Krankenhäusern sind unprofessionell und inhuman und ohne Schmiergeld läuft sowieso gar nichts", lautet das bittere Fazit des Arztes. Vasile Astarastoiae, Vorsitzender des rumänischen Berufsverbands der Mediziner, warnt angesichts rund 50.000 fehlender Ärzte gar vor einem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung.

Symbolbild Ärztemangel (Foto: dpa)

Viele rumänische Ärzte flüchten vor dem schlechten System



Lukrativer Handel mit Staatsbürgern

Kein Wunder, dass gut ausgebildetes Fachpersonal Rumänien verlässt, um im Ausland einen Neuanfang zu wagen. Ob Ärzte, Pfleger, Ingenieure, Wirtschaftsexperten oder Juristen – einen regelrechten brain drain diagnostiziert der Bukarester Politologe Cristian Pârvulescu: "Es wird immer schwerer, im öffentlichen Dienst eine bestimmte Qualität zu halten. Dabei gibt es ohne einen starken öffentlichen Dienst und ohne ein gutes Bildungswesen keine funktionierende Demokratie."

Auswanderung hat in Rumänien eine lange Tradition. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts, als die rumänischen Fürstentümer begannen, sich vom osmanischen Einfluss zu lösen, gehörte es für die Elite zum guten Ton, eine Zeit lang in Westeuropa zu verbringen. Rumänen aus ärmeren Schichten zog es dagegen in die Vereinigten Staaten.

Von Minderheiten und Erdbeerpflückern

Unter der kommunistischen Diktatur waren es dann die Minderheiten, die Rumänien den Rücken kehrten. Bis zum Sturz von Diktator Ceauşescu im Dezember 1989 verließen die meisten der knapp 400.000 Juden, die den Holocaust überlebt hatten, und mehr als die Hälfte der rund 350.000 Menschen zählenden deutschen Minderheit das Land. Eine Fluchtbewegung, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch einmal beschleunigte.

Eine Menschenmenge umringt im März 1990 in Bukarest eine umgestürzte Lenin-Statue. (Foto: dpa)

Zehn Jahre nach dem Sturz Ceauşescus erreicht die Auswanderung Rekordwerte


Seit der Jahrtausendwende erreicht auch die Migration der Rumänen selbst Rekordwerte. Der Bedarf an Arbeitskräften in südeuropäischen Staaten wie Spanien und Italien und schrittweise Erleichterungen im Reiseverkehr lockten Hunderttausende ins Ausland. "Căpsunarii" (Erdbeerpflücker) wurden sie zunächst genannt, weil viele auf spanischen Erdbeerfeldern oder Obstplantagen arbeiteten. Rund drei Millionen Rumänen verdienen heute ihren Lebensunterhalt überwiegend oder permanent im westeuropäischen Ausland - in Spanien und Italien, aber zunehmend auch in Deutschland. In Rumänien werden diese Landsleute inzwischen als "stranierii" bezeichnet – nach dem italienischen Wort für "Fremde".

Doch nicht nur viele Fachkräfte verlassen Rumänien, sondern auch sozial Schwache. Vor allem Roma sind auf der Flucht vor Perspektivlosigkeit, Marginalisierung und Rassismus in ihrer Heimat. Jahrelang waren Italien, Spanien, Frankreich, Großbritannien und Irland bevorzugte Auswanderungsziele, inzwischen kommen sie auch verstärkt nach Deutschland.

"Die Abwanderung schadet uns massiv"

Roxana Prodan profitiert vom Drang vieler Rumänen ins Ausland. Die 54-jährige Bukarester Unternehmerin vermittelt mit ihrer Firma "Manpower" Arbeitsplätze für Rumänen im Ausland und holt zugleich Gastarbeiter in ihre Heimat. Auch sie hat angesichts dieser Entwicklung Angst um die Zukunft ihres Landes. "Um die Abwanderung langfristig zu verringern, muss vor allem das Bildungssystem verbessert werden und das Lohnniveau steigen. Dadurch werden die Anreize für junge Leute größer, hier zu bleiben."

Für Sorin D. ist eine Rückkehr nach Rumänen aktuell kein Thema. Er kann sich eigentlich nicht vorstellen, Deutschland wieder zu verlassen. Und wenn, dann würde er in einem privaten rumänischen Krankenhaus arbeiten – ohne Korruption und mit guter medizinischer Ausrüstung. "Hier in Deutschland arbeitet man zwar sehr viel", sagt der Augenarzt, "aber die Patienten sind gut versorgt und man geht gut mit ihnen um. Das ist mir als Arzt wichtig."