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Alltagsdeutsch – Podcast

Flohmärkte

Im Frühjahr beginnt sie – die Zeit der Flohmärkte im Freien. Für wenig Geld kann man dort fast alles kaufen: alte Gläser, gebrauchte Kleider, Lebensmittel. Manchmal findet man auch besondere Schätze zum Verschenken.

Sprecherin:

Sonntagmorgen auf einem Flohmarkt in München. Auch die richtige Musik lockt die Kunden an. Und das ist schließlich die Hauptsache, wenn man inmitten von hundert anderen Flohmarktständen ausgerechnet seine alten Tassen an den Mann bringen möchte. Denn jedes Wochenende ist in Deutschland Flohmarkt-Zeit.

O-Töne:

"Ja, ich hab’ einen Deckel für meine Pfanne gesucht, und dann habe ich Kräutertee, verschiedene Kräuter, und es gibt einen Vitaminstand dort, ich weiß nicht, wie es heißt, da hol’ ich mir verschiedene Gesundheitssachen. / Was suchen Sie hier so? – Einfach Kruschteln, Klunker, einfach Klunker."

Sprecher:

Eine Frau sagt, sie ist zum Kruschteln da und sucht einfach nur Klunker. Das sind gleich zwei umgangssprachliche Begriffe. Kruscht ist wertloser, alter Kram. Der Ursprung dieses Wortes liegt in dem alten, heute nicht mehr gebräuchlichen Rust. Der Sammelbegriff Gerust stand für Hausrat. Das schwäbische Kruscht heißt in manchen Gegenden auch Krusch und wird als Verb kruschteln, kruschen in der Bedeutung herumsuchen, im Hausrat kramen gebraucht. Unter Klunkern versteht man eher wertlosen Modeschmuck oder auch sehr große, protzige Schmuckstücke. Vor allem Ketten und Ohrringe bezeichnet man so, weil sie herunterhängen – und genau das war die ursprüngliche Bedeutung. Glunkern hieß baumeln, herunterhängen.

O-Ton:

"Ich habe eine Kaffeemühle gesucht, speziell eine aus Holz, und ja, so 'ne richtig alte zum Drehen, weil ich am Wochenende Kaffeebohnen geschenkt bekommen habe. Die kann ich nicht verarbeiten, weil ich keine Kaffeemühle habe. Also bin ich losgestiefelt auf den Flohmarkt und hab’ hier nach langem Suchen dieses wunderbare Exemplar einer Kaffeemühle erstanden. Ich musste handeln.Der sehr nette Verkäufer war, glaube ich, froh, dass er die los war, dass er die nicht wieder einpacken musste und mit dem Auto wieder nach Hause fahren musste; 'n Sammeltick habe ich eigentlich nicht, vielleicht fängt das jetzt mit meiner ersten Kaffeemühle an, dass ich in Zukunft Kaffeemühlen sammeln werde, weil ich habe halt festgestellt, es gibt ganz unterschiedliche, aber ich weiß es noch nicht. Mal gucken, der nächste Flohmarkt wird’s zeigen und ja, mal schauen."

Sprecher:

Für den Flohmarkt gibt es also ganz praktische Argumente. Dinge, die sonst sehr teuer sind, bekommt man für einen Bruchteil des normalen Preises, dafür eben gebraucht. Und man kann den Preis sogar noch herunterhandeln. Und deshalb ist auch diese Flohmarktbesucherin mal losgestiefelt, ein sehr bildlicher Ausdruck für losgehen, sich auf den Weg machen. Sie hat sich auf den Weg zum Flohmarkt gemacht, weil dort viele ihre alten Sachen loswerden oder los haben wollen. Normalerweise kennt man los als Nachsilbe für Adjektive, also fehlerlos zum Beispiel ist frei von Fehlern. Etwas loswerden heißt also, frei davon werden, einen Käufer dafür finden. Und wer einen Sammeltick hat, muss aufpassen, dass er nicht auch auf dem Flohmarkt zu viel Geld ausgibt. Ein Tick ist eine unangenehme Angewohnheit oder auch eine Krankheit, eine Art Zucken von bestimmten Körperpartien, das man nicht willentlich beeinflussen kann. Und genauso wenig ist eine Sammelleidenschaft zu kontrollieren. Dieser Tick steht also im übertragenen Sinn für die starke Kraft, die Leute dazu verleitet, bestimmte Dinge immer weiter zu sammeln. Spricht man von einem Tick, ist das nicht selten negativ gemeint.

