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Tag des Ehrenamts

Flüchtlingshilfe: "Viele Ehrenamtliche sind abgesprungen"

Vor zwei Jahren konnten Flüchtlingsinitiativen sich kaum retten vor Menschen, die helfen wollten. In den vergangenen Monaten ist die Hilfsbereitschaft zurückgegangen - dabei werden Ehrenamtler jetzt dringend benötigt.

"Ohne das Ehrenamt der Vielen würden wir es keinen einzigen Tag schaffen", erklärt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, zum Welttag des Ehrenamtes. Nach Angaben der Bundesregierung engagieren sich bundesweit rund 40 Prozent der Bevölkerung über zehn Jahren in ihrer Freizeit ehrenamtlich - das sind rund 25 Millionen Menschen. Sie tragen dazu bei, dass Sportvereine, Parteien oder soziale Initiativen am Leben gehalten werden.

Als im Herbst 2015 und in den darauffolgenden Monaten Hunderttausende Menschen in Deutschland Schutz suchten, war auch die Hilfsbereitschaft im Bereich der Flüchtlingshilfe geradezu überwältigend. "2015, 2016 hatten wir Wartelisten mit mehreren Hundert Leuten drauf", sagt Claus-Ulrich Prölß. Er ist Geschäftsführer des Kölner Flüchtlingsrates, der sich schon seit mehr als 30 Jahren für den Schutz und die Rechte sowie die Integration von Flüchtlingen einsetzt.

München Hauptbahnhof Ankunft der Flüchtlinge im Herbst 2015 (picture-alliance/dpa/A. Gebert)

Freiwillige Helfer begrüßen die ankommenden Flüchtlinge im Herbst 2015

Nachlassende Hilfe

Jetzt, gut zwei Jahre nach der Hochphase des Flüchtlingszuzuges, hat sich die Situation geändert. "Viele Ehrenamtliche sind abgesprungen", sagt Prölß. "Spätestens seit diesem Jahr müssen wir quasi Leute suchen, Werbekampagnen machen." Frust, Überforderung, aber auch die veränderte Stimmung gegenüber Flüchtlingen hätten dazu beigetragen.

Ähnliche Erfahrungen hat Svenja Rickert von der Kölner Freiwilligenagentur gemacht. Die Agentur vermittelt Menschen, die sich engagieren wollen, in ein Ehrenamt. Auch Rickert sagt: "Wir müssen wirklich suchen. Und das hören wir auch von Willkommensinitiativen, dass die wirklich Unterstützung suchen und hoffen, bald wieder Leute zu finden."

Helfer sind wichtig für die Integration

Doch woran liegt die zurückgegangene Nachfrage? "Vielleicht ist es ein Trend, sich punktuell sehr stark für Dinge zu engagieren, statt langfristig", vermutet Rickert. Dabei sei es besonders jetzt, Monate nach der Ankunft der Geflüchteten, besonders notwendig, ihnen zu helfen. "Jetzt geht es darum, dass die Menschen einen Platz in der Gesellschaft finden", sagt Rickert. "Häufig höre ich, dass Geflüchtete, die schon zwei Jahre hier sind, sagen, sie haben bislang eigentlich keinen Kontakt zu Menschen hier aus Köln gehabt, mit denen es nicht beruflich war."

Flüchtlingsinitiativen suchen Helfer - doch das Image der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer hat sich in den vergangenen zwei Jahren stark verändert. Während es damals schon fast zum guten Ton gehört habe, sich im Bereich der Flüchtlingshilfe zu engagieren, hätten sich die Einstellungen geändert, sagt Rickert: "Sobald die Hilfe eher ins Politische geht, tritt das tendenziell häufiger auf, dass es negativer angesehen wird, oder dass negative Kommentare aus dem Umfeld kommen."

Immer wieder Angriffe auf Helfer und Flüchtlinge

Hassmails, volksverhetzende oder menschenverachtende Kommentare - das kennen Claus-Ulrich Prölß und Svenja Rickert aus ihrer täglichen Arbeit. Andernorts kommt es immer wieder auch zu Übergriffen. "In Neukölln erleben wir zum Beispiel Brandstiftungen an privaten PKWs, aber auch eingeworfene Fensterscheiben an Wohnungen, oder dass Bedrohungen mit dem Namen der Person in den Eingangsbereich von Wohnhäusern gesprüht werden", sagt Simon Brost von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in Berlin.

Das Ziel der Attentäter: Flüchtlingshelfer einschüchtern, ein Klima der Angst schaffen, damit sich die Helfer nicht weiter engagieren. Hinter den Angriffen stecken vor allem Rechtsextreme. Die Mobile Beratungsstelle versucht den Opfern solcher Angriffe zu helfen und ermutigt sie dazu, ihr Engagement fortzusetzen. "Die Reaktionen sind so unterschiedlich wie die Betroffenen selbst", sagt Brost. "Das reicht von Wut, aber auch Angst, bis hin zu noch größerer Entschlossenheit, das Engagement fortzusetzen."

Deutschland Geplantes Flüchtlingsheim in Flammen in Bautzen (picture-alliance/dpa/R. Löb)

Anfang Februar 2016 war in einem geplanten Flüchtlingsheim im sächsischen Bautzen Feuer gelegt worden. Schaulustige hinderten die Einsatzkräfte daran, das Feuer zu löschen

Im Schnitt gibt es fast jeden Tag einen Anschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Deutschland. Im Laufe des Jahres wurden nach Angaben des Innenministeriums mehr als 1000 Asylbewerber außerhalb ihrer Unterkünfte verletzt. Wie viele Flüchtlingshelfer attackiert werden - dazu gibt es bisher keine bundesweiten Zahlen. Doch mit den Angriffen auf Asylbewerber und ihre Unterkünfte geraten auch ihre Helfer ins Visier. Helfer, die für die Integration der Geflüchteten jetzt dringend gebraucht werden.  

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