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Tod auf dem Mittelmeer

Flüchtlingshelfer in Seenot: "Von Menschen in Todesangst überrannt"

Der Seenotretter "Iuventa" von der Hilfsorganisation "Jugend rettet" aus Berlin geriet bei einem Einsatz im Mittelmeer überladen in Seenot. Pressesprecherin Schmidt berichtet über den Vorfall und die Arbeit der Helfer.

DW: Wie geht es den Crew-Mitgliedern Ihres Rettungsschiffes "Iuventa" nach dem letzten Einsatz?

Pauline Schmidt: Wir haben diese Mission zwei Tage eher beendet und die Crew ist seit gestern in Malta. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut, aber sie brauchen dringend Ruhe. Wir arbeiten zusammen mit SbE, der Bundesvereinigung zur Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Diese Fachkräfte warten nach jeder Mission auf unsere Crews und arbeiten die Erlebnisse auf Malta in Ruhe mit ihnen auf. Dazu muss man aber noch anmerken, dass unsere Crews erfahrene Leute mit entsprechender Ausbildung sind und emotional vorbereitet und bewusst in diese Situation gehen.

Wie kam es dazu, dass so viele Flüchtlinge an Bord aufgenommen wurden?

Unser Schiff hat nicht zu viele Geflüchtete aufgenommen, sondern wurde von Menschen in Todesangst überrannt. In einer Situation, in der wir schon stundenlang mit unserem Rettungsinselsystem, mehreren zu stabilisierenden Schlauchbooten in direkter Nähe und einem vollen Deck auf Hilfe warteten, näherte sich plötzlich ein Holzboot mit knapp 800 Personen. Diese Menschen brachen in Panik aus und sprangen ins Wasser, viele von ihnen kletterten dann auf die "Iuventa", die ihr Maximum schon erreicht hatte. Das alles passierte auch noch unter schlechten Wetterbedingungen.

Wie wird entschieden, wen man rettet? Gibt es Prioritäten hinsichtlich Kranken, Schwangeren etc.?

Es geht immer nach medizinischer Dringlichkeit beziehungsweise danach, wo und in welchem Zustand sich die Personen befinden. Menschen im Wasser und Menschen ohne Rettungsweste gehen logischerweise immer vor. Kinder werden immer mit ihren Eltern aufgenommen. Es wäre absolut undenkbar, sie in einer solchen Situation zu trennen.

Was wird aus den Menschen, die gerettet werden?

Die "Iuventa" ist kein Schiff, das Menschen an Land bringt. Wir arbeiten mit der Leitstelle für Seenotrettung MRCC in Rom gemeinsam an Lösungen. Sie senden uns Schiffe zur Assistenz, wie beispielsweise am Osterwochenende einen riesigen Tanker, in dessen Windschatten die Leute an Deck der "Iuventa" geschützter waren. Wenn die Personen also von uns an NGOs übergeben werden, die sie an Land bringen, läuft das immer auf der rechtlichen Basis des Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Dieses schreibt einen sogenannten sicheren Hafen als Ansteuerungspunkt nach Seenot vor. Das ist selbstverständlich nicht Libyen, das Land aus dem die Menschen ja gerade unter Todesangst geflüchtet sind. Die Geflüchteten werden dann an Land registriert, ihre Identitäten aufgenommen und sie werden dann weiter mit versorgt.

Nehmen jetzt, wenn die Temperaturen steigen, die Flüchtlingszahlen zu?

Fluchtbewegungen auf der zentralen Mittelmeerroute sind definitiv wetterabhängig. Bei ruhiger See und in den Sommermonaten sind mehr Menschen auf dem Wasser.

Die hohen Unterhaltskosten für das Rettungsschiff betragen rund 40.000 Euro pro Monat (Jugend Rettet e.V.)

Die Unterhaltskosten für das Rettungsschiff "Iuventa" betragen rund 40.000 Euro pro Monat

Was macht man, wenn mehrere Einsätze gleichzeitig auftreten? Mit welcher Priorität entscheidet man, wem man hilft?

