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Alltagsdeutsch – Podcast

Flirten

Die meisten Menschen flirten von Zeit zu Zeit, wobei heutzutage die Initiative nicht mehr nur vom Mann ausgehen muss. Wer sich nicht traut, kann mittlerweile sogar professionelle Hilfe in einem Flirtkurs erhalten...

O-Ton:
"Sie haben mich jetzt eben so nett angelächelt, jetzt hab' ich meinen ganzen Mut zusammengepackt. Ich sprech' Sie jetzt mal an. Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

Sprecher:
Was dieser junge Mann hier gerade praktiziert, ist ganz eindeutig ein Flirt. Flirten tun wir fast alle, wir lächeln eine fremde Frau oder einen gutaussehenden Mann auf der Straße an, tauschen im Café Blicke aus und unterhalten uns auf Festen über Belanglosigkeiten. Der erste Schritt aber ist der schwierigste. Darum musste dieser Mann auch seinen ganzen Mut zusammenpacken, üblicherweise würde man sagen: seinen Mut zusammennehmen. Das bedeutet, dass er mit der ganzen Selbstsicherheit, dem Mut, den er hat, agieren muss. Vorher muss aber wenigstens ein erster Blick, ein erstes Lächeln stattfinden. Die körperlichen Signale, die dabei ausgetauscht werden, sagen ganz eindeutig: Du interessierst mich, ich möchte dich besser kennenlernen.

Sprecherin:
Das klingt einfach, ist aber manchmal sehr schwierig. Oft gehört eine Menge Mut dazu, eine unbekannte Person anzusprechen. Man muss die richtigen Worte finden, hat Angst vor einer Ablehnung, dem so genannten Korb, und vielleicht stellt man dann noch im Gespräch fest, dass man sich überhaupt nicht versteht. Viele flirten deshalb lieber überhaupt nicht, dann gibt es auch keine Probleme. Dabei muss man sich vielleicht nur ein paar Tricks merken, um die jeweilige Situation besser meistern zu können. Peter Hollinger, ein findiger Diplomkaufmann aus München, macht seit dreizehn Jahren sein Geschäft mit dem Flirt. Er hat die erste deutsche Flirtschule gegründet, gibt Kurse für Kontaktaufnahmen und hat auch schon ein Buch über das richtige Flirten geschrieben. In seinen Kursen vermittelt er nicht nur Kenntnisse über die richtige Körpersprache, das Flirten wird auch in Rollenspielen geprobt, und der Flirtmeister verrät besonders gute Gelegenheiten und Gesprächsmuster für das erste Kennenlernen.

Peter Hollinger:
"Es geht schon um Blickkontakt, es geht um lächeln, zurücklächeln lassen. Es geht um Gesprächskontakt, es geht darum, dem anderen was Nettes zu sagen, Signale austauschen, jetzt zuprosten natürlich und schauen, dass da also was knistert. Es gibt kein Patentrezept für den ultimativ erfolgreichen Flirt, es gibt verschiedene Varianten, und das ganz Wichtige ist, sich selber positiv zu spüren, selbstsicher zu sein."

Sprecher:
Als Flirtlehrer muss man schon ein paar Tricks kennen, um die Kontaktaufnahme zu beschleunigen. Was fast immer geht, egal ob im Restaurant oder auf dem Oktoberfest, ist das Zuprosten. "Prost" ist der deutsche Trinkspruch, und wenn man das Glas hebt, um sich dabei gegenseitig Glück und gutes Gelingen zu wünschen, nennt man das zuprosten. Das ist natürlich noch keine Garantie dafür, dass es zwischen den beiden auch knistert. Das Knistern zwischen zwei Menschen ist das erste Zeichen der Verliebtheit. Es kann auch im Gebälk knistern, das bedeutet, dass das Haus einzustürzen droht, weil es in Flammen steht und das brennende Holz schon anfängt zu knistern. Und genauso kann der Liebesfunke zwischen zwei Menschen überspringen. Es beginnt zu knistern. Nur gibt es dafür leider kein Patentrezept. Ein Patent kann man auf eine Erfindung anmelden. Das ist wichtig, damit man später auch die Rechte darauf hat, wenn sich das Produkt erfolgreich verkauft. Doch anders als beim Patentamt hat sich in der volkstümlichen Umgangssprache eingebürgert, dass patent immer etwas Positives, besonders Gutes, in Bezug auf Menschen auch Tüchtiges bedeutet. Das Patentrezept als standardisierte Lösung, die immer gut funktioniert und hohe Erfolgsaussichten verspricht, gibt es in der Liebe nicht.