Sprecherin:

Die großen Märkte sind oft in der ganzen Stadt oder Region bekannt, und die Leute kommen von weit her, weil es dort angeblich die schönsten Sachen gibt. Dafür müssen die Anbieter aber auch für eine Tapaziertischlänge bezahlen. Die mobile Flohmarkt-Ausrüstung besteht aus dem VW-Transporter, einem Tapeziertisch und unendlich vielen prallgefüllten Bananenkisten aus dem Keller. Man findet vom Kleiderschrank über die Kuckucksuhr bis zum Duschkopf jeden erdenklichen Gebrauchsartikel und auch Käufer aus allen Schichten und Altersgruppen. Viele Flohmarktfans streifen nicht nur jedes sonnige Wochenende von Tapeziertisch zu Tapeziertisch, sondern verkaufen auch noch selbst. Das hat den Vorteil, dass die Leidenschaft für Antiquitäten nicht auch noch den Geldbeutel strapaziert. Dafür muss man aber früh aufstehen, um einen guten Platz für einen Stand zu bekommen. Lohnt sich das überhaupt?

O-Töne:

"Einfach so, dass man das Zeug nicht wegschmeißen muss, so dass man ein bisschen Geld nebenbei verdient, also, ist okay, und wirklich nur mit altem Zeug, ja. Einzelne Tassen, Unterwäsche sogar, Socken, also, was man normal wirklich wegschmeißt. Doch, geht ganz gut. / Das ist immer unser Wochenende,und ja, Flohmarkt ist ‘ne Sucht, und bevor man die letzten Triebe im Wald zerlatscht, geht man doch lieber über’n Flohmarkt. Und es ist spannend, es ist Schatzsuche. Man weiß nie, was auf einen wartet. Wenn man so durch die großen Einkaufsstraßen geht, weiß man immer, was auf einen wartet, und hier ist Abenteuer. Da ist immer was anderes und immer andere Leute, immer andere Sachen, und selbst wenn’s regnet, die Leute sind anders drauf, weil sie im Freien stehen, weil niemand sie zwingt."

Sprecher:

Natürlich ist das Geld ein Anreiz. Ein weiterer Nebeneffekt des Flohmarktbesuchs ist, wie Clara meint, dass man nicht die Triebe, die jungen Bäume, im Wald zerlatscht, also sie zertritt. Das heißt einfach nur: In der Zeit, die man auf dem Flohmarkt verbringt, kann man nicht die Natur zerstören. Und deshalb sind die Leute auch anders drauf, das heißt ihre Stimmung ist anders. Drauf sein ist ganz normales Alltagsdeutsch. Es wurde aus der Jugendsprache übernommen. Das Draufsein beschrieb ursprünglich den Zustand unter Drogeneinfluss, also zum Beispiel auf Heroin, unter dem Einfluss von Heroin, sein oder poetischer auf der Reise in eine Phantasiewelt sein. Heute fragt man auch ganz harmlos, wenn sich jemand komisch verhält: Wie bist Du denn drauf ?

