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Flüssignahrung

Waren Sie dieses Jahr schon im Freien ein Gläschen trinken – mit Freunden, in einer Weinlaube oder einem schönen Biergarten? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit!‎

Kaum ist die Sonne draußen und wärmt ein bisschen, schon werden Tische und Stühle vor Kneipen und Straßencafés aufgestellt. Die Außengastronomie gewinnt wieder an Fahrt, Sonnenschirme und Schiefertafeln mit der Aufschrift "Biergarten geöffnet!" zeugen vom Beginn der wärmeren Jahreszeit. Das führt nicht nur zur luftigeren Kleidung, sondern auch zu erhöhtem Bedarf an Flüssignahrung – denn jeder weiß: Je heißer der Tag, desto durstiger die Kehle.

Trinken muss sein

Die warme Jahreszeit ist somit die Zeit der – zumeist – gekühlten Getränke im Freien. Natürlich werden auch die italienischen Heißgetränke Espresso oder Cappuccino und so weiter gern genommen, aber dann bitte zusammen mit einem Mineralwasser – gegen den Durst, selbstverständlich.

Weshalb aber trinkt der Mensch? Weil er muss. Jawohl, Getränke sind nämlich flüssige Lebensmittel, und davon sollte der Mensch täglich bis zu zwei Liter zu sich nehmen. Bier zum Beispiel zählt in Deutschland immer noch zu den Lebensmitteln, mitunter wird es deshalb auch flüssiges Brot genannt. Wer allerdings zwei Liter dieses flüssigen Brotes pro Tag zu sich nimmt, der hat ein Problem.

Zischen oder schlürfen

Aber keine Angst, es geht hier nicht um Alkoholismus, sondern höchstens um alkoholische Getränke – und natürlich um Durst. Der kann groß sein. Da muss man schnell ein Glas Wasser in sich hineinschütten oder -stürzen. "Ein Bier zischen" heißt, es schnell trinken, vielleicht sogar in einem Zug: "auf ex".

Genussvolles Trinken, wenn der ganz große Durst erst einmal gelöscht ist, verlangt nach anderen Verben. Da wird schon mal geschlürft und in kleinen Schlückchen verkostet. Die Weinkenner, oder solche die so tun als ob, rollen den Wein im Mund hin und her, wenden den Blick zum Himmel und verblüffen ihre Mitmenschen mit den abenteuerlichsten Darbietungen dessen, wozu die Gesichtsmuskulatur im Stande ist.


Einen über den Durst

Das weit über seine schwäbischen Grenzen hinaus bekannte "Viertele", das ist ein Viertelliter Wein im "Vierteleglas", wird lediglich geschlotzt: langsam und mit Bedacht unter anerkennenden, genießerischen Grunzlauten zu sich genommen. Auch Cognac, Dessertweine und die Kaffeegetränke werden eher bedächtig getrunken. Der berühmte Korn allerdings, der Schnaps nach fettem, schwerem und vor allem reichhaltigem Essen, wird gekippt: in einem Zug rein damit!

Seltsamerweise wird das Saufen, die maßlose Variante des Trinkens, erst mal den Tieren unterstellt. Hunde, Katzen, Kühe, Pferde, Schweine, sie saufen; wobei kein Tier mehr Flüssigkeit zu sich nimmt, als es wirklich braucht – im Gegensatz zum Menschen. Sich einen ansaufen, sich volllaufen lassen, das vermeintlich sportliche Kampf- oder Komatrinken sind Auswüchse, die mit Durststillen oder dem genießerischen Trinken nichts zu tun haben.

Babbelwasser und Sorgenbrecher

Letzteres, und das keineswegs selten, findet zum Beispiel während des Oktoberfestes in München oder während der unzähligen Weinfeste in der Pfalz statt. Da gehen wahlweise die Maß oder der Schoppen (also der 1-Liter-Krug Bier oder das Glas Wein) reihum. Da werden Weißwürste mit süßem Senf oder die "Worscht und der Weck" (das sind die Wurst und das Brötchen) verspeist, eine Tradition, die in dem Dreiklang "Worscht, Weck unn Woi" – sozusagen "Wurst, Brötchen und Wein" – seit Urzeiten ihren Namen hat.

"Wein löst die Zunge", sagt man; und nicht umsonst nennen die Hessen ihren "Ebbelwoi", den Apfelwein, auch Babbelwasser. Wo viel gebabbelt wird, da wird auch unter dem Klingen der Gläser gesungen. Trinklieder gibt es unzählige. "Trink, trink, Brüderlein trink, lass doch die Sorgen zu Haus …" ist eins der bekanntesten. Der Trank, der Wein als Sorgenbrecher, das ist die Verheißung – leider eine trügerische. Aber wenn man so im Freien sitzt mit fröhlichen Trinkbrüdern, der Wein im Glase glänzt, da mag man irgendwann gerne mitsingen: "Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär', ja da möcht' ich so gern ein Fischlein sein."


Im fließenden Übergang

Der Mensch trinkt natürlich nicht nur, weil er muss – das wär' ja schlimm. Nein, er trinkt auch, weil's ihm schmeckt und verbindet so das Angenehme mit dem Notwendigen: im fließenden Übergang sozusagen.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Shirin Kasraeian

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