Sprecherin:
Doch was vielen mittlerweile die Selbstsicherheit raubt, zu eigenen individuellen Mitteln der Kontaktaufnahme zu greifen, sind die veränderten Rollenbilder in unserer Gesellschaft. Während man früher als Frau einfach abwarten konnte, muss man heute selber aktiv werden. Viele Männer sind nicht mehr bereit, immer den ersten Schritt zu tun, obwohl das jahrhundertelang so üblich war.

O-Töne:
"Normalerweise abwarten, also von meiner Seite her aus bis jetzt zumindest." / "Das klassische Bild ist immer irgendwo noch vorhanden und ist einfach, sag' ich mal, in Mark und Bein einfach drin, dass der Mann derjenige ist eben halt, von dem es auch ein bisschen erwartet wird: Ich gehe jetzt auf die Frau zu. Und umgekehrt ist es nicht so selbstverständlich, sag' ich jetzt mal."

Sprecher:
Der Schüchterne wartet ab, bis er angesprochen wird, der Konservative weiß, dass er als Mann den Anfang machen muss. Das ist in Mark und Bein drin, sitzt also sehr tief als Verhaltensmuster in uns, meint der junge Mann. Durch Mark und Bein gehen ist normalerweise ein Ausdruck dafür, wenn ein Schmerz oder ein besonders lauter Ton einen am ganzen Körper trifft, eben bis ins Knochenmark hinein. Die formelhafte Verbindung durch Mark und Bein hat sich mit der deutschen Bibelübersetzung, der Lutherbibel, etabliert. Darin dringt natürlich das Wort Gottes durch Mark und Bein.

Sprecherin:
Zwar noch nicht selbstverständlich, aber immerhin möglich ist es heutzutage, dass auch Frauen einen Mann ansprechen, der ihnen gefällt. Doch dabei sind wir ziemlich anspruchsvoll geworden. Die schönen Menschen aus der Werbung und aus dem Fernsehen fördern den Eindruck, dass alle so gut aussehen müssten. Das ist natürlich nicht möglich. Aber Verhaltensforscher und Psychologen haben festgestellt, dass das Aussehen eine wichtige Rolle bei der Partnersuche spielt. Außerdem sucht man instinktiv nach jemandem, der ungefähr gleich schön ist.

Partygeräusche/Lied:
"Happy Birthday"

Sprecherin:
Flirten
, das geschieht meist in lockerer, leicht alkoholisierter, angeheiterter Stimmung. Sind die Menschen fröhlich, fallen auch die Hemmschwellen für den zwischenmenschlichen Kontakt. Was sonst noch passieren muss, damit Menschen ausgelassen flirten, erklärt Ronald Hitzler, Soziologie-Professor in Dortmund:

Ronald Hitzler:
"Es gibt mehrere klassische Situationen, wie sich Leute finden. Die eine klassische Situation ist das körperliche Wohlbefinden, die Entspanntheit. Das sind die typischen Urlaubsflirts und Urlaubsbekanntschaften. Das setzt sich dann fort in dieser klassischen Figur des Kurschattens. Die andere klassische Situation ist der positive Stress, die Situation des positiven Stresses. Wenn Sie an etwas arbeiten, heftig arbeiten, konzentriert sind, dann stresst das. Wenn irgend etwas gelingt, wenn Sie das umsetzen können, dann bricht sofort ein Gefühl der Freude in Ihnen aus. Und dieses Gefühl der Freude öffnet Sie prinzipiell auch sozial. Also, wir kennen das aus ganz anderen Untersuchungen. Bei den Technofans zum Beispiel, in denen Euphorisierung in der Party eben zu dieser Öffnung zum anderen hinführt. Das ist ganz bekannt. Und diese Öffnung ist natürlich prinzipiell auch eine erotische Öffnung oder zumindest eröffnet sie eine erotische Bereitschaft, die sonst vielleicht in dem Maße nicht gegeben ist."