Sprecherin:

Clara ist nicht die einzige, die der Flohmarkt-Virus gepackt hat. Im Sommer verbringt sie jedes Wochenende auf irgendeinem Markt zwischen Regensburg und München. Für sie ist das Suchen und Finden zum Hobby geworden. Das Schönste daran ist natürlich, dass man die Dinge, die man oft gar nicht braucht, so billig bekommen hat. Aber auch, dass die gebrauchten Stücke alle eine Vergangenheit haben, macht sie besonders wertvoll. Andere sehen es etwas pragmatischer. Wegschmeißen können und wollen sie ihre alte Kleidung, Haushaltsgeräte oder Möbel auf gar keinen Fall. Also geht man auf den Flohmarkt. Peter, 59, ist einer der Freizeitverkäufer:

O-Töne:

"Ich bin arbeitslos und hab ‘nen Nachlass von meinen Eltern, und ich kann das nicht wegschmeißen, ich muß das irgendwie einigermaßen rentabel veräußern. Manchmal muss man soweit runter, dass es keinen Spaß mehr macht, aber hin und wieder freut man sich dann, wenn man was verkaufen kann, wo man ein bisschen was verdient. Aber es ist vor allem auch wegen dem Spaß. Man freut sich schon, man freut sich schon, wenn man was verkauft und wenn so ein bisschen was dabei rausschaut. / Es geht ums Finden, ne, was Schönes gefunden haben, was Seltenes gefunden haben, und selbst, wenn’s bloß mal ‘ne Schraube ist, die einem an irgendeinem anderen Teil fehlt , ne, deshalb ist es auch gut, wenn so Leute mit alten rostigen Schrauben stehen, weil irgendeiner braucht die dann für irgendein schönes altes Kastl."

Sprecher:

Und wie bei fast allen, geht es auch bei Peter ums Geld. Wenn etwas dabei rausschaut oder auch rauskommt, dann heißt das, dass ein Vorteil, ein Gewinn zu sehen ist. Er schaut raus, man sieht ihn am Rande des Geschäfts. Nur wenn man mit dem Preis zu weit heruntergehen, ihn senken muss, schaut für Peter nichts mehr dabei heraus. Ein Kastl ist übrigens die bayrische Form von Kasten oder Kästchen – das kann eine kleinere Schatulle, aber auch ein richtiges Möbelstück sein.

Sprecherin:

Am späten Nachmittag machen sich alle wieder auf den Heimweg. Der Kreislauf schließt sich. Viele Dinge, die die Leute einfach nur weghaben wollten, wechseln den Besitzer und beginnen ein zweites Leben. (Musikeinspielung) Ein bisschen weniger orientalisch lockt der Flohmarkt im Kunstpark Ost in München. Das alte Fabrikgelände ist heute mit Diskotheken und Bars bevölkert. Die Nachtschwärmer haben den Kunstpark kaum verlassen, da machen am Samstagmorgen schon die Stände in den Flohmarkthallen auf. Andere bauen draußen ihre Tapeziertische auf. Das Faszinierende am Flohmarkt ist, dass genau die Dinge, die der eine für Müll hält, dem anderen gefallen. Und so wechselt ein gerahmtes Bild der "Adria im Abendrot" sofort den Besitzer. Kitsch und Plastik aus den 70ern werden hier von einer Sekunde zur anderen zum Kultobjekt. Martin hat ein ganzes Hallenabteil gemietet. Das Projekt von der "Kunstbehandlung", einer Kunstgalerie, zeigt Gegenstände, die alle orangefarben sind.

O-Ton:

"Eine Ausstellung ist das, also unsere Sammlung "Orange", die halt von Zeit zu Zeit mal wieder an die frische Luft muss, wird halt hier gezeigt. Und hier funktioniert’s genau anders wie auf ‘nem Flohmarktstand. Hier kann man nichts kaufen, aber hier kann man was abliefern. Ja, gut, wenn’s Rührschüsseln und Besteck und sowas sind, des ham ma ja schon zu hunderten. Wild sind wir auf selbstgemachte Sachen, also Gehäkeltes zum Beispiel, Gemaltes oder Collagen, was auch immer in Orange, Fotos, alles Mögliche."

