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Kultur

Flieger in den Club

Die tanzwütige Weltjugend liebt Berlin. Hier gibt es Clubs, von denen man sich weltweit erzählt. Am Wochenende strömen Clubtouristen zu Tausenden in die Stadt und leben ein Berlin, das es ohne sie gar nicht geben würde.

Der Berliner Club Voltage (Foto: Victor Weitz)

Früher waren SIE die Highlights jedes Berlintouristen: das Brandenburger Tor, die Museumsinsel oder die ehemalige Berliner Mauer. Doch seitdem mehr als die Hälfte der Besucher, die alljährlich die Hauptstadt besuchen, unter 40 sind, ein Drittel gar jünger als 30 ist, hat sich das komplett gewandelt. Seitdem heißen die Berliner Attraktionen "Berghain", "Watergate", "Bar 25", "WMF" oder "Weekend". In diesen Clubs legen die teuersten, berühmtesten und besten DJ’s aus aller Welt ihre Platten auf und ziehen wie ein riesiger Magnet jedes Wochenende etwa 15.000 Gäste aus aller Welt an.

Feiern zu 20 Jahre Mauerfall vor dem Brandenburger Tor in Berlin im November 2009 (Foto: dpa)

Tor allein war gestern...

Sie kommen extra nach Berlin um sich der nächtlichen Subkultur des Ausgehens hinzugeben. Sie landen mit Billigfliegern um sich nach dem Check-Out sofort in die Schlangen vor den weltberühmten Clubs einzureihen. Studenten, Schüler, junge Angestellte und Arbeiter stehen brav in einer mehr als hundert Meter langen Reihe, um sich am Ende überall auf dem Globus erzählen zu können man wäre in einem der exklusivsten Clubs der Welt gewesen. Im Berghain zum Beispiel in Berlin-Friedrichshain, einem ehemaligen Heizkraftwerk. Wo noch vor 20 Jahren hart geschuftet wurde, wird jetzt bis zum Abwinken unter dröhnenden Bässen gefeiert. Mehr als zwei Drittel aller Besucher kommen aus dem europäischen Ausland, Israel oder aus Übersee.

Illegal war heiß

Ein britisches Musik-Magazin erklärte, dass von den aktuell 100 weltweit besten Clubs, allein 10 in Berlin zu finden seien. Seit der Jahrtausendwende hat sich Berlin zunehmend internationalisiert – vor allem auch durch die Clubs. "Das ist das, was die Stadt voranbringt, das ist das, was die Stadt verändert hat", betont Tobias Rapp, Autor und Popkulturbeauftragter des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Er hat Berlins Aufstieg zur Clubmetropole von den ersten Tagen an mit verfolgt, vor fast genau 20 Jahren.

Im Techno-Club Berghain in Berlin (Foto: dpa)

...heute kommen die Touristen auch oder nur wegen Clubs wie dem "Berghain"

Nach dem Mauerfall entdeckte die Jugend das anarchisch daliegende Ost-Berlin. Sie stieg in dunkle zugemauerte Keller ein, besetzte geheimnisvolle Häuser oder nahm Besitz von monströsen Fabrikruinen. Man stellte ein paar Kästen Bier hin, sagte seinen Freunden Bescheid, und feierte. Spektakuläre Orte gab es dafür in Berlin genug, erzählt Thomas Andrezak alias DJ Tanith, einer der Partypioniere dieser Zeit. Er kam 1987 aus Wiesbaden nach Berlin. Er war es, der den berühmten Technotempel "Tresor", die ehemalige unterirdische Stahlkammer des früheren Wertheim-Kaufhauses, mit entdeckt und zu einem weltberühmten Club gemacht hat.

Abenteuerland für Partyentdecker

"Es war schon so Abenteuerland mäßig. Man ist hingegangen und wusste nicht, was sich dahinter verbirgt", sagt er, "als wir den Tresor gefunden hatten, lagen da noch alte russische Reiseplakate aus den 60er Jahren rum, weil es in der DDR ein Diplomatenreisebüro gewesen war. Es sah so aus, als ob es Jahrzehnte nicht mehr genutzt worden sei." Das Schlüsselwort lautete damals: illegal. Keiner kümmerte sich um Vorschriften, Gesetze, Lizenzen oder Eigentumsverhältnisse. Doch illegal meinte nichts Verbotenes sondern war der Begriff einer eigenen Ästhetik.

