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Asien

Fliehen - aber wohin nur?

Tsunami, Erdbeben und Atomkatastrophe in Japan haben zahllose Menschen heimatlos gemacht. Hunderttausende warten in provisorischen Unterkünften auf eine ungewisse Zukunft. Shigeru Maeda aus Fukushima ist einer von ihnen.

Mittagessen für Evakuierte(Foto: Silke Ballweg, DW)

Mittagessen für Evakuierte

Als am 11. März die Erde zu Beben anfing, war Shigeru Maeda in der Küche seines kleinen Nudel-Restaurants. Die letzten Kunden waren nach dem Mittagessen gerade gegangen und Maeda machte für sich und seine Familie Mittagessen. Am Anfang sei das Erdbeben nicht so schlimm gewesen, erinnert er sich. Deswegen habe er sich auch nichts dabei gedacht.

Shigeru Maeda (l.) und Silke Ballweg (Foto: Silke Ballweg, DW)

Shigeru Maeda lebte nur drei Kilometer von Fukushima entfernt

Aber dann wurde es immer stärker und es schien auch gar nicht mehr aufzuhören: „Ich hatte einen großen Topf mit heißem Öl auf dem Herd, das war ungefähr 200 Grad heißt, weil wir Tempura frittieren wollten, und der Topf wackelte immer stärker. Ich wollte ihn festhalten, aber es ging nicht, und das heiße Öl hat mir Angst gemacht. Ich bin dann schnell vom Herd weg und da ist der Topf auch schon auf den Boden gekracht, mit all dem Öl, aber Gott sei Dank hat es nicht angefangen zu brennen.“

Am Abend, Maeda und alle anderen Dorfbewohner hatten gerade in der örtlichen Schule Unterschlupf gesucht, da hörten sie die ersten Gerüchte. Im Atomkraftwerk habe es einen Unfall gegeben, hieß es, doch niemand wusste etwas Genaues. Gerade einmal drei Kilometer ist Maedas Dorf Futabacho von den Reaktoren entfernt, es liegt direkt hinter den Meilern.

Odyssee durch die Notunterkünfte

Jetzt steht der 66-Jährige an die Brüstung eines silbernen Metall-Geländers gelehnt. Hinter und über ihm der gewaltige und kalt wirkende Betonklotz der sogenannten Super Arena, des großen Sportstadions in der Stadt Saitama in der Nähe von Tokyo. Shigeru Maeda ist ein hagerer Mann. Er wirkt gütig. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit seinen Enkelkindern scherzt, lacht und spielt. Doch inmitten der modernen Architektur erscheint er nun verloren und sehr klein.

Seit einigen Tagen ist er mit rund 2000 anderen Evakuierten hier in Saitama untergebracht. Während der vergangenen drei Wochen musste er eine wahre Odyssee hinter sich bringen. Denn jedes Mal, wenn die Evakuierungszone ausgeweitet wurde, fuhr man ihn schnell an einen neuen Ort. „Am Anfang war es sehr schlimm, weil wir kein Essen hatten, es gab nur ein Reisbällchen am Tag, oder mal ein Stück Toast, aber sonst nichts“, erzählt er. „Es gab niemanden, der sich um uns kümmerte, und wir hatten keine Futons, auf die wir uns legen konnten. Zum Schlafen hatten wir nur ein paar Pappkartons.“

In Saitama ist es nun endlich besser. Vor der Eingangshalle der Sportarena ist eine Art kostenloser Flohmarkt aufgebaut. Dort können sich die Evakuierten aus Fukushima mit all dem versorgen, was für sie gespendet wurde. Auf dem Boden ordentlich aufgereiht mehrere Pappkisten. Darin Kleidung, Spielzeug Plastikbecher oder Handtücher. Kleine rote und blaue Gummistiefel stehen daneben.

Leben mit provisorischen Mitteln

Der kleine Flohmarkt von Saitama (Foto: Silke Ballweg, DW)

Der Flohmarkt von Saitama

Weil es für die 2000 Evakuierten nicht genügend Geschirr gibt, schneiden einige Männer kleine Pappschachteln zurecht und kleiden den Boden mit Zeitungspapier aus. Zur Mittagszeit stehen nun alle im Eingangsbereich der Sportarena mit einer Schachtel in der Hand in einer langen Schlange.

Rechts und links entlang der Wände sind Tische mit Essen und Trinken aufgebaut. Mit der Schachtel im Arm ziehen die Evakuierten an den Tischen entlang und legen in ihre Pappschachtel, was immer sie wollen. Plastikflaschen mit grünem Tee, Brötchen, Schokolade, Tofu oder Frankfurter Würstchen. Am Ende der Tische warten ältere Japanerinnen mit einer Flasche Ketchup in der Hand, wer will, bekommt einen Klecks für die Würstchen.

Welle der Solidarität

Japan steckt wegen des Unfalls in Fukushima in einer dramatischen Krise: Doch die Evakuierten hier erfahren von der Bevölkerung eine Welle der Solidarität. Allein in Saitama melden sich jeden Tag rund 1000 Freiwillige, um mitzuhelfen. Wer nicht gebraucht, wird, lässt sich etwas einfallen: zwei Frauen halten Schilder hoch und bieten Haarwäsche und Maniküre an, andere verschenken kleine Blumensträuße in der Hoffnung, den Evakuierten eine kleine Freude machen zu können. Zwei Akrobaten unterhalten auf einem sonnigen Platz Erwachsene wie Kinder.

Auch Shigeru Maeda ist dankbar für die Hilfe. Aber zum Lachen ist ihm dennoch nicht zumute. Seine Gedanken wandern immer wieder nach Futabacho zurück. Die Vorstellung, dass er sein Zuhause mit all den Dingen, die ihm lieb und teuer sind, möglicherweise nie mehr sehen wird – man sieht, wie sehr ihn das schmerzt: „Wenn ich ein Auto hätte, dann würde ich jetzt heimfahren, auch wenn es da Strahlung gibt. Ich fühle mich, als wenn am 11. März meine Zeit stehen geblieben wäre. Ich habe nie gedacht, dass so etwas einmal passieren kann, und jetzt darf ich wohl nie mehr in mein Haus zurück."

Sorgen und Ungewissheit

Die Kühe im Stall seines Nachbarn, eines Bauern, haben seit Tagen nichts zu fressen, fügt er hinzu. „ Wir alle fragen uns natürlich, wie es wohl bei uns zuhause aussieht, wie es unseren Haustieren geht.“

Aus seinem alten Leben besitzt Shigeru Maeda nichts mehr. Keine Kleidung, keine Fotos. Nichts. Nun lebt er mit den Dingen, die andere ihm schenken. Und er hat keine Vorstellung, wie es weitergehen soll. Er habe einige Freunde oder Verwandte, zu denen er ziehen könnte, überlegt er. „Aber die Stadt Saitama sagt, wer jetzt geht, kann später nicht noch einmal Hilfe beanspruchen. Das macht es schwierig, eine Entscheidung zu fällen. Ich bin 66 Jahre alt, es wird schwer, noch einmal Arbeit zu finden. Wenn ich hier bleibe, dann kann ich immerhin essen und schlafen, obwohl es auch schlimm ist, auf andere angewiesen zu sein. Aber es ist auch schwer, noch einmal ganz neu anzufangen.“

Autorin: Silke Ballweg
Redaktion: Martin Muno

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