Sprecher:

Bei diesem Stand funktioniert alles ganz unkonventionell und anders als auf einem üblichen Flohmarktstand. An die frische Luft gehen ist ein Synonym für nach draußen gehen oder spazierengehen – eben den geschlossenen Raum verlassen und an die Öffentlichkeit gehen. Dass Sachen eigentlich nicht an die frische Luft müssen, sondern nur Lebewesen, wird hier scherzhaft ignoriert. Es kann aber auch mit einer anderen Redensart zu tun haben. Wenn man irgendwo frische Luft hineinbringt, heißt das soviel, wie der Sache neuen Schwung verleihen. Wenn Martin sagt, dass er wild auf etwas ist, will er damit sagen, dass ihn das besonders interessiert. Auf etwas wild sein kommt sprachlich aus dem erotischen Bereich: scharf sein, heiß sein, geil sein. Das drückt urspünglich den sexuellen Anreiz, ein Begehren aus, aber alle diese Begriffe werden inzwischen auch, vor allem von jungen Leuten, in ganz normalen Alltagssituationen gebraucht.

Sprecherin:

Inzwischen kann man auch seine ganz normalen Einkäufe gleich auf dem Flohmarkt miterledigen: Nudelspezialitäten, Gemüse, Gewürze, Kaffee. All diese Produkte gibt es seit ein paar Jahren auch auf Flohmärkten. Und auch die Wurstbuden und Eisverkäufer kann man sich kaum noch wegdenken. Selbst Profihändler mit Neuwaren sind auf einigen Märkten vertreten. Eines aber haben alle Flohmärkte gemeinsam: Man stößt immer wieder auf Neues, Unerwartetes:

O-Töne:

"Wir schauen nur so ein bisschen rum, wir suchen eigentlich nichts Bestimmtes jetzt, , ja. Wir haben’s schon gefunden, zwei Gläser, zwei Weingläser haben wir. – Etwa um die Jahrhundertwende. Es gibt bestimmte Stände, die haben wirklich sehr, sehr schöne Sachen, und da kann man auch noch was Besonderes finden, muss halt nen biss'l rumschauen. / Eigentlich erlebt man nette Geschichten hier, man kommt schnell mit den Leuten ins Gespräch, und ja, es ist eigentlich immer ‘ne nette Atmosphäre, und man kann mehrere Stunden auf Flohmärkten verbringen, so ist es eigentlich eine nette Freizeitbeschäftigung. / Ne Stimmungssache, hier durchzugehen, einfach nur zu gucken, man muss ja nicht unbedingt was kaufen, und, dass es Spaß macht, auch die Trödler, bei den Trödlern reinzuschauen. Man muss ja nicht unbedingt was kaufen. / Außerdem meint man immer noch, dass man ein Schnäppchen macht."

Sprecher:

Jeder hofft, einen Fund zu machen, ein Schnäppchen. Wenn man etwas schnappt, schnell zugreift, dann hat sich für diesen vorteilhaften Gelegenheitskauf das Wort Schnäppchen eingebürgert.

Sprecherin:

Und diesen Kitzel bekommen die Verkäufer genauso wie die Kunden zu spüren. Jeder Bastler findet die alte Schraube, die er sucht, die Sammler treffen sich zum Erfahrungsaustausch, und auch der Laie bekommt garantiert ein nettes Gespräch über die Vorgeschichte der Rarität, die er gerade gekauft hat. Und wenn man die Sachen wieder loswerden möchte, geht man damit einfach auf den nächsten Flohmarkt.

Fragen zum Text

Große und protzige Juwelen werden bezeichnet als …

1. Klinkersteine.

2. Klunker.

3. Klangstücke.

Die Redewendung an die frische Luft setzen bedeutet …

1. jemanden hinauswerfen.

2. etwas lüften.

3. im Freien einen Sitzstreik durchführen.

Flohmärkte finden meistens statt …

1. mitten in der Woche.

2. an Wochenenden.

3. im Winter.

Arbeitsauftrag

Bauen Sie einen Tisch auf mit allerlei alten Gegenständen. Führen Sie dann in der Gruppe Verkaufsgespräche auf Deutsch, bei denen jeder einmal sowohl die Rolle des Verkäufers als auch des Käufers einnimmt.

Autorin: Renate Heilmeier

Redaktion: Beatrice Warken

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