Flesh Tunnel - Ein Loch im Ohr, so groß, dass man hindurch schauen kann | Wissen & Umwelt | DW | 13.02.2018
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Wissen & Umwelt

Flesh Tunnel - Ein Loch im Ohr, so groß, dass man hindurch schauen kann

Diesen Trend gibt es schon seit einigen Jahren: Das Ohrloch wird Stück für Stück so sehr geweitet, dass irgendwann auch ein Golfball hindurch passen könnte. Eigentlich keine große Sache, wenn man's richtig macht.

Der eisige Wind fegt über die Stadt, hier und da tanzt eine vereinzelte Schneeflocke in den Böen mit. Mein Blick ist starr auf mein Handy gerichtet. Auf dem Display ist eine Karte des Berliner Nollendorfplatzes und der umliegenden Straßen abgebildet. Ich laufe los. Mein Ziel: Das Titanen Piercingstudio in der Motzstraße. Ich möchte nämlich wissen, was es mit den sogenannten Flesh Tunnels auf sich hat.

Flesh Tunnels oder Fleischtunnel zu Deutsch, nennen sich diese großen Löcher im Ohrläppchen, mit denen man heutzutage ziemlich viele Menschen herumlaufen sieht. Das Ohrloch wird dabei so weit aufgedehnt und von einem Ring aufgehalten, dass man teilweise schon hindurch gucken kann.

Das weiße Piercingstudio

Eingerahmt von bräunlichen Fliesen zieht das Schaufenster des Studios sofort meinen Blick auf sich. Genau in der Mitte thront auf einem weißen Regal der Plastikkopf einer Schaufensterpuppe, darunter sorgfältig aneinandergereiht und nach Farben sortiert, hunderte von verschiedenen Piercings. Einige sind kunterbunt und aus Plastik, andere aus Glas, Gold oder Silber. Wieder andere scheinen aus Holz und Bernstein zu sein. Für welche Körperteile sie bestimmt sind, weiß ich nicht.

TITANEN Piercingatelier in Berlin

So steril wie bei Brian sollte es in einem Piercingatelier aussehen, wie beim Zahnarzt :-)

Leicht nervös, weil noch nie in einem Piercingstudio, steige ich die wenigen Stufen zum Eingang hoch. Als ich den Laden betrete, blicken mir zwei Männer interessiert entgegen. Den einen schätze ich auf Mitte zwanzig, mit rotem Bart, Tattoos und großen Löchern in den Ohren. Der andere ist hochgewachsen, vielleicht Mitte dreißig, trägt eine Brille, hat einen langen, mit Grau durchzogenen Bart und noch längere dunkle Haare, die in einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Auch er hat mehrere Piercings in Gesicht und Ohren. "Brian?" frage ich. Der größere der beiden Männer nickt: "Das bin ich". In seiner Stimme schwingt ganz leicht ein amerikanischer Akzent mit.

Das Studio ist, man kann es nicht anders beschreiben, weiß. Im hellen Eingangsbereich stehen vereinzelt Glasvitrinen, in denen man noch mehr Schmuckstücke betrachten kann. Dort liegen Tunnel aus Titan, Holz und Stahl. Einige sind mit kleinen Edelsteinen besetzt und glitzern im Licht der Vitrine. An den Wänden hängen ein paar Poster, die alle etwas mit Piercings und Tattoos zu tun haben. Wir nehmen auf einem hellgrauen Ledersofa Platz.

Flesh Tunnel oder Plugs? Ja, es gibt einen Unterschied

Seit den 90er Jahren ist Brian schon Piercer. Damals, in Amerika, wollte er eigentlich Tätowierer werden, erzählt er mir, doch trotz Ausbildung ist er dann beim Piercen geblieben. Und seit fast sieben Jahren ist er nun in Berlin. Während er redet, streicht er sich immer wieder über den langen Bart. Ich betrachte ihn verstohlen. Von der Seite sieht man das Loch im Knorpel zwischen seinen Nasenlöchern, genau da, wo mal ein Septum - ein Nasenring - war. Auch seine Ohren sind mehrfach durchstochen.

Von meiner Position aus kann ich nur sein linkes Ohr sehen: Heute trägt er keinen Tunnel, sondern einen sogenannten Plug. Als ich ihn danach frage schmunzelt Brian über meine Unwissenheit: "Naja, das ist wie ein Tunnel, nur dass das Loch geschlossen ist". Mit den Fingern streicht er über den schwarzen Plug. Sieht fast aus wie ein großer Knopf, denke ich.

Das Loch in Brians Ohr ist mittlerweile 26 Millimeter weit. Mindestens zwei Jahre dauert das bis man ein so großes Loch hat. Und da dürfen dann auch keine Infektionen oder andere Probleme dazwischenkommen, erklärt er. Die meisten Leute verstünden gar nicht, dass ein Flesh Tunnel viel Zeit und Geduld braucht: "Die Leute kommen in den Laden und wollen sofort einen Flesh Tunnel. Dass das aber mehrere Monate dauert, können sich viele nicht vorstellen".