Sprecher:
Egal, ob bei der Party oder im Büro, die richtigen Glücksgefühle müssen im Spiel sein, damit es zwischen zwei Menschen funkt und daraus eine Liebschaft wird. Passiert so etwas bei einer Kur oder einer ähnlichen Gelegenheit, nennt man den unbekannten Liebhaber auch Kurschatten. Das bedeutet, für die Zeit der Kur folgt dieses geliebte Wesen einem wie ein Schatten. Aber wie Sonne, Licht und Schatten ist eben auch der Kurschatten nur eine zeitlich begrenzte Erscheinung - und führt ein Schattendasein. Denn meistens wartet zu Hause ein fester Partner. Früher war eine Gesundheitskur eigentlich der einzige Anlass, bei dem Ehepartner für eine längere Zeit getrennt waren. Das heißt, solche Liebschaften außerhalb der Ehe konnten sich hier viel leichter als sonstwo entwickeln. Deshalb spricht Professor Hitzler auch von der klassischen Figur des Kurschattens.

Sprecherin:
Doch häufiger ist der Flirt im Alltag. Flirten kann man praktisch überall. Man muss sich nur überlegen, wie man eine Gemeinsamkeit findet. Deshalb ist es auch viel einfacher, jemanden auf dem Sportplatz, in der Kantine oder beim gemeinsamen Hobby anzusprechen als auf der Straße oder im Café. Wenn man über den anderen nichts weiß und trotzdem unbedingt ins Gespräch kommen möchte, gibt es natürlich auch einige gute Tricks. Arthur verrät nach zwei Tagen Flirtkurs einen davon:

Arthur:
"Ich hoffe, ich verrat' jetzt nicht zu viel, man kann verschiedene Dinge machen. Was mir auch ganz toll gefallen hat, war dies Thema mit dem Lottoschein ausfüllen. Also, ich nehm' einen Lottoschein, lass mir dann die Zahlen ausgeben und sage: Mensch, ich hab bisher immer Pech gehabt in den letzten Wochen mit den Lottozahlen, ob Sie mir denn grad mal so sechs Zahlen geben könnte zwischen eins und neunundvierzig und, ja, dann dieses Spielchen so weiter aufzubauen, um dann zu sagen: Mensch, was machen wir jetzt zusammen, wenn wir jetzt 'n Dreier haben?"

Sprecher:
"Jedenfalls ist der Treffpunkt in den Lottoannahmestellen bestimmt ein guter Ort zum Flirten, man kommt eben auf eine ganz natürliche Art und Weise ins Gespräch, weil alle dasselbe Interesse haben – den ganz großen Millionengewinn zu machen.

Sprecherin:
Und das ist auch der große Spaß an so einem Flirtkurs, einmal ganz entspannt und ohne Stress auf spielerische Art verschiedene Situationen ausprobieren.

Peter Hollinger:
"Es gibt 'ne ganze Palette von Motiven, warum die Leute in den Kurs reinkommen. Es gibt natürlich auch die Aufreißer, die sich schon sehr gut vorkommen, und dann noch sich den letzten Schliff geben wollen. Es gibt die Adressensammler, es gibt die Telefonnummernsammler, das sind auch Leute, die dann in den Kurs kommen."

Sprecher:
Aufreißen
oder auch Aufreißer, diese Begriffe kommen aus einem Halbwelt-Jargon der 50er Jahre. Ein Aufreißer ist ein Frauenheld, aufreißen heißt soviel wie "Frauenbekanntschaften machen". Aus der gleichen Zeit stammt auch eine andere Bedeutung des Wortes: "etwas stehlen". Es hat also eine verbotene, nicht ganz saubere Nebenbedeutung, das Aufreißen von Frauen. Den letzten Schliff, den sich manche Kavaliere dafür geben wollen, den kennt man schon von den mittelalterlichen Handwerkerinnungen. Damals haben die Handwerkslehrlinge symbolisch den letzten Schliff mit einer Feile oder anderen Werkzeugen am Ende ihrer Ausbildung erhalten. Von diesem Brauch ausgehend, hat sich in der deutschen Sprache Schliff oder schleifen auch für Drill und Strenge, für besonders gutes Benehmen oder geschliffene Umgangsformen eingebürgert. Aber eigentlich ist das Wort heute eher etwas aus der Mode gekommen.

