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Europa

Fließende Langsamkeit im Spreewald

Ein Geheimtipp ist der Spreewald schon lange nicht mehr. Seit der Wende hat sich die Anzahl der Touristen in Europas einmaliger Flusslandschaft vervierfacht. Und trotzdem ist die Einsamkeit hier noch zu finden.

Natur mit Wasser (Foto: Nadine Wojcik)

18.000 Tierarten sind hier Zuhause

Summen, Plätschern, Zirpen - im Spreewald hat die Natur ihre eigene Melodie. Wie Adern durchziehen die rund 300 Flüsschen und natürlichen Kanäle das Sumpfgebiet, vorbei an einem Dickicht aus schilfbewachsenen Ufern, Eschen und Erlen. Über 18.000 Tierarten wuseln, kriechen und flattern durch dieses Biotop, auch bedrohte Tierarten wie Fischotter oder Schwarzstörche.

Fließende Spreewald-Langsamkeit

Auch wenn die Anzahl der Touristen stark gestiegen ist, ist von Reisestress nichts zu spüren. Der Spreewaldtourist muss sich weiterhin der fließenden Spreewald-Langsamkeit anpassen. In dem Biosphärenreservat sind motorbetriebene Boote verboten. Stattdessen schwimmen traditionelle Holzkähne durch die Kanäle. Die Touristen-Kähne sind knapp zehn Meter lang.

Menschen auf einem Kahn (Foto: Nadine Wojcik)

Reisegruppen genießen die Ruhe



In einem verteilt sich eine 30 Mann starke niederländische Reisegruppe. Ein Kahnfahrer, der Spreewälder Volker Buchan, schippert die Besucher durch das grünbräunliche Wasser. Er benutzt dabei ein so genanntes Rudel – eine etwa vier Meter lange Ruderstange aus Holz. Die fließende Langsamkeit färbt auf die zuvor etwas aufgedrehten niederländischen Besucher ab. "Es ist so ruhig hier", sagt eine Touristin, die entspannt auf der hinteren Bank des Kahns Platz genommen hat.

Schwimmende Post

Nach dem satten Grün an den Ufern tauchen die ersten Häuschen des Spreewalddorfs Lehde auf. Dem Touristenkahn kommt ein gelbes Boot entgegen. "Das ist unsere Postbotin", erklärt Volker Buchan den Niederländer, die wie auf Kommando ihre Köpfe nach links drehen und Fotos von der schippernden Postbotin Jutta Pudenz schießen.

Eine Postbotin fährt auf einem Kahn (Foto: Nadine Wojcik)

Ungewöhnlicher Arbeitsplatz: das Wasser

In Lehde ist ein Großteil der Häuser nur auf dem Wasserweg erreichbar. Wie die Postbotin sind hier auch die Müllabfuhr und die Feuerwehr per Kahn unterwegs. Acht Kilometer legt Jutta Pudenz jeden Tag auf dem Wasser zurück. "Wenn die Pflanzen andere wären, könnte man denken, man wäre im Dschungel", sagt die Postbotin, die schon seit 18 Jahren im Spreewald arbeitet.

Geschütztes Gemüse: Spreewälder Gurken

Seit der Steinzeit haben Menschen im Spreewald gelebt und gelernt, mit den Besonderheiten der Sumpflandschaft zurecht zu kommen. Dazu gehört auch die landwirtschaftliche Nutzung: aufgrund der Mengen an Wasser ein durchaus fruchtbares Unterfangen. In kaum einem Landstrich in Deutschland werden so viele Gurken angebaut und geerntet wie hier. Auch sie haben das Biosphärenreservat berühmt gemacht: eingelegt und konserviert als Spreewälder Gurken.

Eines der zahlreichen Konservenunternehmen führt die Familie Belaschk seit 1880. Nach altem Familienrezept legt sie das grüne Gemüse als Gewürz-, Senf- oder Salz-Dill-Gurke ein. 60 Mitarbeiter stehen hier an den Konservenmaschinen, im Sommer und Herbst kommen weitere 50 hinzu. Die Gurke hat überlebt - trotz der Planwirtschaft der DDR und der späteren Umstellung auf die Marktwirtschaft. Seit 1999 sind die Spreewälder Gurken von der EU als regionales Produkt anerkannt und somit vor Plagiaten geschützt. "Jede Firma hat ihre eigene Rezeptur", sagt Heidemarie Belaschk. "Wir legen unsere Gurken besonders kräftig und würzig ein."

Leere Einmachgläser laufen über die Fabrikbänder und werden von Maschinen mit den Gurken gefüllt. Für Heidemarie Belaschk sind sie mehr als nur Geschäftsgrundlage: "Es gibt Forschungen, die ergeben haben, dass man mit dem Spreewald die Kahnfahrt und die Gurken verbindet, dann letztendlich noch die Heuschober, aber die Gurke steht an zweiter Stelle."

Nach Sonnenuntergang im Spreewald

Kähne auf einem Wasser (Foto: Nadine Wojcik)

Idylle trotz Touristenboom



Die Einzigartigkeit des Spreewalds zieht immer mehr Touristen an - und dennoch ist es selbst in den Touristenzentren wie Lübbenau oder Burg gar nicht schwer, die Flusslandschaft pur zu genießen. Denn der Großteil der Besucher aus ganz Europa kommt nur für einen Tag. Und wenn mit Sonnenuntergang die letzten Reisebusse wieder abgefahren sind, lohnt es sich in ein Paddelboot zu steigen. Dann hat man es ganz für sich allein - das zeitlose Fließen des Spreewalds.


Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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