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Wissen & Umwelt

Flickschusterei am Leben

Die Evolution plant nicht. Sie hat kein Ziel und schafft deshalb keine perfekten Lösungen. Stattdessen improvisiert sie so lange herum, bis alles irgendwie funktioniert. Rückenschmerzen inklusive.

Menschliche Wirbelsäule (Foto: Illuscope)

Sind Menschen nur aufgerüstete Fische?

Majestätisch gleitet der gewaltige Vogel mit einer Spannweite von über zwei Metern durch die Lüfte. Aber irgendwann geht auch der schönste Flug zu Ende. Der Albatros muss landen. Er sucht sich eine schöne Stelle aus, und es geht abwärts. Doch sobald der König der Lüfte den Boden erreicht, wird er zum Tollpatsch, überschlägt sich und knallt unsanft auf den Boden. Warum hat sich die Natur für diesen genialen Flieger keine vernünftige Landetechnik ausgedacht?

Ganz einfach: Weil es nicht nötig ist, elegant zu landen. Hauptsache der Vogel übersteht die Prozedur und trägt keine ernsthaften Verletzungen davon. Das reicht, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Für die Verbreitung und Weiterentwicklung der Gene ist das genug. Perfektion ist unnötiger Luxus, den die Evolution nicht belohnt.

Galapagos-Albatross (Foto: AP)

In der Luft ein faszinierender Akrobat, am Boden eher tollpatschig. Bei Albatrossen geizte die Evolution

Evolutions-Desaster menschliches Auge

Ein anders Beispiel ist das menschliche Auge. Ein guter Designer hätte es völlig anders konstruiert. "Kein Kamerakonstrukteur würde so etwas bauen", erklärte der Londoner Evolutionsbiologe Steve Jones jüngst bei einem Vortrag an der Kölner Universität. Damit das Licht auf die Netzhaut fällt, muss es durch ein Gewirr von Blutgefäßen und Nervenzellen hindurch.

"Das sieht nicht nur aus wie Pfusch am Bau, das ist eine absolute Fehlkonstruktion. Schöpfer durchgefallen", ruft der Londoner Professor in den Hörsaal und hat die Lacher auf seiner Seite. Um dennoch ein gutes Bild unserer Umwelt zu erhalten, muss das Gehirn nachsitzen. Die Aufgabe der Sehrinde im Hinterkopf besteht darin, die unzureichenden Signale aus dem Auge kräftig nachzubearbeiten.

Schuld an dieser Flickschusterei ist die Entstehung des Auges aus bestimmten Zellen des Gehirns. Dass es auch anders geht, nämlich aus Hautzellen, beweisen die Augen des Oktopus, die unabhängig vom Wirbeltierauge in der Evolution entstanden sind. Die achtarmigen Kraken blicken ohne Störung hinaus ins Wasser.

Menschliches Auge (Foto: BilderBox)

Konstruktionsfehler Menschen-Auge

Pfusch am Bau ...

Auch der männliche Hoden, wie ihn viele männliche Säugetiere mit sich herumtragen, ist eher eine Behelfskonstruktion als eine geniale Erfindung der Natur. Da verbraucht der Körper reichlich Energie, um die eigene Temperatur bei 37 Grad Celsius zu halten und muss dann feststellen, dass das für die Entwicklung und Frischhaltung von Spermien zu warm ist. Die improvisierte Lösung ist bekannt. Ein freischwingender Hodensack unter dem Körper verschafft den Spermien die nötige Frische, den männlichen Säugetieren aber eine äußerst empfindlich Stelle.

In seinem Buch "Der Fisch in uns" vergleicht der Paläontologe Neil Shubin von der Universität Chicago die Evolution mit einer Autofabrik ohne Konstruktionsabteilung. Begonnen hat man mit einem VW-Käfer, der in den dreißiger Jahren alles hatte, was ein Volkswagen so brauchte. Dann forderten die Kunden ständig Neuerungen, doch statt ein neues Auto zu entwerfen, rüstet man das alte Modell immer weiter auf und erhält einen getunten Käfer mit allerlei Schnickschnack, aber kein wirklich modernes Auto.

Nahaufnahme Kraken-Auge (Foto: dpa)

Wie der Mensch besitzen auch Kraken Linsenaugen. Nur sehr viel bessere - ohne blinden Fleck.

Ganz ähnlich hat die Natur uns Menschen geschaffen, so Neil Shubin: "Man nehme den Körperbau eines Fisches, rüste ihn zu einem Säugetier auf und ändere dann die Konstruktion so lange, bis es auf zwei Beinen geht, redet, denkt und über eine ausgezeichnete Fingerfertigkeit verfügt - schon sind die Probleme vorprogrammiert."

"Der Fisch in uns" wird immer wieder zum Stolperstein. Kein Wunder, denn die Wirbelsäule, die zum Schwimmen ideal ist, musste zum Laufen erheblich umgebaut werden, und zum Sitzen am Schreibtisch ist sie im Grunde absolut ungeeignet. Die Folge: Rückenschmerzen. "In einer Welt ohne Vergangenheit blieben uns viele Leiden erspart", resümiert Neil Shubin: "Es gäbe keinen Krebs und keine Hämorrhoiden."

Autor: Michael Lange

Redaktion: Judith Hartl