Sprecherin:
Meistens geht es etwas weniger geradlinig zu als im Flirtkurs. Denn um sich zu trauen, trinken sich auch einige erst mal etwas Mut an. Mit anderen Worten, sie konsumieren reichlich Alkohol. Und für das Aufreißen, das dann folgt, gibt es noch eine Reihe anderer Ausdrücke in der deutschen Sprache: anmachen, anbaggern, abschleppen. Es bleiben aber viele Fragen, auch die nach der besten Gelegenheit dafür. Vielleicht sind es ja die Handelsmessen, denn dort trifft man relativ viele Unbekannte, mit denen man abends auf den Messepartys flirten kann:

O-Töne:
"Jemanden abgeschleppt, also ich sag' mal, so hin und wieder, aber das ist wirklich nicht die Normalität, auf der Messe schleppt man auch mal was oder wen ab. Und grundsätzlich ist das auch nicht verkehrt, weil: das ist eine Möglichkeit, sich selber so weit gehen zu lassen, wie man sich sonst nicht gehen lässt. Und deswegen bin ich dafür." / "Wie bagger' ich eine Frau auf der Messe an?" / "Gerade, wenn die Leute besoffen sind, ist das natürlich schrecklich. Dann versuchen sie es mit allen Mitteln. Und vor allem die widerlichsten Typen kommen dann an und trauen sich. Und das find' ich immer völlig bewundernswert, dass man so 'n Mut haben kann, so loszugehen und selber irgendwie noch nicht mal was zu bieten irgendwie, weder vom Gespräch her oder Optik. Das find' ich manchmal 'ne richtige Unverschämtheit von Typen, dass die diesen Mut besitzen." / "Damen abschleppen? Ich hab' mich noch nicht umgeschaut, es ist noch... weiß nicht, wir sind erst vor 'ner halben Stunde gekommen, von daher haben wir da mit dem Gedanken noch nicht gespielt. Also, wir werden mit Sicherheit noch in die City gehen, auf jeden Fall."

Sprecher:
Abschleppen
ist ein Ausdruck dafür, dass man eine Frau erfolgreich erobert hat. Auch dieser Spruch hat sich in den 50er Jahren etabliert, vermutlich, weil man die Dame idealerweise nach der gelungenen Anmache mit dem Auto nach Hause fahren konnte. Normalerweise bedeutet abschleppen, einen liegengebliebenen Wagen mit einem anderen Auto, verbunden durch ein Seil, wegzuschleppen. Auch anbaggern ist ein Wort, das ursprünglich aus der Maschinenwelt kommt.

Sprecherin:
Der beste Schutz vor unliebsamer Anmache ist aber immer noch, zuhause zu bleiben. Wem das zu langweilig ist, für den gibt es noch die Möglichkeit, gut sichtbar einen Ehering am Finger zu tragen. Und außerdem: Flirten macht Spaß und ist völlig unverbindlich. Hat man keine Lust mehr, dann sagt man einfach "Tschüss", "Servus" oder "Auf Wiedersehen".


Fragen zum Text:

Wer beim Flirt eine Ablehnung erhält, bekommt...?

1. ein Patentrezept
2. einen Korb
3. den letzten Schliff

Wenn es zwischenmenschlich zu knistern beginnt, dann...?
1. geht es einem durch Mark und Bein
2. springt der Funke über
3. fristet man ein Schattendasein

Welches dieser Wörter hat dem ursprünglichen Wortsinne nach keinen technisch-maschinellen Hintergrund?
1. abschleppen
2. aufreißen
3. anbaggern


Arbeitsauftrag:
Erzählen Sie, wie die Kontaktaufnahme zwischen Mann und Frau in Ihrem Land funktioniert. Welche Konventionen sind dabei zu beachten und was sollte man unbedingt vermeiden?

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