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Europa

Flüchtlingsströme in der Ukraine nehmen zu

Die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und die Kämpfe in der Ostukraine treiben immer mehr Menschen in die Flucht. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die meisten Flüchtlinge scheinen im Land zu bleiben.

Jewhenia Kalaschnik kann ihre Tränen nicht unterdrücken. "Geschossen wurde von allen Seiten, immer näher an unserem Haus", erzählt die 26-jährige Frau aus der ostukrainischen Stadt Slowjansk. Die ukrainische Armee kämpft dort seit April gegen

prorussische Separatisten

. "Es ist unbeschreiblich, wie beängstigend das ist", sagt Jewhenia. Bis Ende Mai versteckte sie sich mit ihrem Mann und zwei Kindern, die vier und sechs Jahre alt sind, jede Nacht im Keller. Dann hielten sie es nicht länger aus, stiegen in einen Linienbus und fuhren weg.

Die Männer von zwei Flüchtlingsfamilien aus der Ostukraine (Foto: DW)

Die Männer der Flüchtlingsfamilien arbeiten nun in einem landwirtschaftlichen Betrieb

Heute lebt die Familie im Dorf Buhajiwka, rund 60 Kilometer nördlich von Slowjansk. Sie flüchtete dorthin gemeinsam mit einer befreundeten Familie. Vier Erwachsene und vier Kinder kamen zunächst in einem kleinen Haus unter, in dem eine ältere Frau, eine Verwandte, lebt. Dann fanden die Männer Arbeit als Fahrer bei einem landwirtschaftlichen Betrieb. Die Gemeinde stellte den zwei Familien ein leer stehendes Haus zur Verfügung und half bei der Einrichtung. "Ich war überrascht, denn ich habe noch nie so große Hilfsbereitschaft erlebt", erinnert sich Jewhenia.

Zahl der Flüchtlinge umstritten

So wie die Familie Kalaschnik haben seit März viele Ukrainer ihre Heimatorte verlassen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Russland behauptet, zehntausende Ukrainer seien auf der Flucht und das Land stehe am Rande einer humanitären Katastrophe. "Mehr als 5000 Ukrainer haben in diesem Jahr einen Flüchtlingsstatus beantragt", sagte am Mittwoch (11.06.2014) der Leiter des russischen Migrationsdienstes FMS, Konstantin Romodanowskij, in einem Interview für die Tageszeitung "Rossijskaja gazeta", die von der Regierung herausgegeben wird. Im Mai schätzte der FMS die Gesamtzahl ukrainischer Flüchtlinge auf mehr als 140.000. Die meisten seien in die russischen Grenzregionen geflüchtet.

"Es ist schwer, eine genaue Zahl zu ermitteln", sagt der Deutschen Welle Wladimir Scharichin vom Moskauer Institut für GUS-Studien. "Das Problem besteht darin, dass es zwischen Russland und der Ukraine keine Visumspflicht gibt", so der Experte. "Viele lassen sich in Russland nicht als Flüchtlinge registrieren." Die meisten würden schnell wieder nach Hause zurückkehren wollen, sagt Scharichin.

Die ukrainischen Behörden halten die Angaben ihrer russischen Kollegen für stark übertrieben. Die meisten Flüchtlinge aus den östlichen Gebieten der Ukraine würden es bevorzugen, im eigenen Land zu bleiben und bei Verwandten unterzukommen. Auch die UNO nannte Ende Mai eine deutlich niedrigere Zahl. Auf der Flucht seien etwas mehr als 10.000 Ukrainer, so das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Genf.

Poroschenko ordnet Fluchtkorridor an

Die ersten Flüchtlinge innerhalb der Ukraine waren im März die

Krimtataren

. Nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel durch Russland waren viele Krimtataren wegen ihrer proukrainischen Haltung Anfeindungen seitens ethnischer Russen ausgesetzt. Nach Angaben ukrainischer Medien zogen Tausende in die benachbarten südlichen Gebiete der Ukraine, in die Hauptstadt Kiew, aber auch ins westukrainische Lwiw. Ein Großteil der rund 300.000 Krimtataren will die Krim jedoch nicht verlassen.

Präsident Petro Poroschenko am Tag seiner Vereidigung (Foto: REUTERS/Konstantin Grishin)

Präsident Petro Poroschenko will in den Kampfgebieten Fluchtkorridore einrichten

Die meisten Flüchtlinge in der Ukraine sind heute allerdings Menschen aus den östlichen Gebieten Donezk und Luhansk, wo prorussische Separatisten "Volksrepubliken" ausgerufen haben. Dort toben immer schwerere Kämpfe. Die Zahl der Opfer, darunter auch Kinder, steigt. Vor diesem Hintergrund ordnete der neugewählte ukrainische

Präsident Petro Poroschenko

am Dienstag (10.06.2014) an, in den umkämpften Gebieten einen Fluchtkorridor für Zivilisten zu bilden.

Lager für Flüchtlinge hat die Ukraine allerdings noch keine errichtet. In sozialen Netzwerken wie Facebook haben sich deswegen Gruppen Freiwilliger gebildet, die mit Wohnungen, Transportmitteln oder einfach mit Geldspenden helfen. Doch diese Hilfe allein genüge nicht, sagt der DW der Kiewer Aktivist Olexander Kljaschtornyj. "Unsere Kapazitäten reichen nicht aus, um diesen Strom von Menschen zu bewältigen", betont der Mann. Die Regierung in Kiew müsse sich um die Flüchtlinge besser kümmern.

Mehr ukrainische Flüchtlinge in Polen

In der Europäischen Union ist die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge noch überschaubar. Die polnischen Behörden melden rund 600 Flüchtlinge aus der benachbarten Ukraine seit Jahresbeginn. Jedoch sei in den letzten Wochen ein dramatischer Anstieg zu beobachten, teilte die polnische Ausländerbehörde am Dienstag in Warschau mit.

In der Bundesrepublik gibt es offenbar noch kaum ukrainische Flüchtlinge. Das könnte sich aber ändern. Bundesinnenminister Thomas de Maizière schloss im Mai einen Anstieg der Anzahl von Flüchtlingen aus der Ukraine nicht aus.

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