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Globale Zusammenarbeit

Flexibilität ist der Schlüssel

Mit "beschleunigtem Lernen und flexiblem Angebot" will Kolumbien Millenniumsziel Nummer 2 erreichen. 2015 sollen alle Kinder die Grundschule besuchen können - trotz Armut, Gewalt und ländlicher Unterentwicklung.

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Stolz zeigen die Kinder ihr Zeugnis; in Kolumbien gehen inzwischen über 90 Prozent zur Schule

Ana María lernt ihre ersten Buchstaben und Zahlen. Heute soll sie ihr Zuhause, ihre Familie und ihr Haustier zeichnen. Sie ist elf Jahre alt und liegt somit fünf Jahre über dem altersüblichen Durchschnitt und hinter dem kolumbianischen Lehrplan. Ihre Lehrerin, Martha Lucia Arrubla hat sie schon drei Mal aus dem Rotlichtviertel von Pereira geholt, der Regionalhauptstadt einer Kaffeeanbauregion. Hier ging Ana María seit ihrem achten Lebensjahr der Prostitution nach - drei Jahre lang, bevor sie überhaupt das erste Mal eine Schule zu Gesicht bekam.

Porträt der Lehrerin Martha Lucia Arrubla

Martha Lucia Arrubla ist Lehrerin in dem Projekt "Beschleunigte Bildung"

Anas Zeichnung ist fertig, aber sie zeigt weder ein Zuhause, noch eine Familie oder ein Haustier. Man sieht nur sie selbst mit einem Stift. Diese Malaufgaben haben zum Ziel, Werte und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Heim, einer Familie und dem Lebensumfeld zu vermitteln und zu stärken. Ana María hat dies alles nicht. Sie ist die einzige Tochter ihrer Mutter, die sie verließ, als Ana fünf Jahre alt war. Mit sechs musste das Mädchen vor der Bedrohung durch Guerilla und Paramilitärs fliehen. Allein in einer weit entfernten Stadt wurde sie von einer Frau in die Prostitution getrieben, die sich durch sie gute Einkünfte versprach.

Ohne Bildung und Zuhause

Die Lehrerin Arrubla holte Ana in die Risaralda-Schule. Ein flexibles Schulprogramm mit dem Namen "Aceleración del Aprendizaje", "Beschleunigte Bildung", gibt Schulabbrechern und Kindern, die nie eine Schule besucht haben, eine zweite Chance. Viele der Kinder haben kein Zuhause, gehören zu sozialen Randgruppen, leben von der Prostitution oder rutschen in die Kleinkriminalität ab.

Das Modell "Aceleración del Aprendizaje" verfolgt die gleichen Standards wie das kolumbianische Schulsystem, das regulär fünf Jahre Grundschule vorsieht. Aber hier können die Schüler in interdisziplinären Modulen den Lehrstoff in nur zwei Jahren erlernen. Die Idee dahinter ist, dass die Kinder wieder an sich glauben und emotionale und arbeitsrelevante Fähigkeiten entwickeln.

In den vergangenen fünf Jahren haben 2500 Schüler von diesem Programm profitiert. Die Lehrerin Arrubla lächelt stolz, als sie erzählt, dass weniger als ein Prozent ihrer Schüler das Programm vorzeitig abbrechen und dass dieses Modell bereits von der Schweiz, Großbritannien und Spanien kopiert wurde.

"Unterricht menschlicher machen"

Bildungsministerin Cecilia María Vélez hinter Mikrofon

Cecilia María Vélez will "Bildung menschlicher machen"

Im kolumbianischen Bildungsministerium werden von der Ministerin María Cecilia Vélez White stetig neue Strategien entwickelt, um die "Bildung menschlicher zu machen", wie sie sagt, und den Zugang zum herkömmlichen Bildungssystem zu erweitern. "Eine allumfassende Aufgabe", meint Vélez White, vor allem unter den gegebenen Umständen. Armut, Gewalt und weit auseinander liegende Regionen erschweren die Arbeit.

Das Modell "Aceleración del Aprendizaje" ist Teil der Regierungsstrategie, bis 2015 eine flächendeckende Schulbildung für alle zu erreichen - und damit auch das Millenniumsziel Nummer 2. "Politik und flexible Bildungsmethoden" nennt sich das Programm, das alle Ebenen des Bildungswesens umfasst.

Passend zum Tag des Lehrers hat Bildungsministerin Vélez White am 15. Mai 2010 den Arbeitsbericht "Arbeit, Fakten und Herz. Kolumbien 2002 - 2010" vorgestellt. Demzufolge profitierten über 300.000 Schüler von dem neuen Bildungsprogramm, das in Kooperation mit dem kolumbianischen Familienwohlfahrtsinstitut in mittlerweile 904 Gemeinden angeboten wird.

Unterstützung nur bei Schulbesuch

Das Bildungsangebot für die Grund- und weiterführenden Schulen gilt derzeit für alle kolumbianischen Kinder im Alter von fünf bis sechzehn Jahren. Eine weitere Errungenschaft der kolumbianischen Bildungspolitik ist der Zuwachs von Schülern mit mittlerem Schulabschluss.

Der kolumbianische Staat hat bisher etwa 90 Millionen Euro für das Programm ausgegeben - und damit über 5,3 Millionen Schüler aus finanzschwachen Familien erreicht. Mit dem Programm "Familien in Aktion", das sich an vertriebene Familien richtet, kamen weitere 2,9 Millionen Menschen hinzu. Sie sind verpflichtet, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Nur dann erhalten sie Unterstützung vom Staat.

Das Archivbild zeigt Guerillas der marxistischen Rebellenorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC),

Viele Menschen werden von der Guerilla aus ihren Häusern vertrieben

José Miguel Barreto ist Sozialwissenschaftler und Beauftragter für Lateinamerika bei der Millenniumskampagne der Vereinten Nationen. Für ihn hat Kolumbien das zweite Millennium-Entwicklungsziel, Grundschulbildung für alle, bereits erreicht. Auch die Arbeit mit Kindern im Vorschulalter - um sie auf die Grundschule vorzubereiten - findet er sehr positiv und gut durchdacht.

Erreichte Ziele und bevorstehende Herausforderungen

In der mittleren Bildung sieht Barreto allerdings die "schwierigste Herausforderung für Kolumbien, wenn die in den Millenniumszielen angestrebten 93 Prozent erreicht werden sollen". Der Erfolg wird durch die vielen Schulabbrecher getrübt, bedingt durch Armut, Gewalt oder abgeschiedene Wohnorte. Trotz allem hat das Land nach Ansicht von Barreto grundsätzlich den richtigen Weg eingeschlagen, da die Methoden an die Bedürfnisse der jungen Leute angepasst werden.

Der Satz, der bezeichnend für das nationale Bildungsministerium war, als es dem Land gegenüber Rechenschaft ablegte, hieß: "Revolution der Bildung bedeutet: Talente für das Land!" Das Fazit des Berichts kurz zusammengefasst: "Wie erreichen wir die Millenniumsziele bis 2015? Sehr gut, danke!"

Autor: Lewis Acuña
Redaktion: José Ospina-Valencia