Eingang zum Szene-Club Berghain im Berliner Stadtteil Friedrichshain (Foto: dpa)

Ein bisschen illegal sieht das "Berghain" ja noch aus...ist es aber nicht mehr

In besetzten Räumen wurden neue Ideen ausprobiert. Kunst, Musik, Mode und Design gingen eine Symbiose ein – die Underground-Avantgarde der 90er Jahre entstand. Man habe sich einen Experimentierraum eröffnet, betont DJ Tanith. "Illegal war ein Begriff für Freiräume nutzen, um die sich auch keiner gekümmert hat." Techno war der Soundtrack des Mauerfalls, der nachts in den illegalen, mit Stroboskopblitzen erfüllten und nach Schweiß riechenden Clubs gespielt wurde. Spätestens Ende der 90er Jahre war es aber vorbei mit der wilden Zeit, dem legendären Coolness Trip. Die alten Gebäude wurden von den Eigentümern teuer verkauft und verloren damit ihren Charme.

Wild und frei ist längst vorbei

Die Marketingabteilungen großer Unternehmen begriffen, dass man mit dem kreativen Potential der Clubs viel Geld verdienen kann. Das Berliner Nachtleben ist mit einem Umsatz von etwa 180 Millionen Euro und etwa 10.000 Beschäftigten mittlerweile zu einem immens wichtigen Standortfaktor geworden, der noch an Bedeutung zunimmt. So rechnet die Berliner Investitionsbank mit bis zu 20.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren und einem konstanten Wachstum von 3 bis 3,5 Prozent.

Mitarbeiterin einer Werbeagentur posiert mit Lächeln vor dem Berliner Fernsehturm (Foto: dpa)

Freundlich, offen, Berlin - so präsentiert sich die Stadt

Ein Wachstum trotz Gängelung durch Berliner Ämter und Berliner Lokalpolitiker, erzählen die Clubbetreiber. Lange waren sie nicht gewollt, mittlerweile hat man begriffen, dass das Nachtleben ein wahres Juwel und eine einzigartige Chance für die Stadt Berlin ist. Heute wird es stolz unter dem Stichwort "Creative Industry" in den Berliner Imagebroschüren beworben. Heute läuft das Nachtleben in Berlin zwar viel gesittter ab, dennoch ist Berlin unter den Nachtschwärmern Europas immer noch eine der attraktivsten Städte. Das bestätigt auch der Autor Tobias Rapp.

Tourismus á la Berlin

"Viele der Easyjetraver die nach Berlin geflogen kommen, haben mehr Ahnung vom Nachtleben als die Berliner", sagt er, sie haben größeren Respekt für die Musik als die Berliner. Es kommen diese ganzen Leute aus dem Rest von Europa hierher, weil sie ein bestimmtes Berlinbild im Kopf haben. Und das möchten sie gerne erfüllt sehen. Aber sie erfüllen es, indem sie es selber feiern. Sie sind Berlin, auch wenn sie keine Deutschen sind.“

So ist aus Berlin, einer einst urdeutschen Stadt, eine internationale Metropole geworden. Berlin ist nicht mehr nur die Mauerstadt oder die Stadt des Nationalsozialismus, sondern sie ist auch das Ziel der Tanzbegeisterten, für die es hunderte kleiner Clubs gibt. Und dieser Tourismus ist kein simples Massenphänomen. Er hat etwas mit der Suche des Einzelnen nach dem Besonderen zu tun. Darin scheint Berlin der Vorreiter zu sein: Für eine neue europäische Tourismusgeografie, in der sich jeder das heraus greift, das für ihn attraktiv ist.

Autor: Christoph Richter

Redaktion: Marlis Schaum

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