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Europa

Flüchtlingsstrom belastet die Türkei

Die Integration syrischer Flüchtlinge gelingt in der Türkei bisher erstaunlich unbürokratisch. Viele Syrer bekamen sogar eine Berufsausbildung. Doch die Flüchtlingszahlen wachsen - und damit auch die Probleme im Land.

Yousef ist mit seinen zwei Freunden vor einigen Wochen in Istanbul angekommen. Im syrischen Bürgerkrieg wurde er von einem Granatsplitter am linken Auge verletzt. Acht Monate lang haben die drei syrischen Flüchtlinge in einem Flüchtlingscamp in der osttürkischen Stadt Urfa gelebt. Dann sind sie weiter gen Westen gezogen. "Wer weiß,

wie lange der Krieg noch andauert

. Wir können ja nicht für die nächsten zehn Jahre in Camps leben", sagt der 20-jährige Syrer im DW-Gespräch.

Hier in Istanbul sitzen die drei Männer nun auf der Straße – ohne Arbeit, ohne Essen. Aber mit der Hoffnung auf schnelle medizinische Versorgung für Yousefs Auge. Da sie neu sind in der Stadt, wissen sie nicht wohin. Vorerst bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu betteln. "Es ist sehr schwer, einen Job in Istanbul zu finden. Außerdem verdient man sehr wenig Geld", so Yousef.

Die Türkei als einzige Chance

Anders als Yousef hat sich der 22-Jährige Ahmad besser zurechtgefunden. Er ist bereits vor fast einem Jahr aus dem syrischen Bürgerkrieg in die Türkei geflüchtet. Er arbeitet als Aushilfe in einem Elektroladen, allerdings ohne Arbeitserlaubnis und ohne Aufenthaltsgenehmigung. Aber niemanden scheint das hier zu stören.

Ahmad, Flüchtling aus Syrien (Foto: Sokollu/DW)

Ahmad büffelt in Istanbul für den Aufnahmetest der Universitäten

Zudem finanziert ihm die türkische Regierung gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen aus der Türkei und den arabischen Ländern einen Vorbereitungskurs für die türkischen Universitäten. Schafft er den, kann er sich an allen Universitäten im Land bewerben. Damit bietet das Land dem Flüchtling eine echte Chance. "Die Türkei ist für uns die beste Option, besser als die anderen Länder. Die arabischen Staaten bieten uns keine Hilfe an. Wenn, dann akzeptieren sie nur die Syrer, die den gültigen Pass des syrischen Regimes besitzen. Aber die meisten Syrer haben diese offiziellen Dokumente gar nicht mehr", so Ahmad im DW-Gespräch.

Sowohl Ahmad als auch Yousef sind typische Beispiele für die Situation der syrischen Flüchtlinge in der Türkei. Einerseits will die türkische Regierung helfen. Die Integration der syrischen Flüchtlinge gelingt erstaunlich unbürokratisch. Schon über 30.000 Syrer konnten eine Berufsausbildung abschließen. 70.000 Kinder und Jugendliche werden in Kitas und Schulen versorgt. Andererseits ist die Türkei aber zunehmend überfordert. Allein

in Istanbul leben fast 200.000 Syrer

- und immer mehr auf der Straße.

Unmut in der türkischen Bevölkerung wächst

Aufgrund der vielen arabisch sprechenden Einwanderer verändert sich auch das Stadtbild der Millionenmetropole am Bosporus drastisch. Werbeplakate sind immer öfter auf Arabisch zu sehen. Ein Hauptproblem für die Türken ist zudem die Konkurrenz bei der Jobsuche. Syrische Schwarzarbeiter drängen zunehmend auf den ohnehin schwachen türkischen Arbeitsmarkt. Syrer arbeiten als Kellner, Schneider, Friseure, aber auch im Tourismus - aufgrund ihrer Arabischkenntnisse. Sie sollen arabische Touristen anlocken, die in wachsender Zahl die Türkei als Reiseziel entdecken. Allein im Istanbuler Nobelviertel Ortaköy arbeiten türkischen Medienberichten zufolge rund 250 syrische Flüchtlinge; vor allem als Kellner.

Yousef und seine zwei Freunde, Flüchtlinge aus Syrien (Foto: Sokollu/DW)

Yousef und seine zwei Freunde sind vor einigen Wochen aus Urfa nach Istanbul gekommen

Doch die wachsende Zahl der Syrer in der Türkei führt auch zur Verschlechterung der Lebenssituation für die Flüchtlinge. Vorurteile machen sich breit, die Türken reagieren zunehmend ablehnend. Immer öfter kommt es zu Demonstrationen gegen die Flüchtlinge, oder es werden sogar syrische Einrichtungen zerstört. Die Forderung ist eindeutig: Die Syrer sollen entweder in den Camps bleiben oder zurück in ihre Heimat reisen. "Im eigenen Land fühlen wir uns wie Touristen", beklagt sich ein Türke gegenüber der DW, der seinen Namen nicht verraten möchte. In manchen Gegenden gebe es mittlerweile mehr Syrer als Türken, kritisiert ein türkischer Gemüsehändler. "Es ist zwar nichts schlechtes,

aber es sind mittlerweile so viele

. Das Land kann das einfach nicht mehr tragen", fügt er hinzu.

Viele Vorurteile sind in Umlauf. Ein Türke unterstellt den Syrern, nur an schnelles Geld in der Türkei kommen zu wollen. "Danach hauen sie ab in die EU. Sie sind unzuverlässig. Sie nutzen unser Land nur aus", sagt er. "Die Syrer haben die belebtesten Straßen Istanbuls besetzt. Wie lange müssen wir noch mit dieser schrecklichen Situation leben?", schreibt ein Nutzer auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Flüchtlinge aus Syrien in Istanbul (Foto: Sokollu/DW)

Die Stimmung in der Türkei gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien beginnt zu kippen

Die türkische Regierung hat die wachsenden Spannungen zwischen der eigenen Bevölkerung und den Flüchtlingen erkannt und beginnt nun mit drastischen Maßnahmen. So hat der Istanbuler Bürgermeister Huseyin Avni Mutlu Medienberichten zufolge angekündigt, Tausende von syrischen Flüchtlinge mit Minibussen aus Istanbul in die Camps in den Osten der Türkei zu entsenden. 500 Syrer seien bereits vergangenen Monat aus der Stadt gebracht worden.

Flüchtlingsproblem verschlimmert sich

Vor dem Hintergrund der Konflikte an den östlichen Grenzen der Türkei nimmt der Flüchtlingsstrom weiter zu. Die Syrer sind nicht mehr die einzige Belastung für das Land. Auch viele Jesiden flüchteten vor den IS-Terroristen aus dem Nordirak in die Türkei. Laut Angaben des türkischen Katastrophenschutzes AFAD sollen bereits über 2000 Angehörige dieser Glaubensrichtung Zuflucht in der Türkei gefunden haben. Im Irak, nahe der türkischen Grenze soll nun ein weiteres Camp errichtet werden. Es soll 16.000 Flüchtlinge aufnehmen können, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Derweil versucht Yousef, Unterstützung auch außerhalb der Türkei zu finden. Gemeinsam mit seinen zwei Freunden hat er ein Schreiben an die Vereinten Nationen geschickt. Darin beklagt er die Hungersnot und die menschenunwürdigen Bedingungen für syrische Flüchtlinge auf Istanbuls Straßen. Er braucht Hilfe - und eine Perspektive.

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