Brian Jenne (titanen-piercing/Brian Jenne)

Brians Ohrloch ist mittlerweile 26 Millimeter weit. Bis es soweit ist, dauert es mindestens zwei Jahre, sagt er.

Wie entsteht ein Flesh Tunnel?

Wie denn so ein Tunnel überhaupt entsteht, will ich wissen. "Zuerst sticht man ein normales Ohrloch genau in der Mitte des Ohrläppchens", erklärt mir Brian, " mit einem Durchmesser von ungefähr 1,2 bis 1,6 Millimetern. Alle sechs bis acht Wochen wird dieses Loch mit einem größeren Tunnel um einen Millimeter geweitet", erklärt mir Brian. Ein Loch kann erst dann vergrößert werden, wenn der Heilungsprozess abgeschlossen ist. Und das kommt sehr auf den Hauttyp an. "Bei manchen Kunden können wir schon nach sechs Wochen die nächste Größe einsetzen, andere müssen drei Monate warten".

Es gibt auch eine weitere Variante mit der man Flesh Tunnel kreiert, erklärt Brian. Dabei wird ein drei bis fünf Millimeter großes Loch in das Ohrläppchen gestanzt und ein Plug eingesetzt. Der Blutverlust ist aber um einiges höher und auch die Wunde größer, sodass Brian die erste Variante vorzieht. "Auch der Heilungsprozess verläuft besser und das Risiko für eine Entzündung ist nicht ganz so hoch". 

Ganz billig ist der ganze Dehnprozess nicht. Das Ohrlochstechen kostet im Schnitt 25 Euro pro Ohr. Mit jeder Vergrößerung muss man nicht nur den Schmuck, sondern auch das Aufdehnen zahlen. Im Titanen Piercingstudio kostet das Dehnen ungefähr fünf Euro und ein Tunnel der Größe 1,2 Millimeter 17 Euro. Und das nur bei einem Ohr. Für beide wären das dann 30 Euro, so Brian. 

Hygiene ist das A und O

Wir stehen auf. Brian führt mich in den hinteren Teil des Ladens, einen hell-erleuchteten Flur entlang und in einen anderen Raum. "This is where the magic happens", sagt er, was so viel heißt wie "hier passiert die Magie”. Der Piercing-Raum sieht ein bisschen aus wie der OP-Saal aus einem Film. Zugegeben, es gibt nicht ganz so viele Gerätschaften und hier laufen keine weiß-gekleideten Ärzte mit Mundschutz herum, aber die Atmosphäre ist ähnlich. Die weißen Fliesen verleihen dem Raum ein steriles Aussehen und der hellgraue Lederstuhl erinnert an den Zahnarzt. Entlang der Wand, über einer blank polierten Metallarbeitsplatte hängen kleine Schubladen, in denen hunderte von Piercings verschiedener Größe und Farbe liegen. Jedes Schmuckstück ist einzeln in einer kleinen Plastik- oder Papiertüte eingeschweißt. "Das Gesundheitsamt hat sehr strenge Hygienestandards”, erklärt Brian. "Alle sechs Monate müssen die Verfallsdaten auf den Tüten geprüft werden. Ist eine Verpackung abgelaufen, muss das Piercing neu sterilisiert und neu verpackt werden”.

Dass viele Menschen nicht verstehen, wie wichtig der richtige Schmuck für die Wundheilung ist, mache ihn traurig, sagt Brian. Vor allem die Sozialen Medien seien daran schuld. "Andere Piercer posten teuren Schmuck auf Instagram oder Facebook, um damit zu werben. Der sieht vielleicht toll aus", meint Brian, "ist aber für die Heilungsphase unvorteilhaft, weil er nicht richtig gereinigt werden kann, sodass es zu Entzündungen kommen kann". Am Anfang solle man sich solch einen Schmuck besser nicht einsetzen und das gilt nicht nur für Flesh Tunnels, sondern für Piercings aller Art.

Flesh Tunnel und Vorurteile gehen Hand in Hand

Ich möchte wissen, ob Brian wegen seines Flesh Tunnels schonmal mit Vorurteilen Probleme hatte. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die meisten Menschen den Anblick der riesigen Löcher im Ohr gewöhnungsbedürftig finden. Doch Brian zuckt mit den Schultern. In Berlin und generell in Europa habe er noch nie Probleme gehabt. In Amerika sähe das schon anders aus. "Vor sieben Jahren ungefähr, bin ich in Chicago durch einen Park gelaufen und die Leute starrten mich an. Ich konnte mir lange nicht zusammenreimen wieso. Aber sie waren einfach nicht an den Anblick der Tunnel und anderer Piercings gewöhnt. Dabei hatte ich noch nicht einmal mein offensichtliches Tattoo an der Hand", lacht er.

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