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Politik

Fluch des Reichtums

In Ostafrika droht ein neuer Völkermord: Wirtschaftliche Interessen haben im Kongo eine gefährliche Dynamik des Krieges freigesetzt. Endlich reagiert nun die UNO.

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Lendu-Kämpfer außerhalb von Bunia

Aus der ostkongolesischen Provinz Ituri werden apokalyptische Szenen gemeldet: Von Kindersoldaten, die Massaker verüben. Von Hunden, die frisch verscharrte Leichen aus den Massengräbern ausbuddeln. Britische Medien berichten von Fällen von Kannibalismus. Wie viele Menschen auf der Flucht sind, kann niemand genau sagen. Es könnten 200.000 sein, aber auch eine Million. Genau so vage ist die Zahl der Toten. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen fielen den Kämpfen der vergangenen Monate rund 50.000 Menschen zum Opfer.

Die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation im Kongo als die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung der Gegenwart: Mindestens 2,5 Millionen Menschen sind in den vergangenen sechs Jahren getötet worden. Es "drohe ein zweites Ruanda“, warnt UN-Menschenrechts-Kommisar Sergio Vieira de Mello und meint damit einen zweiten Völkermord – wechselseitig begangenen von den ostkongolesischen Volkstämmen der Hema und Lendu, die hauptsächlich um die Stadt Bunia kämpfen.

Afrikanische Machtpolitik

Im Genozid von Ruanda im Jahr 1994 liegen auch die Wurzeln für den jetzigen Konflikt: Ugandas Staatschef Yoweri Museveni, ein enger Freund der USA, sah im allgemeinen Chaos des Gemetzels die Chance, zum starken Mann der Region aufzusteigen. Die rohstoffreichen Ostprovinzen des Kongo schienen ihm ein lohnenswertes Ziel – Probebohrungen vor Ort ließen auf große Erdölvorkommen schließen. Darauf marschierte 1998 die ugandische Armee in den Osten des Kongos ein und suchte nach lokalen Verbündeten.

Die Folge war eine katastrophale Kettenreaktion: Das benachbarte Ruanda reagierte auf die Invasion und suchte ebenfalls Verbündete. Seitdem entwickelt sich ein Szenario, das zunehmend an das Deutschland des 30-Jährigen Krieges erinnert: Ständig wechselnde Koalitionen, eigenmächtige Kriegsherren, mal offen, mal verdeckt agierende ausländische Mächte, schwer durchschaubare Interessenlagen – und entsetzliches Elend der Zivilbevölkerung.

Verschlimmert hat sich die Lage, seit sich die ugandischen Truppen Anfang März zurückzogen. Die verbündeten Lendu-Milizen übernahmen die Stadt Bunia, worauf die Hema angriffen. "Die Hema gelten traditionell als Viehzüchter, Lendu sind die Ackerbauern der Region“, sagt Stefan Mair, Afrika-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. "Es gab in der Vergangenheit immer wieder mal Landkonflikte, die auch gewaltsam ausgetragen wurden, aber die Dimension der letzten Jahre hatte es zuvor nicht.“

Verselbstständigter Konflikt

Einig sind sich Experten, dass der ethnische Konflikt auch von außen geschürt wurde, sich nun aber weitgehend verselbstständigt hat. Seit zwei Wochen fallen abwechselnd verfeindete Milizen über die Stadt Bunia her, bewaffnet mit Speeren, Macheten, Kalaschnikows und Handgranaten. Zwar unterschrieben fünf Milizenführer vor kurzem ein Waffenstillstandsabkommen, die Kämpfe konnte das jedoch nicht beenden.

Die Zentralregierung des Kongo, die in der weit entfernten Haupstadt Kinshasa, im Westen des Landes sitzt, bewies unterdessen ihre Machtlosigkeit: Die rund 600 Sonderpolizisten, die Präsident Joseph Kabila entsandte, verkauften nach Augenzeugenberichten in Bunia zuerst ihre Waffen an die Kämpfer. Anschließend zogen sie sich wieder zurück.

UN-Friedenstruppe aus Uruguay im Kongo

Hilflos: UN-Blauhelme aus Uruguay in Bunia

Nicht viel effektiver sind auch die 625 vorwiegend uruguayischen Blauhelme der UN-Kongo-Mission (Monuc). Sie kontrollieren zwar den Flughafen der 350.000 Einwohner zählenden Stadt Bunia, griffen bislang aber offenbar nicht in die Kämpfe ein. Obwohl die UN-Soldaten nach Einschätzung von Beobachtern mit ihren Schützenpanzern, Allradfahrzeugen und modernen Kommunikationsmitteln eigentlich über die Mittel verfügen, um die Massaker zu beenden. Ihr Stillhalten wird damit erklärt, dass das Mandat der Blauhelme die Einmischung in innerkongolesische Angelegenheiten verbiete – den Schutz der Zivilbevölkerung vor marodierenden Banden schließt es aber sehr wohl ein.

"Würdelose und abscheuliche Tat"

Inzwischen wird selbst die UN-Truppen zu Opfer des Gemetzels: Am Mittwoch (21.5.2003) wurden die verstümmelten Leichen zweier seit geraumer Zeit vermisster UN-Beobachter in der Nähe von Bunia gefunden. UN-Sondergesandter Namanga Ngongi sprach von einer "würdelosen und abscheulichen Tat“. Nun hat sich die die internationale Staatengemeinschaft endlich zu einem entschlossenern Handeln durchgerungen. Per Beschluss des UN-Sicherheitsrats wird eine internationale Truppe in das afrikanische Land entsandt. Die ersten französischen Soldaten trafen am Mittwoch im Kongo ein. Neben Frankreich wird sich wahrscheinlich auch Großbritannien an einer Eingreiftruppe beteiligen, Kanada erwägt ebenfalls die Entsendung eines Kontigents. Auch die EU signalisierte auf Wunsch von UN-Generalsekretärs Kofi Annans die Bereitschaft bei der Konfliktlösung zu helfen.

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