Generell fährt unser Schiff unabhängig von der Menge der Seenotsfälle, um die wir uns gleichzeitig kümmern, die Schlauchboote immer erst an und checkt deren Zustand. Die Kollegen verteilen dann Rettungswesten und prüfen die Lage und Dringlichkeit der Situation. Dann wird nach Notfällen sortiert. Das bedeutet, dass Schlauchboote, die Luft verlieren, selbstverständlich zuerst geborgen werden. Es gibt Situationen, in denen wir Personengruppen sehr lange auf den Schlauchbooten halten müssen, weil das Schiff keine Menschen mehr aufnehmen kann. In solchen Fällen fährt unsere Crew regelmäßig immer wieder zu den Schlauchbooten in Seenot und prüft deren Situation, reicht Wasser und teilweise auch Nahrung und nimmt gegebenenfalls Leute mit, die unbedingt medizinische Hilfe benötigen. Das Schiff hat bestimmte Kapazitäten, und der Kapitän vor Ort kann nur begrenzt Personen aufnehmen. Mit diesem System und gleichzeitiger Nutzung unserer Rettungsinseln rechts und links neben dem Schiff können wir uns aber gut um mehrere Hundert Menschen gleichzeitig kümmern, bis in Koordination mit der Seenot-Leitstelle MRCC in Rom ein größeres Schiff für den Transfer kommt.

Was macht es mental mit einem, wenn man weiß, dass man nicht alle Menschen bei so einem Einsatz retten kann und die Leute quasi vor einem im Meer versinken und ertrinken?

Während der Missionen ist es häufig der Fall, dass wir Menschen im Wasser finden, die schon ertrunken sind. Auch Todesfälle an Bord der Schlauchboote passieren häufiger, weil die Menschen über Stunden auf so engem Raum sind, dass sie sich gegenseitig erdrücken oder in Panik geraten und dann ins Wasser fallen. Sind wir vor Ort, kann es außerdem passieren, dass wir Menschen vorfinden, die so viel durchmachen mussten, dass unsere Ärzte ihnen nicht mehr helfen können. Den Extremfall einer ertrinkenden Person während eines Einsatzes haben wir glücklicherweise extrem selten, weil wir ja genau darauf geschult sind. Trotzdem kann auch das passieren, wenn es zu Panik kommt. Das ist für unsere Crews ein schwerer Moment, denn jede einzelne Person zählt für uns. Auch Momente, in denen klar ist, dass wir sinkende Schlauchboote nicht mehr rechtzeitig erreichen können, sind hart.

Oftmals werden die Retter auch von vorbeifahrenden Tankern unterstützt (Jugend Rettet e.V.)

Oftmals werden die Retter von vorbeifahrenden Tankern unterstützt

Wie entstand die Idee, und was sind das für Leute, die bei ihnen mitarbeiten?

Unsere Organisation wurde 2015 als direkte Reaktion auf das Schiffsunglück vor Lampedusa mit 800 Todesfällen gegründet. Diese Zahlen und das Ausbleiben jeglicher Hilfe durch die Europäische Union hat uns dazu bewogen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wir haben mit acht Studenten in Berlin begonnen. Unsere Mitglieder stammen aus ganz Europa. Der Gedanke dahinter war immer, dass wir zeigen wollten, dass die Zivilgesellschaft humanitäre Arbeit für unbedingt angezeigt hält, und gleichzeitig gingen wir natürlich davon aus, dass die EU nachzieht, wenn sogar wir das Thema mit unseren extrem begrenzten Mitteln stemmen. Leider hat sich diese Hoffnung bis heute nicht erfüllt.

Wie ist der Zuspruch in der deutschen Bevölkerung? Am Anfang der Flüchtlingskrise waren viele Menschen hilfsbereit, inzwischen gibt es immer mehr Ressentiments. Wie sieht das hinsichtlich ihrer Organisation aus?

Wir haben natürlich mit Angriffen aus dem rechten Spektrum und absurden Verschwörungstheorien zu kämpfen. Gerne unterstellt man uns, irgendwie heimlich aus den USA finanziert zu werden und gut an der Flüchtlingskrise zu verdienen. Unsere Organisation wird als gemeinnütziger Verein geführt und muss über jeden Euro Rechenschaft ablegen. Spenden kommen komplett von Privatpersonen. Wir sammeln über die Spendenplattform betterplace.org. Dieses Maximum an Transparenz scheint leider für viele trotzdem nicht auszureichen.

Gibt es hauptamtliche Mitarbeiter?

Das Team in Berlin und Malta arbeitet mehrere Stunden am Tag, aber wir zahlen uns keine Gehälter aus, sondern finanzieren die Arbeit des Vereins mit Zweitjobs, mit denen wir unseren Lebensunterhalt stemmen. Bei monatlichen Kosten von 40.000 Euro können wir uns nicht guten Gewissens selbst ein Gehalt zahlen, wenn das das die Arbeit gefährden würde. Wir brauchen unsere Spendengelder vollständig für das Schiff.

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