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Asien

Fleschenberg: "Tabubruch für Pakistan"

Das Attentat der Taliban gegen ein 14-jähriges Mädchen in Pakistan zwingt die Gesellschaft, Stellung zu beziehen. Das sagt die Politikwissenschaftlerin Andrea Fleschenberg im DW-Interview.

Deutsche Welle: Frau Fleschenberg, Anfang letzter Woche wurde die 14-jährige Malala Yousafzai von den Taliban angeschossen. Der Fall hat national wie international ein großes Medienecho ausgelöst. Wie genau wird das in den pakistanischen Medien diskutiert?

Andrea Fleschenberg: Dieser Vorfall ist mit verschiedenen Themen und Spannungsfeldern in der Gesellschaft und in der Politik verbunden. Insofern kann man ihn nicht für sich alleinstehend betrachten, um die hohen Wellen der öffentlichen Erregung hier im Land zu verstehen. Es geht natürlich einmal um den Angriff der pakistanischen Taliban auf ein Mädchen, das sich schon seit Jahren für Bildung für Mädchen in ihrer Region einsetzt und damit auch öffentlich bekannt geworden ist. Aber an das Thema docken noch verschiedene andere Themen an: Dieser Vorfall wird vermischt mit einer gesellschaftlichen Debatte um die US-Drohnenangriffe. Da stellt sich die Frage: Wie geht Pakistan mit dem Kampf gegen den Extremismus in der Gesellschaft um? Und 2014 steht der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan an. Was bedeutet das? Wie werden wir danach der Bedrohung durch die Taliban Herr? Und da ist Malala eine Schablone, um das noch mal zu diskutieren. Es geht also nicht nur um den Angriff auf dieses Mädchen, sondern auch um die Frage: Über welche Art von Konflikt sprechen wir hier eigentlich? Ist es ein Krieg, der nur von internationalen Truppen geführt wird, oder ist es eine Auseinandersetzung, die stärker auch innerhalb der Gesellschaft geführt werden muss?

Ist diese gesellschaftliche Auseinandersetzung, die Sie in den pakistanischen Medien wahrnehmen, auch in der parteipolitischen Diskussion angekommen? Viele pakistanische Politiker haben den Vorfall ja bereits verurteilt.

Teilweise. Viele Politiker haben den Angriff auf Malala zwar kritisiert, aber nur wenige verurteilen die Taliban ganz konkret dafür. Das hat auch viel mit der Stärke - oder vielmehr der wahrgenommenen Stärke - der Taliban zu tun, da viele Angst haben, dass es, wenn man sie direkt angreift, auch zu einer eigenen Gefährdung kommen kann. Die Taliban haben ja im Nachhinein auch nationale und internationale Medien bedroht.

Die eben angesprochenen politischen Debatten um die Drohnenangriffe und den Abzug der ISAF aus Afghanistan beschäftigen das Land ja schon länger. Warum ist gerade jetzt durch den Fall Malala das Ganze so hochgekocht? Warum wird gerade sie so hochstilisiert?

Wir haben in Pakistan wiederholt Fälle von außerordentlicher Gewalt gegen Frauen, sei sie gesellschaftlicher, politischer oder terroristischer Natur, zu tun gehabt. Diese Fälle haben immer ein hohes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit erregt. Es bietet sich einfach für die Medien an, diese Geschichte mit wichtigen Themen zu verknüpfen. Und dann stellt ein Angriff auf ein 14-jähriges Mädchen und zwei Freundinnen auf dem Weg von ihrer Schule auch in dieser Gesellschaft einen unheimlichen Tabubruch dar: Ein Kind wird angegriffen, das sich einsetzt für ein ihr von der Verfassung eingeräumtes Recht, das Recht auf Bildung. Und da haben wir in den pakistanischen Medien – seien es Wissenschaftler, Politiker, Journalisten oder Ministerialbürokraten - eine große Bandbreite derer, die sich zu Wort melden und sich über diesen Vorfall entrüsten.

Wie schlägt sich dieses Medienecho in der Gesellschaft nieder? Gehen die Leute auf die Straße? Gibt es Kundgebungen?

Was man in der öffentlichen Diskussion wahrnehmen kann, ist, dass der Teil, der sich über Malalas Angriff entrüstet - es könnte ja auch irgendwann die eigene Tochter sein, das eigene Recht auf Bildung -, fragmentiert ist und nicht so gut organisiert ist wie beispielsweise diejenigen, die vor einigen Wochen gegen das Mohammed-Video demonstriert haben. Gegen den Angriff auf Malala Yousafzai protestieren öffentlich viel weniger Menschen. Wir sehen auch, dass Frauen, die so stark in die öffentliche Wahrnehmung kommen, weil sie sich für etwas einsetzen oder Opfer von Gewalt geworden sind, noch immer von Teilen der Gesellschaft kritisiert werden.

Wird sich durch die mediale Empörung im Fall Malala sowohl im Hinblick auf die Taliban als auch im Hinblick auf die Frauenrechte etwas an der Gesamtsituation ändern? Oder wird die Aufregung wieder verpuffen?

Das ist die große Frage und wird hier auch sehr stark diskutiert. Ist das jetzt wirklich ein Wendepunkt? War der Angriff auf Malala jetzt so ein Schock für die Nation, dass man sich die Frage stellt: Wie wollen wir mit dieser großen politischen Herausforderung der Taliban umgehen? In Pakistan wird 2013 ein neuer Präsident gewählt, und da gibt es unterschiedliche Strategien: Kritisieren wir sie frontal? Versuchen wir, uns irgendwie mit ihnen zu einigen? Oder rufen wir auf zu weiteren militärischen Operationen? Das wird um den Fall Malala herum gerade sehr stark diskutiert. Was wichtig ist, ist aber auch die neu entflammte Debatte um Bildung. Diese Gesellschaft hat ein Problem, nicht nur, weil die Alphabetisierungsrate von Frauen und Mädchen im internationalen Vergleich sehr niedrig ist. Sie braucht auch Bildung, um wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme angehen zu können. Bisher gibt es aber noch viele Fragezeichen, ob sich wirklich etwas ändern wird.

Dr. Andrea Fleschenberg ist DAAD-Langzeitdozentin für Internationale Politik an der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad, Pakistan.

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