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Deutschland wählt

Flüchtlingshilfe: "Die Aktiven fühlen sich von der Politik im Stich gelassen"

2015 halfen Münchner Bürger den Geflüchteten am Hauptbahnhof. Daraus entstand 2016 der Verein "Münchner Freiwillige - Wir helfen". Die DW sprach mit der Vorsitzenden Lessig über die Willkommenskultur in Deutschland.

Deutschland Empfang Flüchtlinge in München - Freiwillige Helfer HBF (picture-alliance/dpa/N. Armer)

Freiwillige Helfer bei der Versorgung von Flüchtlingen im Münchner Hauptbahnhof 2015

DW: Was sind heute die Haupttätigkeiten des Vereins?

Marina Lessig: Im Bereich der Flüchtlingshilfe sind sehr viele Menschen, die vorher noch nicht in einer institutionellen Form ehrenamtlich aktiv waren. Da ist ganz stark Anleitung gefragt und Erfahrungsaustausch. Mir geht es auch ganz stark um das Thema visionär denken. Ende des Jahres starten wir beim Kongress "München integriert" einen Anlauf, um zu sagen: Wir haben die erste Phase geschafft, jetzt geht’s wirklich um die Integration. Lasst uns mal wieder neu und frei denken, wie das funktionieren kann.

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Marina Lessig

DW: Wie erklären Sie sich das, dass hier im Herbst 2015 diese riesige Hilfsbereitschaft entstanden ist - gerade in München hat das ja seinen Anfang genommen.

es ist sehr typisch für München ist, dass man hier zwar seine Gemütlichkeit und seinen Wohlstand schätzt, aber auch immer das Herz am rechten Fleck hat und sagt, Wohlstand und ein angenehmes Leben - daran müssen viele teilhaben. Und dann muss man nochmal sagen: Wer war das denn von den Personen, die hier angepackt haben? Wir haben vorwiegend Helfer gehabt, die waren so Anfang 20 bis Mitte 40 - und wenn man sich deren normalen Lebensalltag anschaut, dann ist ein Ehrenamt in deren Alltag oft gar nicht möglich - also: Gerade in den Job eingestiegen, oder dabei, Karriere zu machen oder Familie zu gründen, befristete Stellen, vielfach umziehen, da kann man sich nicht fest an eine Organisation regelmäßig binden. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen nicht gesellschaftlich aktiv sein und Gesellschaft gestalten wollen. 2015 gab es einfach die Möglichkeit für jeden, spontan ungebunden aktiv zu werden und auch in wenigen Stunden einen sehr sinnvollen Beitrag zu leisten.

DW: Wenn Sie es vergleichen müssten: Was wurde damals von ihrem Verein gebraucht und was heute?

2015 ging es wirklich darum, menschliche Katastrophen zu verhindern. Wir wollten, dass jeder Mensch, der einen leidvollen Weg hatte und hier ankommt, das erfährt, was aus unserer Sicht die Grundanforderungen an unser Leben sind: Nahrung, ein Dach über dem Kopf, vielleicht eine Rückzugsmöglichkeit und einfach mal wieder freundliche Nähe erfahren. Inzwischen hat sich das sehr stark gewandelt. In vielen Unterkünften gibt es sehr viele, die schon längst anerkannt sind, die keine Wohnung finden. Die Herausforderung jetzt ist: Wie gelingt denn das Leben? Wie gelingt denn die Integration in der Normalität? Es geht darum, Normalität zu erschaffen. Das bedeutet für uns ganz stark das Thema Wohnen, das bedeutet aber auch für uns Freunde werden, also kein Helfer-Geholfenem-Verhältnis aufzubauen, sondern vielmehr Begegnungen zu schaffen, die ungezwungen sind. Es geht aber auch ganz stark um das Thema Behördenbegleitung, Dolmetschen und auch Bildung. Auf der einen Seite sicherlich die berufliche Bildung. Bei manchen ist es aber auch Alphabetisierung als erster Schritt und auch das was uns allen selbstverständlich erscheint. Vieles was uns selbstverständlich erscheint ist eigentlich sehr lange erlernt und trainiert und da muss Geflüchteten geholfen werden ihnen eine Orientierung zu bieten und zu sagen: Schau so funktioniert das Leben hier.

DW: Viele Geflüchtete stellen sich die Frage: was will Deutschland von uns? Wollen die, dass wir Flüchtlinge bleiben und dieses Label behalten, weil das ja impliziert, dass wir irgendwann zurückgehen? Oder sollen wir uns integrieren? Sehen Sie diesen Zwiespalt der Menschen hier auch?

Ich sehe diesen Zwiespalt. Ich glaube aber nicht, dass er wirklich gesellschaftlich verursacht ist, sondern dass er politisch verursacht ist. Ich glaube auch wenn man Menschen in unserer Gesellschaft fragt, die kritisch dem Thema Geflüchtete oder teilweise sogar feindlich eingestellt sind: Was wollt ihr, dass diese Menschen tun? Dann werden die immer sagen, die Sprache erlernen und arbeiten. Und ich glaube egal wie positiv, neutral oder negativ man dem Thema eingestellt ist, alle sagen, es ist unmöglich wenn Leute hier kleben und nicht arbeiten dürfen.

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