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Afrika

Fliehende Rebellen bitten zum Interview

Die ruandische Hutu-Miliz FDLR galt bislang als die brutalste Rebellengruppe im Ost-Kongo - 16 Jahre lang terrorisierte sie die Menschen. Doch jetzt sind die Kämpfer selbst auf der Flucht vor wütenden lokalen Milizen.

Nebel hängt früh am Morgen zwischen den Bergen in der Region Masisi im Ost-Kongo. Nur langsam dringt die Sonne durch den dichten Schleier. Allmählich kriechen die Soldaten der kongolesischen Armee in ihrem Militärlager aus ihren Biwaks. Das Dorf Mweso in der Provinz Nord-Kivu ist die letzte Bastion des kongolesischen Staates - nur wenige Kilometer nördlich beginnt das Territorium der FDLR-Rebellen.

Jahrelang hatten die Rebellen der "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas" (FDLR) im Ost-Kongo vergewaltigt, geplündert und getötet. Im Dschungel hatten sie einen Staat im Staat errichtet, eine Exilregierung eingesetzt und eine Armee unterhalten.

Besuch im Rebellenterritorium

Die FDLR war Auslöser unzähliger Kriege und Konflikte zwischen den Nachbarländern Ruanda und Kongo. Erst 2009 konnten sich die beiden Regierungen einigen, gemeinsame Militäroperationen zu starten und die FDLR gemeinsam zu jagen. Mittlerweile befinden sich die Rebellen in einer misslichen Lage - deshalb haben sie zum Interview geladen.

FDLR-Sprecher Laforge Bazaye marschiert durch Kalembe (Foto: Simone Schlindwein)

FDLR-Sprecher Laforge Fils Bazaye

"Ihr könnt jetzt kommen, unsere Soldaten wissen Bescheid", schreibt FDLR-Informationsminister Laforge Fils Bazaye in einer Textnachricht. Er will der Welt berichten, wie es um die einst so mächtige Miliz jetzt steht: "Wir sind auf der Flucht", hatte er mehrfach am Telefon erklärt.

Langsam holpert der Geländewagen die Straße entlang. Am Wegrand stehen bereits FDLR-Kämpfer. Die ruandische Hutu-Miliz galt bislang als die brutalste Rebellenorganisation im Ost-Kongo. Sie formierte sich in den Flüchtlingslagern, nachdem die Täter des Völkermordes 1994 in Ruanda in den Ost-Kongo geflohen waren. Auch in der FDLR-Führungsriege tummeln sich zahlreiche Rebellen, die am Völkermord beteiligt gewesen sein sollen. 16 Jahre lang kontrollierte die FDLR ein Gebiet, das größer ist als Ruanda. In ihren stärksten Zeiten hatten die Rebellen bis zu 20.000 Mann unter Waffen.

Patronenhülsen im Sand

UN-Blauhelmsoldaten mit gepanzertem Fahrzeug auf der Straße in Richtung Kalembe im Ostkongo (Foto: Simone Schlindwein)

UN-Blauhelme kontrollieren die Straße nach Kalembe

Die FDLR hat sich in dem kleinen Dorf Kalembe zwischen den Hügeln eingenistet. Hunderte Lehmhütten klammern sich an den Hang. Unterhalb der Lehmhütten rauscht der Mweso-Fluss. Entlang des Ufers reihen sich unzählige provisorische Behausungen aus Bambusstäben und Bananenblättern. Bis Juni 2012 hausten hier tausende Flüchtlinge. Dann zogen sich die Regierungstruppen zurück, die FDLR rückte nach Kalembe vor. Jetzt wirken Flüchtlingslager und Dorf wie ausgestorben. Zahlreiche leere Patronenhülsen liegen auf dem sandigen Boden - Beweise der jüngsten vergeblichen Armeeoffensive.

FDLR-Informationsminister Laforge Fils Bazaye sitzt mit drei Kommandeuren im Gemeindezentrum, einem kahlen Raum, und trinkt Bier aus großen Flaschen. Hinter ihm hängt ein vergilbtes Jesus-Poster. Rund um das Holzgebäude stehen Kämpfer mit Kalaschnikows. Bazaye erklärt die Ziele seiner Organisation. Erstens: die ruandischen Hutu-Flüchtlinge zu beschützen, die sich seit der Zerstörung der Flüchtlingslager 1996 im Ost-Kongo aufhalten, und zweitens: "Ruandas Diktator Paul Kagame zu stürzen".

FDLR-Präsident in Deutschland vor Gericht

Die FDLR galt bis 2009 als stärkste Rebellengruppe im Ost-Kongo. Dann starteten die Armeen des Kongo und Ruandas gemeinsame Militäroperationen gegen sie. In kurzer Zeit büßte die FDLR ihre strategischen Stellungen entlang der Hauptverkehrswege ein. Tausende müde Krieger desertierten und kehrten in ihre Heimat zurück. Auch die Verhaftung ihres charismatischen Anführers demoralisierte die Rebellen.

--- DW-Grafik: Peter Steinmetz

Grenzt an Uganda und Ruanda: die Konfliktregion im Ostkongo

FDLR-Präsident Ignace Murwanashyaka und dessen Vize Straton Musoni lebten als Flüchtlinge in Deutschland - mit Asylstatus. Via Telefon und E-Mail steuerten sie den Kampf ihrer Organisation. Doch 2009 wurden die beiden FDLR-Führer verhaftet und 2011 vor Gericht gestellt. Dies hat die FDLR stark geschwächt, vor allem ihre Kampfmoral.

Doch FDLR-Sprecher Bazaye bestreitet das. Für ihn hatte die Verhaftung in Deutschland politische Gründe: "Man glaubt, wenn man den Präsidenten und dessen Vize verhaftet, könne man der FDLR den Kopf abschlagen. Dann würden alle anderen den Mut verlieren und sich ergeben. Aber das war nicht der Fall. Wir folgen ja nicht einem Individuum, sondern einem Ideal. Man kann Ignace Murwanashyaka und dessen Vize ruhig verhaften - unser Kampf wird weitergehen."

Rebellen auf der Flucht

FDLR-Kämpfer im Dorf Kalembe im Ostkongo (Foto: Simone Schlindwein)

FDLR-Kämpfer in Kalembe

Dennoch: Nach verstärktem Kampf sieht es bei der FDLR derzeit nicht aus. Bazaye erzählt, er zelte jetzt rund drei Tage Fußmarsch von Kalembe entfernt gen Nordwesten, im Dorf Maniema. Dorthin hätten sich die hohen Kommandeure und ihre Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht, insgesamt mehrere tausend Menschen. "Unsere Lage ist katastrophal". Die lokale Miliz Raia Mutomboki, die ursprünglich in Süd-Kivu entstand und jetzt an immer mehr Orten auftaucht, habe "in den vergangenen Monaten bis zu 1000 unserer Angehörigen ermordet".

Andere lokale Milizen sollen in den FDLR-Hauptquartieren im Distrikt Walikale mehrere hohe FDLR-Kommandeure umgebracht haben. Hinter diesen Attacken vermutet Bazaye die ruandische Regierung. Dies habe die FDLR-Führung dazu bewogen, ihre Hauptquartiere zu verlassen, um sich selbst und ihre Angehörigen in Sicherheit zu bringen. "Wir flüchten permanent in verschiedene Richtungen und immer wieder sind uns die Milizen auf den Fersen", sagt er. Es scheint, als würde die FDLR nun selbst zum Opfer - zum Opfer verärgerter Kongolesen.

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